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freizeit Leben, Liebe & Sex
01/14/2021

Dauerbrenner Gender(n): Zwischen Sinn und Unsinn

Ein provokantes Buch kritisiert die aktuelle Identitätspolitik – und auch der Duden befeuert die Debatte neu.

von Julia Pfligl

Es war nur eine kleine Änderung, dennoch sorgte die Aktion des Duden vergangene Woche für einiges an Aufregung: Dass weibliche Personenbezeichnungen wie „Ärztin“ nun einen eigenen Eintrag im Online-Wörterbuch haben und der „Arzt“ explizit nur noch als Mann, der Kranke heilt, angeführt wird, empfanden viele als Auswuchs eines grassierenden „Gender-Unsinns“. Auch viele Frauen fühlten sich dadurch „auf ihr Geschlecht reduziert“.

Zu den lautesten Kritikerinnen geschlechtergerechter Sprache zählt die deutsche Publizistin Birgit Kelle, deren Ansichten in den sozialen Medien regelmäßig anecken und auf Widerstand junger Feministinnen stoßen. In ihrem neuesten Buch „Noch normal? Das lässt sich gendern“ (FinanzBuch Verlag) rechnet die vierfache Mutter, die sich als „weibliche Feministin“ bezeichnet, polemisch mit der Gender- und Identitätspolitik ab. Diese sei nicht die Lösung, sondern das Problem: „Wir setzen eine Politik um, die im Wesentlichen der Idee folgt, Geschlecht sei etwas, das sich jeder frei aussuchen könne und der Rest der Bevölkerung bedingungslos zu akzeptieren habe. Doch es gibt realpolitische Problemfelder, über die wir sprechen müssen“, fordert die 45-Jährige im Gespräch mit dem KURIER.

Zu Ende denken

„Gender“ bezeichnet die Geschlechtsidentität, die nicht zwingend mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmen muss. Durch Prominente gelangt das Thema immer häufiger an die Öffentlichkeit, zuletzt outete sich etwa der Schauspieler Elliot Page, geboren 1987 als Ellen Page, als trans und bat, mit männlichen Pronomen angesprochen zu werden. Die US-Schauspielerin Busy Philipps erzählte in einem Podcast, dass sich ihre zwölfjährige Tochter als lesbisch und genderqueer, also weder männlich noch weiblich, einordne.

Weil die Zahl der Transgender-Kinder und -Erwachsenen stark gestiegen ist, ortet Kelle einen „Trans-Hype“ und warnt vor dessen Konsequenzen: etwa im Leistungssport, wo Transfrauen mit männlicher Anatomie gegen biologische Frauen antreten und diesen keine Chance zum Gewinnen lassen. „Wir kommen in einen Bereich, wo es niemand mehr wagt, Kriterien der Weiblichkeit festzulegen. Wie aber soll man dann für Frauenrechte kämpfen?“ Wer wie sie davor warnt, dass Transfrauen ohne geschlechtsumwandelnde Operationen wie in England Zugang zu Umkleidungskabinen oder Frauengefängnissen haben, würde sofort als „transphob oder antifeministisch“ klassifiziert, klagt Kelle.

Minderheitenschutz

Transpersonen wiederum leiden stark unter der Reduktion auf die Biologie und kämpfen Studien zufolge überdurchschnittlich oft mit Ängsten, Depressionen oder Suizidgedanken. „Trauen Sie sich einmal, als Transfrau über die Straßen zu gehen“, schildert Susanne Hochreiter, Germanistin, Genderforscherin und Gleichbehandlungsbeauftragte der Uni Wien, die Situation für Betroffene. „Da muss man froh sein, wenn es bei manchen irritierten Blicken bleibt.“ Sie kritisiert das „meist unsachliche Bashing“ an der Genderforschung, gehe es doch um eine jahrhundertelange Benachteiligung von Menschen, deren Geschlecht nicht in die Zweigeschlechterordnung passt.

Wie heikel die Debatte ist, zeigte sich 2020 am Beispiel der erklärten Feministin J. K. Rowling, die sich auf Twitter über die Formulierung „Menschen, die menstruieren“ beschwerte. Diese zielte darauf ab, Transmänner miteinzuschließen. Von der Wucht des Shitstorms hat sich das Image der Harry-Potter-Autorin bis heute nicht erholt.

Gendersensible Sprache und Politik diene dazu, Minderheiten wie Transpersonen zu schützen, betont Germanistin Hochreiter. „Das ist wichtig im Sinne einer offenen, liberalen Gesellschaft. Es gibt historisch genügend Belege dafür, dass das, was wir für natürliche Normalität halten, ein Ergebnis sozialer Diskurse ist. Sprich: Das haben wir als Gesellschaft entwickelt. Im 19. Jahrhundert gab es auch noch Argumente, warum Frauen nicht studieren oder wählen sollten.“ Gerade Transpersonen hätten eine schmerzliche Geschichte: „Die gesellschaftliche Ächtung war und ist eine ungeheure Belastung.“

Dass Sportlerinnen irritiert sind, wenn sich Transfrauen in derselben Kabine umziehen, komme auch an der Uni vor. „Das sind Lernprozesse. Es geht darum, miteinander zu sprechen und Verständnis für die jeweilige Situation aufzubringen. Nicht alles ist hochpolitisch, oft braucht es pragmatische Lösungen.“

Sichtbarmachung

Für einen Dialog „auf Augenhöhe“ tritt auch Birgit Kelle ein. Genderpolitik, kritisiert sie, finde derzeit aber „von oben herab“ statt, insbesondere, was gegenderte Sprache angelangt. „Die Mehrheit der Bevölkerung will das nicht, es wird trotzdem gemacht. Mit welcher Legitimation?“ Wissenschafterinnen wie Hochreiter argumentieren, dass Sprache Wirklichkeiten produziert. Derzeit würde sich in der Sprache eine männlich geprägte Gesellschaft spiegeln. „Sprachliche Sichtbarmachung ermöglicht Handlungsräume. Wir wissen aus Studien, dass sich Buben und Mädchen eher bestimmte Berufe zutrauen, wenn explizit die männliche und weibliche Form genannt wird. Sprache verändert sich immer, ob es uns passt oder nicht. Heute sagt ja auch kein Mensch mehr ,Fräulein‘.“

Die Print-Ausgabe des Duden soll vorerst übrigens nicht an die Online-Variante angepasst werden, hieß es aus der Redaktion. Die Debatte um gerechte Sprache und Geschlechterrollen wird, wie auch dieser aktuelle Fall in Deutschland zeigt, so schnell wohl nicht verebben.

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