Ein Krampus stellt ein Teufels(ab)bild dar.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
12/05/2019

Krampus: Eine Schreckgestalt auf dem Abstellgleis

Bei Umzügen lässt er die Massen schaudern, ins Haus kommt der wilde Geselle immer seltener.

von Marlene Patsalidis

Zerzaustes Zottelfell, derbe Maske, ellenlange Zunge, spitze Hörner: In finsteren Verkleidungen und mit Ruten, Kuhschwänzen und einer Kraxn ausgerüstet treiben dieser Tage wieder die Krampusse ihr Unwesen. In der Kraxn, einem auf dem Rücken befestigten Korbbehälter, landen – der Sage nach – unartige Kinder. Ein Szenario, das sich heute so freilich nicht mehr zutragen würde: Als bedrohliche Instanz, die böse Kinder maßregelt, hat der Krampus ausgedient.

Die Bezeichnung "Krampus" (auch "Kramperl" oder "Bartl") ist mit seinem Äußeren verknüpft, erklärt Günther Jontes, Brauchtumsforscher von der Universität Graz: "Im Mittelhochdeutschen heißt Krampe so viel wie Kralle und in alten Darstellungen des Teufels hatte dieser, anders als auf neueren Bildnissen, keine Hufe, sondern Krallen wie ein Vogel." Die Kette, mit der der Krampus so gern furchterregend rasselt, erinnere an den gefallenen und in der Hölle angeketteten Engel Luzifer.

Unholde mit Geschichte

Die Rolle des Krampus offenbart sich an der Seite seines Begleiters: dem Heiligen Nikolaus. Der Nikolaus, der als alter Mann in Bischofskleid und -stab dargestellt wird, geht auf jenen Nikolaus zurück, der im 4. Jahrhundert als Bischof von Myra in der heutige Türkei lebte. Arme und Schutzbedürftige sollen ihm ein besonderes Anliegen gewesen sein. "Der Überlieferung nach geht er als das personifizierte Böse mit dem guten Nikolaus mit. Während der die braven Kinder belohnt und beschenkt, werden die unartigen vom Krampus bestraft", schildert Jontes.

Die frühesten Aufzeichnungen über Kramperl stammen aus dem 16. Jahrhundert. Schon damals traten sie nicht nur als wilde Gesellen des Nikolos auf, "sondern sausten in Scharen herum und trieben in den Gassen ihr Unwesen", sagt Jontes. "Ab dem 18. Jahrhundert kam der Nikolaus dann schließlich als verkleidete Figur zusammen mit dem Krampus zu Kindern nach Hause und bis ins 20. Jahrhundert kehrten sie auch in Kindergärten und Schulen ein", ergänzt Kathrin Pallestrang vom Volkskundemuseum Wien. In den Achtzigerjahren verstärkte sich die Faszination am Krampuslaufen; die Umzüge erlebten einen enormen Aufschwung.

Mit dem ursprünglichen Brauchtum haben sie heute nur mehr wenig zu tun. Vielmehr werden oft Aggressionen ausgelebt – und so gibt es alle Jahre wieder auch Berichte von Eskalationen und Verletzten (siehe Infobox unten).

"Vor allem in Salzburg und der oberen Steiermark, aber auch in Osttirol und Kärnten gibt es heute traditionell besonders viele Krampusläufe", sagt Pallestrang. Veranstaltet werden die Aufmärsche von in den Dörfern ansässigen Vereinen, den Krampuspassen. Immer wieder ist in diesem Zusammenhang auch von Perchten die Rede. Streng genommen ist der Percht aber kein Krampus. "Perchten vertreiben als mystische Maskengestalten dem Volksglauben nach in den winterlichen Raunächten (Nächte vor und nach dem Jahreswechsel) böse Geister", führt Jontes aus. Aufgrund ihrer äußerlichen Ähnlichkeit wurden die beiden Figuren vermutlich laut Pallestrang über die vergangenen Jahrzehnte vermischt "und sind heute in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch schwer auseinanderzuhalten".

Sanfteres Auftreten

Mit der Neuinszenierung der Krampusläufe wurde der Einkehrbrauch zurückgedrängt. Von Psychologen und Pädagogen wurde der Krampus zudem als bestrafende Gestalt immer stärker abgelehnt (siehe Infobox unten). "Der Krampus kommt nicht in den Kindergarten. In unserem pädagogischen Verständnis werden die Verhaltensweisen der Kinder nicht moralisch beurteilt – weder durch den Nikolaus und schon gar nicht durch den Krampus", sagt dazu etwa Susanna Haas, pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien.

