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freizeit Leben, Liebe & Sex
08/16/2020

Dieser Mann kennt österreichische Märchen, die fast keiner mehr kennt

Helmut Wittmann bearbeitet ein ur-österreichisches Kulturerbe: Er sammelt Geschichten, die zum Nachdenken anregen.

von Uwe Mauch, Jeff Mangione

Es lebte einmal ein kleiner Bua im schönen Almtal. Seine Mutter, sie war eine arme Magd auf einem Bauernhof, gab den Buam bald nach seiner Geburt zu Pflegeeltern. Und das war im Nachhinein betrachtet ein Glück. Denn seine Ziehmutter konnte bei gemeinsamen Spaziergängen am Ufer der Alm seine ganze Aufmerksamkeit erwecken. So sehr, dass auch der Bua alsbald zu erzählen begann.

„Ich arbeite schon seit 33 Jahren als Märchenerzähler, seit dreißig Jahren hauptberuflich“, verrät der einstige Bua Helmut Wittmann, während neben seinem gepflegten, gut hundert Jahre alten Haus der Grünaubach gemächlich in die Richtung des Ortszentrums von Grünau gurgelt.

Am Montag kommt der jüngste Streich des mittlerweile 61-jährigen Oberösterreichers in die Buchhandlungen: Das große österreichische Märchenbuch, eine emsig zusammengetragene und überarbeitete Sammlung von 48 Märchen aus allen neun Bundesländern, darunter – und darauf legt der Autor großen Wert – auch Geschichten von anerkannten ethnischen Minderheiten (siehe unten).

Unter den drei Linden

Mit dem neuen Buch unterstreicht Helmut Wittmann sein Bestreben, das auch von der UNESCO seit zehn Jahren unterstützt wird: „Man hat damals meinem Antrag angenommen und das Märchenerzählen in Österreich in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes unseres Landes aufgenommen.“

Wenn der Sammler, Schreiber und Erzähler unter den drei Linden seines Gartens sitzt und die Magie des Märchens erklärt, hört ihm auch seine Frau Ursula gerne zu. Sie ist es auch, die ihm als Mutter von fünf Kindern und als Bürokraft in der gemeinsamen Firma den Rücken für seine Mission freihält.

„Ein Märchen kommt nie mit dem erhobenen Zeigefinger daher“, erklärt ihr Mann. „Es ist nicht nur fantasievoll und mitunter unterhaltsam. Es will die Menschen darüber hinaus zum Nachdenken anregen und zu den wesentlichen Punkten im Leben führen. Und das gelingt ihm schon seit Jahrhunderten.“

Märchen erzählt hat der Vater von vier erwachsenen Töchtern und einem Buben auch in seinem früheren Leben, verrät er dann mit einem Augenzwinkern. Allerdings in gänzlich anderer Funktion: „Ich war Texter für einen Versand-Katalog.“ Zugutehalten darf man seinem damaligen Arbeitgeber immerhin, dass er den Texter darauf schulte, möglichst knapp und doch präzise zu formulieren.

1000 und eine Erleuchtung

Seine Geschichten-Werkstatt im Dachgeschoß des alten „Sacherls“ (Haus) beherbergt etliche Märchenbücher. Ihr Fußboden wird bedeckt mit einem Fleckerlteppich und einem Kelim. Das friedliche Neben- und Miteinander von Orient und Okzident ist Helmut Wittmann ein Anliegen.

Seine Leidenschaft fürs Märchen entdeckte der Autor in den 1980er-Jahren in der Türkei und im Iran. „Damals wollte ich der Sufi-Tradition auf den Grund gehen, um nach langem vergeblichen Warten auf die Erleuchtung draufzukommen, dass es die Tradition, Geschichten zu erzählen, auch bei uns gibt.“

800 Mal Restaurator

Viel ist Helmut Wittmann, den man sich als gelungene Mischung aus dem legendären Comic-Helden Asterix und dem jungen Sepp Forcher vorstellen darf, seither herumgekommen. Im Vorjahr ist er bei 150 Veranstaltungen aufgetreten, gleichzeitig hat er an vielen Ecken und Enden der Republik für sein neues Märchenbuch recherchiert.

Von der Prinzessin, die mit dem Teufel tanzte erzählen sie sich beispielsweise seit vielen Jahrzehnten in der Weststeiermark. Von der Prinzessin mit dem Wasserschädel war im heanzischen Dialekt im Burgenland Derbes zu hören.

Die Arbeit als Märchenschreiber vergleicht Helmut Wittmann mit der eines Restaurators: „Ich darf die ursprüngliche Geschichte nicht verändern, muss alle Fragmente sichern, Schachtelsätze entschachteln und in eine Form bringen, die Jung und Alt heute gut verstehen.“

800 Märchen werden es schon gewesen sein, die er bearbeitet hat. Rechnet der Geschichten-Restaurateur über den Daumen. Viel Freude bereitet ihm auch das mündliche Vortragen der Märchen. Dabei liest er niemals vom Blatt, sondern „vazöd“ (erzählt) aus seinem Gedächtnis. Wenn er dann im Publikum jene großen Augen sieht, die er selbst als kleiner Bua machte, weiß er, dass er etwas richtig gemacht hat.

Gerne würde er, sagt Helmut Wittmann zum Abschied, noch ein österreichisches Sagenbuch herausgeben. Es wäre dann sein elftes Werk. Doch damit will er sich ausreichend Zeit lassen. Die hat der gute Geist aus Grünau bestimmt. Wenn er seit unserem Treffen im schönen Almtal nicht gestorben ist, dann lebt er wohl noch heute.

Der Erzähler: Den Märchenerzähler Helmut Wittmann kann man auch ein Mal im Monat im ORF-Radio hören und jetzt neu ein Mal in der Woche im Podcast. Alle Infos hier.

Sein neues Buch: Von Drachenfrau und Zauberbaum. Das große österreichische Märchenbuch. Illustriert von Anna Vidyaykina, Tyrolia-Verlag, 343 Seiten, 29,95 Euro

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