Seher der Serie "(Un)well" erwartet ein kritischer Blick auf Bienengift, Muttermilch und Aromaöle.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
10/08/2020

Bienenstich-Therapie bis Muttermilch-Kur: Die bizarre Wohlfühl-Welt

Eine neue Netflix-Serie nimmt skurrile Wellness-Methoden abseits der Norm ins Visier.

von Marlene Patsalidis

Wer das Wort "Wellness" in Google tippt, bekommt binnen Sekundenbruchteilen mehr als eine Milliarde Ergebnisse ausgespuckt. Das Gros preist Heilbehandlungen und -produkte, die das Befinden positiv beeinflussen sollen.

Das Geschäft mit dem Wohlgefühl floriert – und ist extrem lukrativ. Laut dem jüngsten Global Wellness Economy Monitor (fasst sämtliche Segmente der Wellnesswirtschaft zusammen) stiegen die weltweiten Markteinnahmen zwischen 2015 und 2017 von 3,7 auf 4,2 Billionen US-Dollar.

Grund genug, den boomenden Sektor kritisch unter die Lupe zu nehmen. TV-Produzentin Erica Sachin hat das getan. Herausgekommen ist die sechsteilige Netflix-Doku "(Un)well", die sich mit den oft vielversprechenden, manchmal betrügerischen und nicht selten gefährlichen Schattenseiten des Wellness-Hypes befasst.

Bienen gegen Krebs

Prüfend beäugt werden beispielsweise Behandlungen mit Bienengift. Propagiert wird die Apitherapie, wie die Kur mit dem Stachelsaft genannt wird, zur Linderung chronischer Leiden wie Arthritis und Multipler Sklerose oder Krebs. Eindeutige wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit des natürlichen Pharmazeutikums fehlen.

Dennoch sprechen sich Mediziner immer wieder dafür aus. "Ist die Forschungslage unzureichend, führt das oft dazu, dass subjektive Meinungen in der Diskussion überwiegen", weiß Bernd Kerschner vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Donau-Universität Krems. Unsicherheit sei zwar Teil der Wissenschaft, "sie sollte aber transparent kommuniziert werden".

Muskeln durch Muttermilch

Einem weit absonderlicheren Trend widmet sich eine andere Folge: Fitnessjunkies führen sich neuerdings Muttermilch zu Gemüte, um rascher mit Muskeln protzen zu können. Die Säuglingsnahrung ist tatsächlich ein echtes Superfood, weiß Gynäkologin Gudrun Böhm: "Neben Milchzucker und Fetten ist es vollgepackt mit Mineralstoffen, Vitaminen, Antikörpern und hochwertigem Protein."

Muskelpakete interessieren sich allerdings für ein menschliches Wachstumshormon in der Muttermilch. FGF21 soll die Regeneration nach dem Sport ankurbeln, das Muskelgewebe schwellen lassen. Frauenmilch ist in Europa nicht leicht zu bekommen und wenn, dann nur für Säuglinge. "In den USA boomt der unregulierte Markt, scheinbar wird er von Erwachsenen missbraucht", sagt Böhm. "Das ist problematisch, weil Mütter in Geldnöten so vielleicht ihrem Baby Muttermilch vorenthalten und sie für Geld verkaufen könnten. Die Qualität und bakteriologische Unbedenklichkeit ist bei anonymen Käufen im Internet unter Umständen nicht gegeben."

Von Modeerscheinungen ist die Volksmedizin zu unterscheiden. Vieles, was das Wohlergehen auf pflanzliche oder natürliche Weise fördert, basiert auf jahrhundertealtem Heilwissen. "Fehlen Belege für eine Behandlung, heißt das nicht automatisch, dass sie wirkungslos ist", sagt Kerschner. Für etliche Hausmittel werde es wohl nie aussagekräftige Studien geben. Etwa Topfenwickel oder Zwiebelsäckchen.

Duftende Goldgrube

Ein differenziertes Bild zeigt sich bei der Aromatherapie, die ebenfalls beleuchtet wird. Pflanzenextrakte, allen voran ätherische Öle, können behagliche Effekte haben, aber können sie auch Krankheiten heilen? "Die Aromatherapie kann keine Wunder bewirken", winkt Wolfgang Steflitsch, Vize-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie, ab. "Sie können aber bei vielen Krankheitsbildern bei Vorbeugung, Behandlung und Nachsorge nützlich sein und die Lebensqualität verbessern."

Duftimpulse aktivieren wichtige Hirnzentren, die Inhaltsstoffe wirken immunstärkend, entzündungshemmend, entspannend oder anregend. Nicht selten werden Produkte unethisch beworben. Ein Beispiel: Versprechen der Heilung bei Tumoren. "Es gibt dazu in der Grundlagenforschung Hinweise, aber keine Studien am Menschen."

Problematisch wird es, wenn mit einer Gesundheitsbehauptung Geld verdient wird, obwohl es keine Effektbelege gibt und potenziell ernste Nebenwirkungen auftreten. Kerschner: "Oft ist es nicht einfach, einzuschätzen, ob es sich um unplausiblen 'Unfug' handelt, oder einfach nur um eine Behandlung, für die es keine Belege gibt".

Abhilfe schaffen die kostenlose App "MedBusters" oder die Plattform "Medizin Transparent". Sie helfen, vertrauenswürdige von unseriösen Gesundheitsinformationen zu unterscheiden.

Heilsame Trips

Die medizinische Forschung steht natürlich nicht still. In den USA wird seit einigen Jahren die Wirkung von Psychedelika zu Behandlung psychische Krankheiten klinisch erforscht. Erste Erkenntnisse sind teilweise vielversprechend, Substanzen wie LSD oder Psilocybin (Magic Mushrooms) könnten bei Depressionen, Ängsten und Süchten helfen. Die Wirkung des psychedelisch wirkenden Pflanzensuds Ayahuasca, das aus einer alten Lianenheilpflanze des Amazonas gewonnen wird, wird ebenfalls erforscht – auch das erfährt der Seher von "(Un)well".

Ob Drogen tatsächlich jemals als Medikation zugelassen werden, ist aber nach wie vor fraglich.

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