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05/20/2021

Deutschmatura: Wie sinnvoll ist eine zentrale Prüfung in dem Fach?

Der Germanist und Pädagoge Christian Schacherreiter über den Sinn einer Matura, Klausuren und literarische Texte.

von Ute Brühl

Heute, Donnerstag, startet die Zentralmatura mit den Deutsch-Tests. Als 2014 die erste Reifeprüfung in dem Fach geschrieben wurde, war die Aufregung noch groß – zu wenig Literatur, zu enge formale Vorgaben, lautete die Kritik. Gilt das immer noch? Und was wäre die Alternative? Darüber spricht Christian Schacherreiter, ehemaliger AHS-Direktor und Lehrender an der Pädagogischen Hochschule Linz.

KURIER: Wie beurteilen Sie als Germanist die Matura-Aufgaben im Fach Deutsch?

Christian Schacherreiter: Wirklich glücklich bin ich mit der Form nicht – auch wenn ich weiß, wie schwierig es ist, standardisierte Aufgabenstellungen zu gestalten. Die Themenstellung hat inhaltlich nur wenig damit zu tun, was zuvor im Unterricht vermittelt wurde. Besser gefiele mir, wenn man auf die Schwerpunkte einer Schule eingehen könnte. An meinem ehemaligem Gymnasium war das zum Beispiel Sport, weshalb dort eine kritische Auseinandersetzung mit einem Sportthema ergiebig wäre.

So eine Frage kann man aber nicht zentral vorgeben.

Nein, aber man könnte zum Beispiel nur die Textsorten zentral vorgeben. Der Sinn einer Matura ist ja, dass die Schüler zeigen, dass sie die Sprachkompetenz haben, einen gut durchargumentierten Text zu verfassen, der auch grammatikalisch und orthografisch korrekt ist. Das wird auch später im Studium verlangt. Inhaltlich kann das bei einer landwirtschaftlichen Schule etwas anderes sein als in einem Gymnasium mit Schwerpunkt Kunst. Wenn die jungen Menschen mit einem Thema inhaltlich vertraut sind, gelingt auch der Aufsatz besser.

Gibt es Themen, über die jeder schreiben können sollte?

Ja, im staatsbürgerlichen und politischen Bereich gibt es sicherlich Überschneidungen in allen Schulformen. Auch über ethische Fragen sollte jeder referieren können.

Vorwissenschaftliche Arbeiten und Diplomarbeiten sind Pflichtteil, in dem Schüler zeigen, dass sie argumentativ haltbare Texte verfassen können. Reicht das nicht?

Nein, so eine Abschlussarbeit sollte schon in Form einer Klausur geschrieben werden. Auch bei meinen Studentinnen und Studenten kann ich das beobachten: Welchen Interpretationsaufsatz jemand innerhalb von vier Stunden schreibt, sagt viel über seine Leistungsfähigkeit aus. Bei der VWA weiß ich zudem nie, wie hoch der Anteil der Eigenleistung ist.

Maturanten müssen sieben Textsorten beherrschen und genau Vorgaben beachten. Ist das ein zu enges Korsett?

Ja, gerade gute Schülerinnen und Schüler erhalten nicht den Entfaltungsspielraum, der nötig wäre. Sie würden davon profitieren, wenn sie mehr Freiheit im Schreibprozess hätten. Schwächeren kommen diese „regelpoetischen“ Vorgaben eher zugute. Insgesamt entstehen so aber sehr standardisierte Texte.

Die IG Autorinnen und Autoren kritisiert, dass Literatur zu wenig vorkommt.

Auch früher musste man kein Literaturthema wählen, sondern konnte zum Beispiel eine Erörterung schreiben. Wahlfreiheit begrüße ich durchaus. Problematisch sehe die derzeitige Auswahl der literarischen Texte, weil man nicht mehr als ein einfaches Gedicht oder eine kurze Geschichte als Interpretationsaufgabe geben kann.

Was wäre die Alternative?

Wenn bei einer Prüfung das Wissen über einen sogenannten Ganztext nötig wäre, könnten Schüler besser ihr Verständnis demonstrieren. Dazu müsste man einen kleinen Kanon vorgeben – mit Klassikern und zeitgenössischen Werken, die sich durchaus alle zwei, drei Jahre ändern könnten. Es sollten allerdings nicht zu viele Werke sein, damit sie nicht komplett den Literaturunterricht bestimmen. Lehrkräfte sollten auch individuelle Schwerpunkte setzen können.

Wäre ein Mix aus standardisierten und nichtstandardisierten Aufgaben sinnvoll?

Im Prinzip ja. Allerdings stelle ich mir das organisatorisch ziemlich schwierig vor. Insbesondere die Zerstückelung in kleinere Aufgaben sehe ich bei Texten kritisch.

Fahrplan
Nach der  Deutsch-Matura  am 20. Mai ist am 21. Mai Mathematik an der Reihe. Englisch (26. 5.), Latein und Griechisch (27. 5), Französisch (28. 5.) und  Italienisch (31. 5.) folgen.

Neuerungen
Pandemiebedingt müssen nur  drei schriftliche Tests gemacht werden.  Die Maturanote setzt sich  je zur Hälfte aus  Klausur- und Jahresnote zusammen. Bei der Matura sind mind. 30   Prozent der Punkte zu erreichen.

Corona
Nur wer getestet oder genesen ist, darf antreten.

737 Prüfungsstandorte
gibt es. Hier treten 40.000 Maturanten und Maturantinnen an.

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