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08/23/2020

Ein halbes Jahr Corona: Das globale Verhaltensexperiment und seine Spuren

Am 25. Februar 2020 tauchte Corona erstmals in Österreich auf. Bilanz eines sechsmonatigen Kampfes gegen einen unsichtbaren Gegner.

von Yvonne Widler, Barbara Mader

Vor einem halben Jahr ist ein Virus namens SARS-CoV-2 in unser Leben getreten und auf die Frage, was es in uns persönlich verändert hat, antworten Menschen höchst unterschiedlich. „Ich habe erkannt, dass Einzelgängertum ein mentaler Vorteil ist“, sagt eine junge Wienerin, die auf der Mariahilfer Straße schnell die wichtigsten Einkäufe erledigt.

„Ich habe wöchentlich mit meinen Eltern telefoniert und das hat unsere Beziehung zum Positiven verändert“, meint ein Mann mittleren Alters, während sein Freund sagt: „Zum ersten Mal war ich erleichtert, dass meine Mutter nicht mehr lebt.“

Manchen hat die Pandemie vor Augen geführt, wo es in der Ehe kriselt oder wie angenehm Homeoffice sein kann. Einigen schenkte sie gar neue Freiheiten, da nun auf gesellschaftliche Verpflichtungen verzichtet werden musste, auf die man ohnehin keine Lust hatte.

Anderen hat das Virus geliebte Menschen genommen.

Plötzlich ist das Virus da

Es war ein junges Paar aus dem italienischen Bergamo, das am 25. Februar 2020 bei uns für Schlagzeilen sorgte. Der 24-jährige Mann und die gleichaltrige Frau waren die ersten Coronavirus-Fälle in Innsbruck – und damit auch in Österreich. In der dortigen Uni-Klinik wurde umgehend eine Ambulanz für Verdachtsfälle errichtet. Vor Ort die Virologin Dorothee von Laer, deren Ischgl-Antikörperstudie inzwischen hohe Wellen geschlagen hat.

Im Rückblick versucht sie, der Pandemie einen positiven Aspekt abzugewinnen. „Es ist schön, dass ich jetzt, mit Anfang sechzig, noch erlebe, dass inzwischen jeder weiß, was eine Virologin ist. Das ist für den Nachwuchs in unserem Fach wunderbar“, sagt von Laer, die zu Beginn der Krise ohne Pause sieben Tage die Woche mit ihrem Diagnostik-Team im Labor gestanden ist und durchgearbeitet hat.

Im Februar sei sie noch verhalten optimistisch gewesen, dass sich SARS-CoV-2 wie SARS, MERS und Ebola nicht weltweit ausbreiten würde. „Als ich aber erfuhr, dass das Virus bereits vor Ausbruch der Erkrankung ansteckend ist, erkannte ich die Bedrohung.“ Das Team musste innerhalb kürzester Zeit massiv aufgestockt werden – eine große Hilfe war studentisches Personal aus der molekularen Medizin und der Humanmedizin.

Lässt die Virologin die vergangenen sechs Monate Revue passieren, gibt es kein Vorbeikommen an den Corona-Irrtümern. „Der Mund-Nasen-Schutz wurde zu spät als wirksames Mittel eingesetzt. Die Annahme, dass Chloroquin wirksam gegen COVID-19 ist, war falsch. Die entscheidende Bedeutung des Superspreadings für die Ausbreitung des Virus wurde unterschätzt. Die Annahme, dass Kinder praktisch nicht infiziert werden, war falsch.“

Es hat uns alle erwischt

„Virologie, Epidemiologie, Biologie. Aber wo sind die Menschen?“ Diese Frage hat sich die Psychologin Beate Wimmer-Puchinger in den ersten Wochen der Pandemie immer wieder gestellt. „Natürlich ist Wissen um das Virus relevant, aber es geht auch um Verhalten und Emotionen. Diese Komponente hat mir sehr lange gefehlt.“ Zu steril sei der Umgang mit Corona zunächst gewesen.

Erst spät seien Psychologinnen und Sozialwissenschaftlerinnen ins Boot geholt worden. Schock, Paralyse, Verunsicherung. Angst. So beschreibt Wimmer-Puchinger, Präsidentin des Berufsverbandes der Psychologinnen, die Gefühle, die wir zu Beginn der Pandemie durchlebt haben. Vor allem die unerträglichen Bilder aus Italien hätten uns in Panik versetzt und uns als Gesellschaft nachhaltig traumatisiert.

Das Corona-Virus gleicht einem unsichtbaren Gegner, der ungehemmt auf uns zugerast ist. Den einen brachte er den Tod, die anderen nehmen ihn immer noch nicht ernst. Bisherige Naturkatastrophen hatten meist eine Sache gemeinsam: Die Wohlfahrtsgesellschaft blieb größtenteils verschont. Doch diese Pandemie hat uns alle erwischt.

„Aktuell befinden wir uns in der Phase der Hoffnung auf die Impfung. Aber auch danach wird unser Leben nicht mehr das alte sein“, sagt Wimmer-Puchinger. „Uns ist bewusst geworden, dass wir in Österreich privilegiert sind, wenn auch noch vieles im Unklaren ist. Corona ist ein großes globales Verhaltensexperiment, das seine Spuren hinterlassen wird.“ Unter anderem in unserer Spontanität. „Wir haben nun diesen Filter installiert, der uns vor Nähe, vor Umarmungen warnt. Das ist ein rapider Einschnitt in unsere Kultur.“

Zornig und machtlos

Und was ist mit den zu Beginn der Pandemie erhofften Chancen? Der besseren Welt, die manche Zukunftsforscher heraufbeschworen? „Es ist zweifellos nicht schlecht, unsere vermeintliche Unverwundbarkeit infrage zu stellen“, sagt Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer. Zugleich aber fühle man sich „klein und machtlos und zornig in dieser Machtlosigkeit. Und immer ein Stück hinten nach.“

Zerstörte Existenzen, explodierende Arbeitslosenzahlen, Wirtschaft auf Null. Corona hat auch die soziale Ungleichheit sichtbar gemacht. Kleine Wohnung oder Haus mit Garten? Je nachdem war der Lockdown entweder eine Katastrophe oder sogar ein bisschen wie Urlaub, wo man Zeit zum Brotbacken und zum Aussortieren alter Fotos fand.

Für viele Menschen bedeutet Corona allerdings Verzweiflung, die oft gepriesene positive Wende werden einige Branchen nicht erleben. Wie verheerend die wirtschaftlichen Auswirkungen letztlich sein werden, ist noch nicht abzusehen. Es herrscht Zittern vor dem Herbst. Manche orakeln vom zweiten Lockdown.

Was Virologin von Laer im März schon geraten hat, kann sie heute nur wiederholen: „Maske tragen, wenn man unter Menschen geht. Ansammlungen in geschlossenen Räumen meiden, aber auch im Freien einen Meter Abstand halten.“

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