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freizeit Leben, Liebe & Sex
04/15/2021

Die Erotik des Kurschattens - oder: Sex in der Reha

Darling, ich bin auf Kur! Bandscheibenvorfall trifft Schulterproblem, da gibt’s was zu plaudern – und vielleicht sogar mehr.

von Gabriele Kuhn

Wir sind einfach nur gute Freunde.“ Ein Stehsatz, der gerne aus dem Fundus der Lügen gezogen wird, um eine Liaison zu banalisieren. „Soll ich’s ihm glauben?“, fragt Leserin K und umreißt in einem Mail ihre Problematik. Ihr Mann sei auf „Reha“ gewesen und kehrte danach auffällig vital und bestens erholt zurück. So, als hätten die Therapeuten nicht nur Hand an sein lädiertes Kreuz gelegt, sondern auch den Rest von ihm erstaunlich elastisch gemacht. Er schien ihr wie verwandelt. Da war nichts mehr vom ermatteten Gatten, der vor vier Wochen ausgezogen war, um sich eine Zeitlang in die Kur- und Badeanstalt zurückzuziehen. Im Gegenteil: Er schien ihr seltsam aufgekratzt und hyperaktiv. Auf einmal war es dem geborenen Couch Potato nach langen Ausgängen. Zwei Mal pro Woche wandern, allenfalls bummeln, Hauptsache raus! Aber bitte allein, ich brauch’ den Freiraum, das hat auch der Therapeut gesagt. Doch, Pech, erwischt: Frau K fand heraus, dass sich der gute Gatte regelmäßig mit einem weiblichen Bandscheibenvorfall in Brünett trifft, den er während der Kur kennengelernt hatte. Auf die Frage der Ehefrau, was er dazu zu sagen hat, gab er oben erwähnten „Gute-Freundin-Sager“ zurück. Zweifel sind angebracht, die Antwort darauf muss die Dame aber wohl selbst herausfinden.

Fremdgehen auf Krankenschein

Ich hingegen kann nur eines zum Reiz des Kurschattens beitragen – er ist legendär. Morgens Fango, abends Tango, Fremdgehen auf Krankenschein, wie es so schön heißt. „Oft ist der Kurschatten der einzige Lichtblick des Heilverfahrens“, so der Reisepublizist Hans-Horst Skupy. Im Jahr 2019 gab’s in Deutschland dazu eine eigene Ausstellung mit dem Titel Der Kurschatten – ein Tabu bei Licht betrachtet. In der Eröffnungsrede dazu hieß es, dass der Kurschatten „ein natürliches Mittel zur Förderung des Kurerfolges sei, medizinisch anerkannt und dennoch kostenlos.“ Das hat wohl auch mit dem Ausnahmezustand zu tun, in dem man sich bei so einer Kur befindet. Abseits vom Alltag, in einem eigenen Kosmos, losgelöst von den Bedürfnissen der Ehepartner, Kinder und Arbeitskollegen. Auf einmal dreht sich alles nur ums Ich, um das Leiden, alte Ängste und neue Freuden. Außerdem: Gelegenheit macht Liebe. Da kann’s schon mal passieren, dass zwei Kräutertee-Trinkende mit ähnlichem Befund zwischen zwei Schlammpackungen ins Reden kommen: Ich bin die Susi und hätt’ gern ein Gspusi. Ich bin der Peter, wir seh’n uns fix später.

Dann lacht man ein bisserl, plauscht und tauscht Krankengeschichten aus, irgendwann finden sich zwei bei fader Reduktionskost zum prickelnden Abendessen ein. Der Kontakt wird zügig enger, alles kann, nix muss. Es vibriert. Ein bisschen lendenwirbelfreundliches Vögeln ist sich da immer noch ausgegangen – schließlich hat auch der rekonvaleszente Mensch Bedürfnisse. Und Sex hält jung. Außerdem ist keiner da, der kontrolliert oder nachfragt – Hauptsache, mit dem Patienten geht’s bergauf. Im Pschyrembel Naturheilkunde und alternative Heilverfahren 2006 fand sich zum Thema gar ein eigener „Scherzeintrag“. Kur|schatten: umgangssprachlich Bez. für eine Person in einer zeitlich u. räumlich auf den Kuraufenthalt beschränkten Partnerschaft; als natürliches Mittel zur Förderung des Kurerfolges schulmedizinisch anerkannt, infolge der besonderen alternativmedizinischen Eigenheit jedoch ethischen u. familienpolitischen Bedenken ausgesetzt; wohl deswegen nicht regelmäßig Teil des Kurplans. Gelegentliche Initiativen, dies zu ändern (...), scheiterten schon in den Ansätzen am Widerstand der Krankenkassenträger u. Kirchen.

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