Sophie Andresky bleibt lieber inkognito: „Jeder soll sich mich so vorstellen, wie es ihn oder sie anmacht“

© Gabriele Baertels

freizeit Leben, Liebe & Sex
08/22/2021

"Eine gute Sexszene ist vulgär und im besten Fall lustig"

Sophie Andresky ist Deutschlands erfolgreichste Erotikautorin. Warum ihre Romane feministisch sind und wie „Fifty Shades of Grey" dem Genre geschadet hat.

von Julia Pfligl

Es dauert meist nur wenige Seiten, bis Sophie Andresky in ihren Büchern zur Sache kommt. Erlaubt ist dabei fast alles, was das Kopfkino auf Touren bringt – „nur eine Sexszene, in der jemand Nein sagt, würde ich nie schreiben“, sagt die deutsche Autorin, die sich dem Genre der feministischen Pornoliteratur verschrieben hat. Wie es dazu kam und woher sie ihre Inspiration nimmt, erzählt die 48-Jährige im Interview.

KURIER: Sie haben Ihr Pseudonym nach Graf Andrássy gewählt, den viele von uns aus den „Sissi“-Filmen kennen. Warum denn das?

Sophie Andresky: Als Kind haben mich die „Sissi“-Filme aus zwei Gründen sehr begeistert: Die Frauen trugen diese monströsen schulterfreien Kleider, und der Graf Andrássy gefiel mir so gut. Ich konnte nie begreifen, wieso Sisi bei diesem blutleeren Kaiser mit seiner schrecklichen Mutter bleibt und nicht mit dem Grafen durchbrennt. Irgendwann begann ich, Geschichten zu schreiben, und dachte über meinen Namen nach, und das Tolle am Autorin sein ist ja, dass man sein kann, wer immer man möchte. Allerdings wusste ich nicht, wie man Andrássy schreibt, also wurde ich Sophie Andresky.

Unter Ihrem Geburtsnamen zu schreiben, kam für Sie nie in Frage?

Ich schätze meine Privatsphäre sehr, es drängt mich nichts ins Scheinwerferlicht. Das hat keine gesellschaftlichen Gründe, ich möchte nur nicht im Blumenladen mitten im Mulch-Kauf gefragt werden, welchen Vibrator ich empfehlen kann. Der andere Grund sind die Leserinnen. Ich teile meine erotischen Fantasien und sie lassen mich damit in ihre Intimsphäre hinein. Dabei möchte ich einfach niemanden stören. Jede und jeder soll sich mich so vorstellen, wie es ihn oder sie anmacht. Ich zumindest habe noch nie masturbieren können zu den Büchern von Kollegen, die ich persönlich oder auch nur aus dem Fernsehen kenne.

Ihr erstes Buch „Vögelfrei“ wurde mehr als 250.000-mal verkauft. Was machten Sie anderes als die anderen?

Mit 15 entdeckte ich, dass ich Verbalerotikerin bin. Also fing ich an, Stoff zu suchen, und geriet schnell an meine Grenzen. Die Klassiker wie Anaïs Nin hatte ich bald durch. Der Rest waren stereotype männliche Porno-Fantasien von dummendauergeilen Tussis. Die Sexszenen liefen immer gleich ab, sie waren auf männliche Sexualität ausgerichtet und absolut humorlos. Ich wollte Heldinnen, die intelligent und witzig sind, neue Welten entdecken und zu sich und ihrer Lust stehen. Meine Heldinnen sind mehr Barbarella als Anastasia Steele.

Stichwort „Fifty Shades of Grey“: Hat der Hype dem Genre genutzt oder geschadet?

Eher geschadet, das muss ich leider so sagen. Viele, die etwas Erotisches lesen wollen, kaufen zuerst „Shades of Grey“, finden es literarisch zweifelhaft und lesen dann nicht weiter. Außerdem ist der Sinn von erotischer Literatur, wie ich sie verstehe, Befreiung und Emanzipation. „Shades of Grey“ bedient uralte Klischees: Der Held zeigt einer unerweckten, in jeder Hinsicht unterlegenen Frau ohne eigene Sexualität, Wünsche oder Bedürfnisse, wie sie es ihm am besten besorgen kann. Ich finde dieses Rollenbild fatal, gerade für sehr junge Frauen, die anfangen, ihre Sexualität zu entdecken.

