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freizeit Leben, Liebe & Sex
06/27/2020

LGBT-Erfahrungen: "Viele sagen mir, dass Bisexualität nicht existiert"

Vier Mitglieder der LGBT-Community über Belastungen während der Isolation, die Notwendigkeit der Regenbogenparaden und Diskriminierung im Alltag.

von Julia Pfligl

Mit einem „Regenbogen-Corso“ auf dem Ring – coronabedingt motorisiert statt zu Fuß – ging am Samstag in Wien der „Pride Month“ Juni zu Ende, in dem die LGBTIQ-Community traditionell auf der Straße für Gleichstellung und gegen Diskriminierung eintritt. Die vergangenen Wochen stellten für viele homosexuelle, queere und Transgender-Personen eine besondere Belastung dar: Veranstaltungen wurden abgesagt, Vereinslokale mussten vorübergehend schließen, Beratungsstellen waren nur eingeschränkt verfügbar, Therapien konnten zum Teil nicht fortgesetzt werden. Der Austausch mit Gleichgesinnten aus der Community fehlte und führte bei vielen zu psychischen Problemen.

„Einsamkeit war ein großes Thema“, berichtet die Sexualtherapeutin Nicole Kienzl. Vor allem litten Jugendliche, die sich zwar schon nach innen, nicht aber nach außen geoutet hatten und in einem Umfeld mit wenig Verständnis „eingesperrt“ waren. „Die Mehrheit ist heute offen – bei etwa einem Drittel verlaufen Outings problematisch.“ In der Isolation hätten viele hinterfragt, ob sie das Leben führen, das sie wollen. "Mein Eindruck ist, dass sich nach dem Ende des Lockdowns mehr Menschen outen."

LGBTIQ
L steht für lesbisch, G für gay (schwul), B für bisexuell, T für transgender, I für intergeschlechtlich, Q für queer (von der gesellschaftlichen Norm abweichend) 

Pride Month Juni 
Am 28. Juni 1969 wehrten sich Homosexuelle vor dem Stonewall Inn in New York erstmals gegen Verhaftungen durch die Polizei. Der Aufstand gilt als Wendepunkt in der Schwulenbewegung

Die Regenbogenfahne
mit ihren sechs Streifen wurde 1978 vom US-Künstler Gilbert Baker entworfen. Sie steht symbolisch  für die Vielfalt der Lebensweise von Lesben und Schwulen

Klischees und Vorurteile

Markus Steup von der Homosexuellen Initiative Wien (HOSI) nervt die mediale Darstellung von Events wie der Regenbogenparade, die kaum ohne Drag Queens und schrille Exzentrik auszukommen scheint. „Sehe ich beispielsweise auf Fotos immer nur bunt gekleidete, geschminkte Männer, bin ich irgendwann der Meinung, dass alle Schwulen so drauf sind. Was Unsinn ist“, sagt er. Bei den Paraden würden etwa auch Regenbogenfamilien mit Kindern oder Heterosexuelle „in unauffälliger Kleidung“ teilnehmen – „aber das ist natürlich nicht so interessant“.

Die bunten Events bilden eine Vielfalt der Gesellschaft ab, die normalerweise nicht sichtbar ist, sagt Steup. Und es gehe auch um Solidarität mit anderen benachteiligten Gruppen, aktuell etwa der „Black Lives Matter“-Bewegung. „Erst wenn wir in einer Welt leben, in der keine Unterschiede gemacht werden und alle ohne Zwang und Furcht leben und lieben können, wird es eine Parade vielleicht nicht mehr brauchen.“

"Es sind vor allem die Blicke, die unangenehm sind"

Ann-Sophie. „Ihr dürft doch jetzt heiraten – was wollt ihr denn noch?“ Ein Satz, den Ann-Sophie jeden Juni, wenn Schwule und Lesben auf der Straße für Gleichbehandlung demonstrieren, zu hören bekommt. Dabei gebe es  – trotz vieler Fortschritte in den vergangenen Jahren – noch viel zu tun, sagt die 24-Jährige, die in einer Beziehung mit einer anderen Frau lebt. „Gerade für Jugendliche sind die Regenbogenparade und der Regenbogenball ein wichtiges Zeichen, dass sie nicht alleine sind, sondern zu einer riesigen Gemeinschaft gehören.“  

Ann-Sophie merkte schon in der Volksschule, dass sie Mädchen „irgendwie anders toll“ fand, konnte es aber lange nicht einordnen. „Mir war bewusst, dass zwei Männer in einer Beziehung leben können, weil unser Friseur schwul war. Aber ich konnte das nicht auf Frauen übertragen.“ Auch heute fühle sie sich manchmal ausgegrenzt. „Es sind vor allem Bemerkungen oder Blicke, die unangenehm sind. Gerade Männer werden oft übergriffig, meist verbal, ab und zu auch physisch. Viele meiner Freundinnen teilen die Erfahrung, dass sie gehäuft angefeindet werden, wenn sie Regenbogenshirts tragen oder mit Partnerinnen unterwegs sind.“

Die Studentin wünscht sich mehr Beratungsstellen für Jugendliche und einen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung: „Wenn ich mit meiner Partnerin in einem Café sitze und es dem Wirt nicht passt, dass wir ein lesbisches Paar sind, ist es in Österreich immer noch legal, uns aus dem Lokal zu werfen.“