Gerhard Beigl, der Kinder in Wien seit mehr als 40 Jahren in voller Nikolo-Montur besucht, bekommt "kaum mehr Krampusanfragen". Auch über die Website Nikolo.at kann man einen gehörnten Zottelmann bestellen. "Wir bekommen auch Anfragen, aber nur für Erwachsene", sagt Thomas Schreiner von dem Wiener Vermittlungsdienst.

Komplett dürfte der Krampus nicht verbannt worden sein, sein Auftreten hat sich aber verändert: "Bei uns melden sich immer noch Kundinnen und Kunden, die einen Krampus dabei haben wollen", bestätigt Jörn Friedl von der Agentur Nikolaus4you. Wird ein verkleideter Krampus für Kinder bestellt, "hält er sich im Hintergrund". Man gehe mit Vorsicht vor, "die Kinder sollen sich nicht fürchten, sondern eine schöne Erinnerung mitnehmen", sagt Friedl.

Darin, dass sich der Krampusbrauch gewandelt hat, sehen Jontes und Pallestrang kein Problem. Im Gegenteil: "Vor allem für Jüngere in Städten ergibt der Brauch keinen Sinn mehr. Auch am Land wird er zelebriert, weil die Tradition an sich einen Wert hat und nicht aus Selbstverständlichkeit", sagt Pallestrang. Dem stimmt auch Jontes zu: "Bräuche gehen eben mit der Zeit, so bleiben sie lebendig."

Ganz harmlos ist der Brauch um den dunklen Gesellen nicht. Wie man mit Ängsten umgeht und was im Ernstfall zu tun ist

"Das Gruseln und der Reiz daran gehören zum Krampusbrauchtum dazu", sagt Andrea Hammerer, Klinische Psychologin und Psychotherapeutin. "Und das Böse hat natürlich eine spezielle Anziehungskraft, besonders dann, wenn das Gute – in diesem Fall der fromme Nikolo – am Ende siegt, wie wir es etwa auch aus Märchen oder Krimis kennen."

Reiz hin oder her: Viele Menschen verfallen Ende November, wenn vielerorts die ersten Krampusse laut durch die Straßen ziehen, in regelrechte Panik. "Ich höre immer wieder von etlichen Patientinnen und Patienten, dass sie sich nicht mal mehr vor die Haustür, geschweige denn zur Busstation trauen", sagt Hammerer, die in Salzburg seit sieben Jahren Anti-Krampusangst-Seminare organisiert. Mithilfe lokaler Krampusvereine wird versucht, Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch Konfrontation mit verkleideten Kramperln die Angst zu nehmen.

Sich Ängsten stellen

Wenn sich jemand vor Krampussen fürchtet, sei diese Angst jedenfalls ernst zu nehmen. "Wird sie irrational, entsteht aus ihr aber eine Einschränkung", sagt Hammerer. Letzteres habe "in den meisten Fällen nicht mit traumatischen Kindheitserinnerungen, sondern mit dauerhafter Vermeidung zu tun". Viele Betroffene wollten vielleicht bereits des Öfteren einen Krampuslauf besuchen, sind dann aber aus Panik weggelaufen und haben sich nie bis zum Ende der Situation gestellt. "Damit konnten sie auch keine positiven Erfahrungswerte sammeln." Betroffenen rät die Angsttherapeutin, das Spektakel aus der zweiten oder dritten Reihe zu beobachten und auf sich wirken zu lassen.

Erleben lassen

Als Erziehungsmaßnahme sollten Besuche vom Krampus keinesfalls eingesetzt werden. Experten haben jedoch Zweifel, ob es sinnvoll ist, den Krampus als Gegenspieler zum gütigen Nikolaus zu verbannen. "Grundsätzlich gehört der Krampus ein Stück weit zu unserer Kultur dazu. Ich empfehle daher, Kinder nicht künstlich von Krampusläufen fernzuhalten." In gesunden Dosen und aus der Distanz könne man Kinder ohne Bedenken erfahren lassen, dass keine ernste Gefahr droht. "Als gruselige Gestalt kann der Krampus sogar gute Dienste leisten, wenn es darum geht, Kindern einen gesunden Umgang mit ihren Ängsten beizubringen."

Im Ernstfall

Wenn Fälle von Körperverletzung und Sachbeschädigung bekannt werden, bekommen Krampusläufe einen bitteren Beigeschmack. Wichtig zu wissen: Auch für Krampusse und Perchten gilt das Gesetz. Straftaten jeglicher Art, ob Körperverletzung oder Sachbeschädigung, die zur Anzeige gebracht werden, werden strafrechtlich verfolgt. Wer eine Attacke erlebt oder bei anderen beobachtet, sollte den Angriff, genauso wie jede andere Straftat, umgehend der Polizei melden.