Leben | Kiku
07.02.2017

Märchen als Schule des Mitgefühls

Kinder einer Wiener Volksschule demonstrieren ihr Miteiander eindrucksvoll © Bild: Gerhard Deutsch

Kulturwissenschafterin Aleida Assmann wird mit Kindern über "Wie gehen wir miteinander um?" im Zoom Kindermuseum sprechen.

Streit, Wickel. Das ist aber mein’s! Wer ist stärker, schneller, schöner? Wer kann mehr? Du magst den/die aber lieber als mich?
Wer kennt das nicht? Wohl jede und jeder.
Eine Welt ohne Streit, Eifersucht... ist vielleicht nicht einmal denkbar. Aber: Was wohl möglich ist – oder wäre: ein brauchbarer, „gesitteter“ Umgang im Fall eines Konflikts. „Wie gehen wir miteinander um?“, lautet der Titel der nächsten Kindervorlesung im Zoom Kindermuseum (Wien). Aleida Assmann, Kulturwissenschafterin, die sich unter anderem mit Regeln des Zusammenlebens, vor allem aber auch mit dem Thema Mitgefühl beschäftigt hat, wird mit den jungen Besucherinnen und Besuchern Beispiele aus Märchen und anderen Geschichten besprechen. Ebenso aber Alltagserfahrungen der Jung„studierenden“ in diese Kindervorlesung einfließen lassen. Das „verriet“ sie dem Kinder-KURIER in einem Telefon-Interview.

Wo nicht die Egoisten gewinnen

Aleida Assmann bei einer früheren Kindervorlesung im Zoom Kindermuseum (2006: Wie das Gedächtnis funktioniert und wozu wir es br… © Bild: ZOOM Kindermuseum/Alexandra Eizinger
„ Märchen sind oft so etwas wie eine Schule der Empathie. In den meisten der Geschichten kommen nicht die egoistischen Figuren zum Zug, sondern die Schwachen, Verkannten gewinnen am Ende, gelangen ans Ziel. Aber immer erst, nachdem sie getestet wurden, ob sie auch wirklich nicht egoistisch sind, dafür aber Mitgefühl mit Schwachen oder auch Tieren empfinden und über sich hinauswachsen können. Bei vielen Fantasy-Geschichten geht’s immer um die Größeren, Stärkeren...“, so Assmann.

Als Beispiel eines wie oben beschriebene Märchens wird Assmann „Das Waldhaus“, ein nicht so bekanntes Grimm’sches Märchen heranziehen: Drei Schwestern, die ersten beiden haben kein Herz für Tiere, die dritte schon und ... für die, die das Märchen (noch) nicht kennen, soll die Spannung nicht vor der Kindervorlesung genommen werden.

Uralte, weltweite Regeln

Aus solchen Märchen und sogar noch älteren Texten und das aus verschiedensten Kulturen abgeleitet wird Assmann erklären, „dass es schon uralte Regeln gibt, wo das Recht des Stärkeren gebrochen wird, wo es um Mitgefühl für Schwächere, um die Überwindung von Gewalt, um Gerechtigkeit, respektvollen Umgang miteinander geht“.

Das „wie du mir, so ich dir“ steigert eher die Gewalt, die „goldene Regel lautet immer wieder in der einen oder anderen Form: Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! Das ist die negative Formulierung, die gibt es aber auch umgekehrt positiv: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst!
„Und das“, so die Wissenschafterin, verstehen auch schon sehr junge Kinder.

Warum geht's jetzt in die Gegenrichtung?

Aleida Assmann © Bild: Jespah Holthof
„Was aber“, so will der Kinder-KURIER von Aleida Assmann wissen, „ist schuld daran, dass seit einiger Zeit alles offenbar in die Gegenrichtung steuert – weniger Mitgefühl, Durchsetzung der Stärkeren...?“
„Zum einen“, so Assmann, „hat das Internet und haben die sozialen Netzwerke einer Verrohung der Sprache und des Umgangs miteinander massiv zum Durchbruch verholfen. Zum anderen aber liegt es an der ökonomischen Grundstruktur: Es gibt immer weniger Verteilungsgerechtigkeit. Immer weniger Menschen besitzen immer mehr. Es gibt eine große Konzentration von Reichtum.“ Ferner haben Egoismus, auch Gruppen-Egoismus, zugenommen, als schlechtestes Beispiel nennt die Referentin „ America first“.
„Und wie kann es (wieder) zu einem solidarischeren Miteinander kommen?“, will der KiKu wissen. „Durch eine Besinnung auf diese goldenen Grundregeln des Zusammenlebens. In den Kommunen, in den verschiedenen Gemeinschaften muss es darum gehen, respektvoll miteinander umzugehen, das Gemeinsame hervorzuheben und nicht das Trennende...“

Was? Wer? Wann? Wo?

Wie gehen wir miteinander um? Menschenrechte und Menschenpflichten

61. Wiener Kindervorlesung mit
Aleida Assmann, Kulturwissenschafterin
8 bis 12 J.

Wann & wo?
19. Februar 2017, 11 bis ca. 12 Uhr
ZOOM Kindermuseum, Forum
1070 MuseumsQuartier
Telefon: (01) 524 79 08 (Reservierung empfohlen)
www.kindermuseum.at