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freizeit Leben, Liebe & Sex
06/11/2020

Essen, Sex und Weltpolitik: Die pikante Geschichte des Séparées

Social Distancing macht kreativ: Das „Sacher“ überrascht mit Fine Dining in „Séparées“. Was das "Extrazimmer" einst bedeutete.

von Gabriele Kuhn

So eine charmante Idee: Das Hotel Sacher verwandelt seine Suiten in Zeiten des Social Distancing in „Pop-up-Séparées“, wo bis zu vier Gäste ungestört frühstücken, lunchen oder dinieren können. Ein Kunstgriff zurück in die Geschichte des Hauses. Denn es war Gründer Eduard Sacher, der die Idee des niveauvollen Rückzugs kultivierte. Salons particulaires hieß die Delikatesse. Hier konnte die Ringstraßen-Gesellschaft „entre nous“ sein, dabei wurde diniert, parliert, champagnisiert und allerlei sonst. Das „Allerlei“ lässt sich schön mit dem anachronistischen Begriff „Diskretion“ umschreiben. Auch wenn so manches Pantscherl trotzdem bekannt wurde.

Die Idee des intimen Mahls hat was – zwei Menschen in einem Raum, das Personal klopft an, es liegt was in der Luft. Womöglich eine Reanimationsidee für lasch gewordene Beziehungen – möge das Vorspiel beim Dessert beginnen! Jedenfalls besser, als sich mit vollem Bauch im Badezimmer seines Vertrauens abzuschminken, die Zähne zu putzen, in den Baumwollpyjama zu schlüpfen und den Sex auf nächste Woche zu verschieben. „Chambre séparée“ ist als Begriff per se schon herrlich lyrisch und Anregung fürs Kopfkino. Edel und anrüchig zugleich – geschichtsträchtig. Séparées gab es etwa in den Räumlichkeiten des „Hawelka“, das aus der 1906 gegründeten „Chatham-Bar“ hervorgegangen war. Bekannt war das Etablissement aber als „Je t’aime“-Bar, eben wegen des „Chambre séparée“, in das die Wiener sich zurückziehen konnten. „Die Guck“ hieß das Séparée im Puff einschlägig, „eine Guck machen“ bedeutete: mit einer Dirne ins Séparée gehen.

...beim Champagner und Souper

Es musste aber nicht immer die „Dirne“ sein, oft war es das „süße Mädel“, die „feine Madame“ oder gar Gattin eines anderen, mit der man sich dorthin zurückzog – für eine „Liebschaft ohne Liebe“, wie Arthur Schnitzler in seinem Tagebuch notierte. Ein Auskenner. So manche seiner Affären – Motto: "Mein Blut tanzt Cancan" – beginnt bei einer Einladung zum exquisiten Souper mit Champagner im Chambre séparée des Riedhofs und endet mit glühenden Zärtlichkeiten in einem Hotelzimmer (aus „Alle, alle will ich“, von Josef Sachslehner). Auch mit einer gewissen Marie endete er dort, dazu Schnitzler: Wir küssten und logen noch mehr als gestern". Passend Szene 6 „Der Gatte und das süße Mädel“ seines „Reigen“: "Ein Cabinet particulier im Riedhof. Behagliche, mäßige Eleganz. Der Gasofen brennt. Auf dem Tisch sind die Reste einer Mahlzeit zu sehen, Obersschaumbaisers, Obst, Käse. In den Weingläsern ein ungarischer weißer Wein. Der Gatte raucht eine Havannazigarre, er lehnt in der Ecke des Diwans. Das süße Mädel sitzt neben ihm auf dem Sessel und löffelt aus einem Baiser den Obersschaum heraus, den sie mit Behagen schlürft." Und auch die Musik lebte vom vordergründigen Reiz des intimen Tête-à-tête. Gehen wir ins Chambre séparée ist ein Walzerduett aus der Operette „Der Opernball“, die1898 in Wien uraufgeführt wurde. Es wurde zum Ohrwurm: "Ach, zu dem süssen Tête-à-tête. Dort beim Champagner und beim Souper. Man alles sich leichter gesteht".

„Auch mit einer gewissen Marie endete er dort, dazu Arthur Schnitzler:  ,Wir küssten und logen noch mehr als gestern’.“

Und die Realität? "Skandal im Séparée Nr. 4" lautete der Titel der Kronenzeitung-Rubrik „Gerichtssaal“ am 17. Jänner 1935. Die Fakten: Der Kaufmann Heinrich Sch. wurde in dem Séparée eines Weinlokals auf dem Alsergrund von Gattin und Schwiegermutter in flagranti ertappt. Als der Richter einen „Bekannten“ im darauffolgenden Prozess als Belastungszeugen nach etwaigen „Vertraulichkeiten“ fragte, meinte dieser nur: "Man geht doch nicht in ein Séparée, um zu beten." Und das ist schon wieder so gut, dass man Lust auf ein Souper bekommt.

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