Angehörige sind bei einem Suchtproblem immer mitbetroffen und leiden oft sehr darunter.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
01/17/2020

Darf man einen Freund auf sein Suchtproblem hinweisen?

Alkoholismus, Drogenprobleme, Spielsucht: Darf man diese offensichtlichen Probleme ansprechen?

von Uwe Mauch

Leicht lallend kommt der – nüchtern betrachtet – noch immer geschätzte Freund mittags zu einem Geschäftstermin. Viel zu oft muss die Frau ihren Mann bei dessen Arbeitgeber aufgrund seines Drogenproblems anrufen und krank melden. Viel zu oft greift die aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz und ihres netten Umgangs geschätzte Kollegin zu ihren Medikamenten. Viel zu oft geht ein guter Bekannter ins Wettbüro, um das Einkommen der Familie aufs Spiel zu setzen.

Darf man diese offensichtlichen Probleme ansprechen?

„Man muss sie ansprechen, wenn einem der andere wichtig ist“, antwortet Ute Andorfer auf diese Frage unmissverständlich.

Die Klinische Psychologin und Psychotherapeutin weiß, was sie da sagt. Im Anton-Proksch-Institut berät und betreut Ute Andorfer Angehörige von Menschen, die suchtkrank bzw. suchtgefährdet sind.

Eine Million Trinker

Es gibt wohl kaum jemand, dem ihre Ratschläge egal sein können. Aktuelle Schätzungen, die als wissenschaftlich durchaus abgesichert gelten, sind ein eindeutiger Beleg dafür:

330.000 Österreicher sind alkoholkrank, weitere 870.000 sind suchtgefährdet;

150.000 greifen öfter, als es für ihre Gesundheit zuträglich ist, zu rezeptpflichtigen Tabletten;

25.000 gelten als abhängig von illegalen Drogen;

43.000 sind spielsüchtig.

Die Zahl der Angehörigen und Freunde, Bekannten und Kollegen, die sich ernste Sorgen machen, ist dementsprechend um ein Vielfaches höher.

Ute Andorfer rät ab von nur dahingesagten Drohungen. Sie ist viel mehr für die ganz klare Ansage. Diese könnte in etwa so lauten: „Weil du mir als Mensch wichtig bist, möchte ich dir sagen, dass du ein ernstes Problem hast. Ich habe mich für dich erkundigt und ich bin nun davon überzeugt, dass du dringend eine professionelle Unterstützung benötigst. Wenn du sie in Anspruch nehmen möchtest, helfe ich dir sehr gerne dabei.“

So ein emotionsgeladenes Gespräch sollte auch nicht am Telefon begonnen werden, sondern in einer möglichst ruhigen, entspannten Atmosphäre.

Oft klagen Angehörige der Psychologin, „dass das Reden alleine nichts nützt“. Daher sei es notwendig, dem Gegenüber eine zweite Botschaft zu vermitteln: „Du musst dich entscheiden, was dir wichtiger ist, dein Suchtmittel oder ich.“

Zwölf Jahre zuwarten

Für den wahrscheinlichen Fall, dass der Suchtkranke versucht, so weiter zu tun wie bisher, muss ihm klar sein, dass er damit die Beziehung aufs Spiel setzt. Suchtexpertin Andorfer: „Die Konsequenzen können von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Sie hängen nicht zuletzt vom jeweiligen Sucht-, Lebens- und Beziehungsstatus ab.“

Klar ist: „Wer untätig bleibt, trägt indirekt dazu bei, dass die Krankheit mehr und mehr zum Problem wird.“ Befragungen von Alkoholkranken, die zur Therapie kommen, zeigen, dass es im Schnitt zwölf Jahre dauert, bis sie sich dazu aufraffen. „Je früher sie kommen, umso besser können wir helfen.“

In der Therapie wird übrigens versucht, die Vormachtstellung des Suchtmittels durch andere Interessen zu ersetzen.

Für Angehörige hat das Anton-Proksch-Institut ein Stufenprogramm entwickelt. Dies beginnt bei einem Info-Abend und reicht bis zu Gruppentreffen, die von Therapeuten begleitet werden. Alle Infos dazu unter: api.or.at/Klinikum/Angebot-fur-Angehorige.aspx

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