Das Puzzle ist als Spiel am Puls der Zeit.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
02/25/2020

Puzzles: Eine erstaunlich einfache Antwort auf den digitalen Stress

Längst nicht mehr nur Kindersache: Immer mehr Erwachsene widmen sich in der Freizeit dem Lösen von Puzzles. Der Sektor boomt, weil das Spiel auch eine Rückkehr zu den Wurzeln bedeutet.

von Marlene Patsalidis

Sauber gestanzte Pappteilchen, jedes mit seiner ganz eigenen Kerbung, in einem bunten Haufen auf dem Boden verteilt. Für sich allein ergeben sie keinen Sinn – zusammen das große Ganze. Puzzles wecken bei vielen Erwachsenen Erinnerungen an die Kindheit.

Doch das Denkspiel scheint den Kinderschuhen längst entwachsen. Immer öfter lassen Erwachsene den Feierabend mit den sich ergänzenden Kartonteilen ausklingen. Der Trend zum Puzzeln hat bei Spieleherstellern das Wachstum im vergangenen Jahr ordentlich angekurbelt. Bei Ravensburger erhöhten sich die Verkaufserlöse gegenüber dem Jahr davor um 6,7 Prozent auf 524 Millionen Euro.

Weltweit seien fast 20 Prozent mehr Erwachsenen- und Kinderpuzzles umgesetzt worden als im Jahr zuvor, heißt es dazu auf KURIER-Anfrage. Satte Zuwächse verzeichnete man auch bei Puzzlehersteller Heye: "Das Interesse an Puzzle ist aus unserer Perspektive sehr stabil, auch bei Erwachsenen", sagt Paulette Lamber, Geschäftsführerin des Athesia Kalenderverlags, zuständig für die Heye-Puzzle-Sparte.

Mit den Einnahmen liegt man auch bei Schmid Spiele über Branchenniveau: "Sowohl 2018 als auch 2019 haben wir im Bereich Kinder- und Erwachsenenpuzzles eine starke Umsatzsteigerung verzeichnet. Vergangenes Jahr belief sich diese auf 35 Prozent", sagt Axel Kaldenhoven, Geschäftsführer der Schmidt Spiele GmbH. Und Piatnik-Geschäftsführer Dieter Strehl betont: "Die Lust am Ordnen und Zusammensetzen von kleinen Teilen ist international ungebrochen."

Alltag ausblenden

Aus Sicht der Hersteller steckt dahinter das Bedürfnis vieler Menschen, etwas Haptisches zu machen – als Ausgleich zum heutzutage vorwiegend digitalen Alltag. Ähnlich wie das Ausmalen von Mandalas versetzt das Lösen von Puzzles "in einen meditativen Zustand", weiß Ulrike Kipman, Klinische und Gesundheitspsychologin. Störreize werden ausgeblendet; Puls, Blutdruck und Atemfrequenz sinken.

Unruhe und Stress zu bekämpfen, sich ausschließlich mit einer Aufgabe beschäftigen: In Zeiten digitaler Dauerbeschallung und ständigen Multitasking-Zwanges kann das reizvoll sein, bestätigt Psychologin Kipman. Gibt aber zu bedenken: "Wenn man im Erwachsenenalter zum ersten Mal mit Puzzles in Kontakt kommt und sie nicht mit positiven Erfahrungen aus der Kindheit gekoppelt sind, hat das meist keinen emotionalen Mehrwert. Puzzles sind nicht automatisch ein Schlüssel zu mehr Wohlbefinden." Laut einer Studie der Universität Ulm könnte regelmäßiges Puzzeln sogar einer möglichen Alzheimer- oder Demenzerkrankung im Alter vorbeugen.

Das Puzzle ist nicht nur erwachsen, sondern auch digital geworden. So kann man heutzutage etwa am Smartphone oder Tablet tüfteln. Im Internet lässt sich ein individuelles Fotopuzzle per Mausklick selber gestalten. Auch Promis hat die Puzzle-Lust gepackt: Modemacherin und Ex-"Spice Girl" Victoria Beckham legte Ehemann David zu Weihnachten ein Tausend-Teile-Puzzle unter den Baum. Herziges Detail: Das fertige Puzzle ergibt das Foto ihrer gemeinsamen vier Kinder.

Dass beim Puzzeln am Display die Haptik zu kurz kommt, sieht Kipman nicht zwingend als Problem: "Gerade auf Reisen ist es sinnvoll, auf die digitale Variante umzusteigen. Echte Puzzles sollte man Kindern aber nicht verwehren." Das Angreifen sei auch nicht für alle Kinder gleich förderlich: "Es gibt Kinder, die lernen besser auf der haptischen, andere besser auf der abstrakten Ebene. Aus Studien wissen wir, dass vor allem Buben zwischen vier und acht Jahren beim Lernen stark von der Wahrnehmung durch Berühren profitieren. Bei Mädchen ist die Kurve flacher, sie können schon vom Beobachten eines Puzzles, das gelöst wird, etwas mitnehmen."

Beliebter Klassiker

Außer Frage steht, dass das Legespiel positive Effekte auf Kinder hat: Bei Buben und Mädchen, die im Alter von zwei bis vier Jahren mit Puzzles spielen, entwickelt sich die räumliche Vorstellungskraft besser. Das konnten Psychologen der Universität von Chicago 2012 in einer Studie nachweisen. "Hinzu kommt, dass Kinder lernen, sich auf etwas zu konzentrieren und ihre Aufmerksamkeit zu bündeln", erklärt Kipman.

"Kinder üben sich dabei auch in Geduld und stärken ihre Frustrationstoleranz." Als Belohnung winkt das Endmotiv.

Auch in puncto visuelle Wahrnehmung profitieren die Kleinen. Das zeigt sich beim Puzzeln dadurch, dass Kinder Passformen und Farben schneller und besser erkennen lernen. Laut Kipman wichtig: "Man sollte ihnen keine unvollständigen Puzzles geben. Sonst bleibt das Erfolgserlebnis am Schluss aus und das Durchhaltevermögen wird nicht belohnt."

Übrigens sind nicht alle Innovationen der Puzzle-Branche von Erfolg gekrönt. "Es gab Versuche Puzzles aus Kork oder Samt herzustellen und in anderen Formen. Die sind aber schnell vom Markt verschwunden", sagt Piatnik-Chef Strehl. Die rechteckige Schachtel ist geblieben. "Ganz normale Puzzles aus Karton und sauber gestanzten Teilchen sind eben am beliebtesten."