© Ben Lamberty

freizeit Leben, Liebe & Sex
07/25/2020

Gero von Boehm über Helmut Newton: "Macht hat ihn fasziniert"

Pervers, faschistisch oder genial? Gero von Boehm, Regisseur von "Helmut Newton - The Bad And The Beautiful", im Interview über seinen Freund.

von Alexander Kern

Schuld war eine aufgedonnerte Blondine in Paris. Weder Helmut Newton noch der Filmemacher Gero von Boehm fanden sie besonders geistreich und blinzelten sich darob während eines Abendessens schelmisch zu. Daraus entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Nun hat von Boehm mit "Helmut Newton - The Bad And The Beautiful" eine Doku über den Starfotografen in die Kinos gebracht. Wir befragten ihn nach dem Menschen und Künstler Newton. 

freizeit: Helmut Newton eilte teilweise ein übler Ruf voraus, den er im persönlichen Umgang aber nicht einlöste. War er pervers – oder doch nur ein Schlingel?

Gero von Boehm: Er war ganz sicher kein perverser Mensch, sondern ein Schlingel, ein Provokateur und Avantgardist. Manche Bilder suggerieren eine gewisse Perversion, aber das liegt in der Fantasie des Betrachters. Dazu kommt, dass Newton Political Correctness gehasst hat. Nachdem er für die Vogue ein Huhn in High Heels fotografiert hatte, schrieb er in einem Fax, er freue sich schon auf die Leserbriefe und zitierte Kaiser Wilhelm II: Viel Feind, viel Ehr’.

Alice Schwarzer hat ihn einst faschistischer Nähe gerügt. Wie beurteilen Sie das?

Ich fand es damals schon unfassbar, dass diese Frau es wagt, einem Juden, der aus Berlin vertrieben wurde, Faschismus vorzuwerfen. Diese Bilder haben mit Faschismus nichts zu tun. Dass Newtons Ästhetik von der Nazi-Zeit entscheidend geprägt war, steht auf einem anderen Blatt. Das hat er nie abgestritten. Schwarzer meinte natürlich den Faschismus gegenüber Frauen. Aber auch das war das Letzte, was er wollte. Denn er wollte uns in fast allen seinen Bildern eigentlich nur zeigen, wie stark Frauen sind. Die Posen zeigen es. Aber er spielt natürlich auch mit Männerängsten- und lüsten.

Macht hatte große Anziehungskraft für Newton, richtig?

Absolut. Egal ob politische, finanzielle oder sexuelle Macht. Das zeigen seine Frauenfotos, aber auch die wunderbaren Porträts von Helmut Kohl, Margaret Thatcher, Gianni Agnelli, Aga Khan oder Liz Taylor. Die Macht, die Menschen über andere Menschen haben können, hat ihn fasziniert.

Er lebte in Hollywood und Monte Carlo, hatte Zugang zu dieser Welt.

Diese große Glamourwelt, daran hat er eigentlich immer nur genippt. Das fand er amüsant und interessant – aber wollte nie dazugehören. Er wollte zu nichts gehören. Und das hat ihn mir wirklich sympathisch gemacht. Er war völlig frei in allem, was er tat und dachte. Das hatte er mit seinem engen Freund Karl Lagerfeld gemeinsam. Auch der wollte zu nichts dazugehören.

Es hätte Newton die Kindlichkeit genommen, die ihm zuteil war.

Und das wollte er nicht verlieren, er wusste, wie wichtig das ist. Er war bis zum Schluss verspielt wie ein Junge. Auch seine Aufmerksamkeitsspanne war ganz gering. Wenn ihn irgendwas gelangweilt hat, ist er sofort gegangen.

Glauben Sie, seine Fokussierung auf dominante, starke Frauen erklärt sich mit einem Gefühl der Unterlegenheit?

Ich kann mir vorstellen, dass er sich Frauen manchmal wirklich unterlegen fühlte und ihnen gegenüber sogar gewisse Minderwertigkeitskomplexe hatte. Wenn der Begriff Unterwerfung fällt, gemünzt auf die Frauen, die er fotografiert hat, ist das ein Missverständnis. Es war alles andere als das. Auch im Film sagen alle befragten Frauen, er habe sie durch seine Fotos stärker gemacht und ihnen Kraft verliehen. Newton hat Frauen stets bewundert. Er fand sie eigentlich immer klüger und interessanter als Männer.

Newtons Frau war von großer Bedeutung für sein Leben. Wie sehen Sie ihre Rolle?

Ohne June lief gar nichts. Ohne sie hätte es diese Karriere nicht gegeben. Und Newton wäre nicht so ausgeglichen und fröhlich gewesen. Sie gab ihm Struktur und hat ihm vieles leichter gemacht – zwischen den beiden gab es eine unglaubliche Symbiose.

ZUM FILM:

Gero von Boehms Doku „Helmut Newton – The Bad and The Beautiful“ beleuchtet das Werk des Fotografen und lässt ausschließlich Frauen über ihn zu Wort kommen, etwa Isabella Rossellini, Claudia Schiffer, Grace Jones und Anna Wintour. Aktuell im Kino.

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.