"Ich finde das Wort ,Toleranz‘ schrecklich"

Michael. Der 19-Jährige fiel während Corona in ein „emotionales Loch“, dann beschloss er, die Zeit für das Projekt FLAGincluded zu nutzen, das Schulen gratis Regenbogenflaggen und Aufklärungsarbeit zur Verfügung stellt. Wie wichtig diese ist, weiß er aus eigener Erfahrung: Michael hatte mit 15 sein inneres Coming-out, mit 17 wusste jeder in seinem Umfeld, dass er schwul ist. „Ich gehöre zu jenem glücklichen Bruchteil, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung noch nicht diskriminiert wurde“, sagt der Maturant. Traurig mache ihn die Verwendung des Wortes „schwul“ als Schimpfwort in der Jugendsprache: „Auch wenn viele beteuern, es ja nicht böse zu meinen,  formt Sprache  unterbewusst immer noch das Denken.“  

Auch mit einem anderen Wort, das im Zusammenhang mit LGBTIQ-Rechten gern gebraucht wird, hat der Maturant ein Problem. „Ich finde das Wort ,Toleranz‘ schrecklich. Ich toleriere temporäre Schmerzen oder eine nervige Person auf einer Party. Dass gleichgeschlechtliche Liebe bzw. freier Ausdruck von Gender in dieselbe Kategorie zu fallen scheint, finde ich besonders  menschenverachtend.“ Unbehagen bereiten ihm derzeit so manche politische Entwicklungen. „Ich verfolge mit großer Sorge, wie in anderen Ländern Europas, Erfolge und Fortschritte der LGBTIQ+ Bewegung rückgebaut werden – beispielsweise Orbans Anti-Transgender-Gesetz oder die LGBT-freien Zonen in Polen. Von Österreichs politischer Spitze hört man dazu kaum kritische Worte.“

"Viele sagen mir, dass Bisexualität gar nicht existiert"

Anna. Dass sie nicht in das heteronormative Schema fällt, merkte Anna schon in ihrer Jugendzeit. „Aufgrund meiner katholischen Erziehung habe ich aber nie gewagt, das weiter zu hinterfragen. Richtig geoutet habe ich mich erst mit 27.“ Heute ist sie 34 und Geschäftsführerin beim Verein HOSI (Homosexuelle Initiative Wien).  Wie steht es im Jahr 2020 um die Anerkennung alternativer Lebensformen in Österreich? „Nicht besonders gut“, antwortet Anna. „Es gibt natürlich Orte wie Wien, wo es relativ sicher und offener zugeht, der Rest ist jedoch weiterhin sehr konservativ. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist mehr ein Kuriosum als gelebte Normalität und LGBTIQs sind vielfältigen Diskriminierungsformen ausgesetzt.“ 

Als bisexuelle Frau erlebt sie oft, dass ihre sexuelle Orientierung (sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlend) keine Akzeptanz findet oder verleugnet wird. „Die Leute finden, dass Bisexualität nicht existiert und alle, die sich selbst so bezeichnen, sich oder andere belügen, also homo oder hetero sein müssen. Wenn sie es schon akzeptieren, finden sie es überaus befremdlich.“ Viele Bisexuelle würden sich daher versteckt halten.

Umso wichtiger sei es, bei Pride-Events als Community Zusammenhalt zu demonstrieren und lautstark auf die Straße zu gehen. „Ohne die Regenbogenparade hätten wir nie die Sichtbarkeit bekommen, die wir uns wünschen, und auch vieles auf politischer und gesellschaftlicher Ebene nicht erreicht. Sie ist das Herz unserer Bewegung.“  

"Einladung, untergriffige Fragen zu stellen"

Ian. „Meine Identität ist für mein Umfeld mittlerweile etwas Selbstverständliches“, sagt der 19-Jährige, der im Frühling an einer BHS für Sozialpädagogik maturiert hat. Ian wurde bei seiner Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet und outete sich mit 13 Jahren als trans – das heißt, dass er sich mit seinem biologischen Geschlecht nicht identifiziert. Die aktive Ausgrenzung von Transgender-Personen sei zwar geringer als früher, sagt er. Aber: „Fragen nach OPs, Hormonbehandlungen oder Genitalien kommen häufig vor – meistens von Personen, die man erst kurz kennt. Trans zu sein, wird von zu vielen Menschen als Einladung verstanden, untergriffige Fragen zu stellen.“

Vor allem der medizinische Bereich sei anfällig für unangenehme Erfahrungen, beim Personal mangle es oft am nötigen Fachwissen. „Ein Arzt versuchte mir einmal zu erklären, dass es  unüblich sei, dass ich als transmaskuline Person mit anderen Männern schlafe und wollte nicht hören, dass Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung voneinander unabhängig sind.“ 

In der Corona-Zeit litten speziell Trans-Personen unter ausgesetzten Behandlungen und Therapien. „Für junge queere Menschen oder Menschen, die mit queerphoben Familienmitgliedern zusammenleben mussten, hat die Quarantäne eine massive psychische Belastung dargestellt“, sagt Ian. „Der fehlende Ausgleich durch den Kontakt zu anderen queeren Menschen und die auf ein Minimum heruntergefahrenen Beratungsangebote ziehen emotionale Folgen nach sich.“