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freizeit Leben, Liebe & Sex
02/15/2020

Party? Bitte nicht! Die neue Indoor-Generation

Junge Erwachsene haben immer mehr Freude daran, sich zurückzuziehen. Warum "Cocooning" nicht nur Vorteile hat.

von Marlene Patsalidis

"Ich, wenn ich alle meine Pläne fürs Wochenende abgesagt habe" – Sprüche wie diese erobern derzeit die sozialen Medien, begleitet mit Bildern von Hündchen, die mit Bademänteln, Schlafmasken und Frotteeturbanen auf dem Sofa relaxen.

Millionenfach geliked und kommentiert sind sie Sinnbild für ein neues Phänomen junger Generationen. Sie machen klar, worum es ihnen immer mehr geht: die Leidenschaft fürs Einigeln.

Das zeigt auch der aktuelle deutsche "Freizeit-Monitor": Immer mehr junge Erwachsene verbringen Feierabende und Wochenenden daheim. Die Zahl der Menschen zwischen 18 und 25, die mindestens einmal pro Woche "etwas mit Freunden unternehmen", ist seit 2004 um 44 Prozent gesunken. Bars besuchen 56 Prozent weniger.

Freizeitbedürfnisse 2.0

In Österreich mangelt es ebenfalls nicht an Zahlen, die den Trend untermauern. 

Zwar belegt die Ende vergangenen Jahres erschienene "Jugendfreizeitstudie" des Instituts für Jugendkulturforschung, dass nach wie vor acht von zehn der 16- bis 29-Jährigen ihre Freizeit gerne mit Freunden verbringen. Immerhin sieben von zehn genießen es aber, einfach mal gemütlich nichts zu tun und zu entspannen.

Der britische Guardian attestierte Millennials kürzlich gar eine noch nie da gewesene Party-Verdrossenheit. Von 200 befragten jungen Erwachsenen gab der Großteil an, einen Abend auf der Couch einer durchtanzten Nacht vorzuziehen. Im Ranking der bei jungen Österreichern beliebten Aktivitäten spielen Party – aber auch Shopping, das nicht vom Sofa erledigt wird – ebenso nur mehr eine Nebenrolle.

Eigener Industriezweig

"Wir nennen das Social Cocooning. Damit ist die Rückbesinnung auf die eigenen vier Wände gemeint. Und das beobachten wir bei den 20- bis 35-Jährigen besonders stark", bestätigt Zukunftsforscherin Lena Papasabbas. "Grund dafür ist, dass Millennials stark durch digitale Medien und Tools geprägt sind. Viele Tätigkeiten haben durch das Internet eine neue Qualität bekommen und können von zu Hause erledigt werden", erklärt die Expertin.

Sport via Youtube-Tutorial statt im Fitnessstudio, Partnersuche auf Tinder statt im Club, Netflix statt Kino, Essen bestellen statt im Lokal speisen: Der Wandel macht sich in vielen Bereichen bemerkbar. Manch einer lässt sich sogar den Wocheneinkauf vom Supermarkt des Vertrauens nach Hause liefern – und das nicht aus Not, sondern aus Bequemlichkeit heraus. Das ultra-hippe "Urban Dictionary" nennt passionierte Daheimbleiber übrigens "Homebodys" – "jemand, der die einfachen Freuden des Daheimseins genießt".

Die neue Lust am Faulenzen befeuert mittlerweile eine ganze Industrie: "Geh weg"-Fußmatten verraten die Lebenseinstellung bereits an der Türschwelle, drinnen verströmt die Kerzenmarke "Cancelled Plans" ("Abgesagte Pläne") den Duft gewollt verpasster sozialer Verpflichtungen. Als waschechter Stubenhocker trägt man Pullover mit JOMO-Print (steht für "Joy Of Missing Out", "Spaß am Versäumen") und trinkt Tee aus Tassen mit der Aufschrift "Sorry für die Verspätung, ich hatte keine Lust zu kommen".

Prekärer Zeitgeist

Die Vermarktung des Zeitgeists darf mit einem Augenzwinkern gesehen werden. Die Wurzeln des kollektiven Rückzugs sind jedoch ernst zu nehmen, erläutert Zukunftsforscherin Papasabbas.

"Junge ziehen vermehrt in Städte. Dort erlebt man die Situation, dass man nicht viele Menschen kennt, keine Familientreffen oder Vereinsstrukturen hat, nirgendwo eingebunden ist, nicht mehr in die Kirche geht. Das kann zu Isolation führen, weil soziale Teilhabe nicht mehr automatisch möglich ist."

Überfordert und verunsichert

Das macht nicht unbedingt zufrieden: Millennials leiden Studien zufolge häufig unter Einsamkeitsgefühlen, Angststörungen, Panikattacken und Depressionen. Digitale Dauerbeschallung und unendliche Möglichkeiten zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft führen zu Verunsicherung.

"Klar ist der Spaß an der digitalen Welt, der sich von der Couch aus erleben lässt, etwas Positives. Aber wir beobachten auch, dass Rückzug eine mitunter ungesunde Antwort auf Überforderung ist", warnt Lena Papasabbas. "Das macht auf Dauer nicht glücklicher, weil soziale Bindungen wichtig sind für unser psychisches Wohlergehen."