Sophie Andresky, geboren 1973, studierte Kunstgeschichte und veröffentlichte 1997 ihre ersten Kurzgeschichten. Ihr neunter Erotikroman „Vögelwild“, Fortsetzung von „Vögelfrei“, wird 2022 erscheinen. Sie lebt als freie Schriftstellerin und Kolumnistin (u. a. für „Playboy“) in Berlin und hält ihre Identität geheim. Weitere Infos finden Sie hier.

Sie schreiben feministische Pornografie. Können Erotikromane denn zur sexuellen Selbstbestimmung beitragen?

Ich diskutiere Missstände nicht in meinen Romanen, ich zeige die Welt, wie sie sein könnte. Meine Heldinnen wissen, was sie wollen und brauchen, sie holen es sich ohne schlechtes Gewissen. Meine männlichen Figuren wissen, dass „Klitoris“ keine griechische Vorspeise ist, und wie sie damit umzugehen haben. Sex ist nur dann gut, wenn er für alle Beteiligten gut ist. Und diesen Quatsch, dass Orgasmen für Frauen nicht so wichtig sind und sie sowieso lieber kuscheln, verbreite ich bestimmt nicht.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Ich suche ständig nach neuen erotischen Perspektiven. Die Menschen in meinem Privatleben lassen mich großzügig an ihren Dates, Sexpannen oder Fantasien teilhaben. Auch Leserinnen schicken mir Wünsche. Ich sehe genau hin, was in meinem Liebesleben oder in den Beziehungen von Freunden passiert, weil es ja nicht nur um Sex im Sinne einer körperlichen Betätigung geht, sondern auch um Machtstrukturen und Gefühle, Sex ist ja so viel mehr. Sex kann profan und rein körperlich sein wie Stoffwechselvorgänge und er kann fast religiös erleuchtend sein. Sex ist politisch und gesellschaftlich hochbrisant.

Spielen auch private Erfahrungen eine Rolle?

Natürlich spielen eigene Erlebnisse mit rein, das ginge gar nicht anders. Ich habe aber nicht jeden Mann, jede Frau und jede Swingergruppe durchgevögelt, die in meinen Geschichten vorkommt. Es sind Geschichten, keine Beichten. Im Grunde sind es Märchen für Erwachsene.

Was macht eine Sexszene sexy?

Für mich ist eine gute Sexszene detailliert, auch mal vulgär und im besten Fall lustig. Sex ist witzig, das ist kein hochästhetisches Körperballett, wo schöne Menschen schöne Dinge tun und dabei zu höheren Wesen transzendieren. Für mein Empfinden hilft auch kein esoterisches Geschwurbel, und auch zu allgemeine Beschreibungen wie „er nahm sie von hinten“ bringen es meiner Meinung nach nicht. Ich schreibe so, dass es mich anmacht. Bei erotischen Texten ist es aber unmöglich, es allen recht zu machen.

Ihr jüngster Roman, „Lovecoach“, handelt von einer Dating-App. Haben diese unser Sexleben besser oder schlechter gemacht?

Ich finde Apps gruselig, weil man sich aufs Aussehen reduziert. Ich zum Beispiel bin eine Frau, die erst richtig sexy wird, wenn sie redet und lacht. Ich mag diese Sklavenmarkt-Attitüde nicht, mit der Menschen bewertet und weggewischt werden. Ich schätze unkomplizierten Sex, aber dann gehe ich eher auf eine Sexparty. Da bin ich in einem geschützten Raum und weiß, dass ich nicht bei einem Kettensägenmörder klingle. Die Regeln auf einer Party sind klar, Sex ist konsensual und safe, und anschließend geht man ohne Stress nach Hause, niemand verliebt sich oder erwartet ein Frühstück.

Die Leser kennen Sie nicht, Sie kennen Ihre Leser nicht: Welche Bilder also haben Sie von ihnen im Kopf?

Ich stelle mir gern vor, wie eine Leserin lustvoll mit einem meiner Bücher in der Wanne liegt. Oder ein Pärchen, das sich gegenseitig die heißesten Stellen vorliest. Oder eine Frau, die eine traumatische Erfahrung hatte und mit meinen Fantasien loslassen kann. Oder ein Mann, der durch meine Bücher plötzlich versteht, was diese rätselhaften Frauen beim Sex eigentlich wollen.

Und was wollen Frauen?

Abgesehen von Respekt und Zuwendung alle etwas anderes! Um rauszukriegen, was diese eine in der Frotteebettwäsche neben mir haben möchte und was in ihr vorgeht, hilft nur eins: Fragen und freundlich sein!

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