Hildegard Snehota wird das Tageshospiz heute lebend verlassen, doch sie wird wieder kommen. 

© Johannes Hloch

freizeit Leben, Liebe & Sex
06/05/2021

20 Jahre Tageshospiz der Caritas Wien: Der etwas andere Abschied

Das Tageshospiz der Caritas Wien begeht heuer sein zwanzigjähriges Jubiläum. Viele Menschen sind seither gegangen, manchmal wird gefeiert.

von Uwe Mauch

Auf Wiedersehen! Hildegard Snehota lächelt. Zufrieden. Sie kennt den Hausgebrauch. Mehr als zwei Jahre lang kam sie zweimal pro Woche ins Haus, fühlte sich in dieser Zeit auch in guten Händen. Doch heute kann sie wieder ganz ohne fremde Hilfe aufstehen und sich nur mit der Hilfe ihres Rollators auf den Weg nach Hause machen: „Zurück in meine Wohnung.“

Das ist schön.

Denn nach Auskunft eines Arztes sollte die 78-jährige Wienerin heute gar nicht mehr am Leben sein. Der Mediziner hat ihr vor fünf Jahren erklärt, dass sie an der ebenso seltenen wie unheilbaren Krankheit AL-Amyloidose leidet. In ihrer Wirbelsäule werde ein aggressives Eiweißmolekül erzeugt, das die Niere angreift, ohne dass sich diese dagegen wehren kann.

„Diese Diagnose war für mich furchtbar“, erinnert sich Hildegard Snehota, die noch kurz zuvor als diplomierte Stadtführerin gearbeitet und Niederländisch sprechenden Touristen ihre geliebte Wienerstadt gezeigt hatte.

Doch sie erklärt auch: „Ich bin eine Kämpferin.“

Regelmäßiger Gast

Das Haus, das die Frau heute langsamen Schrittes verlässt, habe ihr bei ihrem zähen Widerstand gegen die Endlichkeit wertvolle Dienste geleistet. Es steht am Erlaaer Platz in Wien-Liesing, im Süden von Wien. Und genauer gesagt sind es die Mitarbeiter im Tageshospiz, die ihr geholfen haben. All die professionell ausgebildeten Angestellten ebenso wie die motivierenden Freiwilligen.

Zwei Jahre lang war die Stadtführerin hier ein regelmäßiger Gast. Jetzt muss sie nicht mehr kommen. Laut Auskunft der Ärzte ist sie derzeit „einigermaßen stabil“.

Frau Snehota beschreibt das Tageshospiz als ein Glück in ihrem Leben. Sie weiß sehr genau, dass nicht für jeden, der so eine Einrichtung benötigt, ein Platz frei ist.

Öffnung

Das Tageshospiz wurde vor zwanzig Jahren von der Caritas Wien eingerichtet. Noch immer ist es das einzige seiner Art in der Stadt. Erklärt Elisabeth Anzi-Hauer, die diese soziale Einrichtung leitet. „Wir haben leider nur zwei Mal pro Woche geöffnet. Gerne würde wir jeden Tag offen halten. Aber das geht sich finanziell nicht aus. Denn wir sind hier zu 100 Prozent durch Spenden finanziert.“ (Spendenkonto AT47 2011 1890 8900 0000, Kennwort Hospiz)

Betreuung für maximal acht Patienten

Bis zu acht Patienten, die unheilbar krank sind, werden von ebenso acht professionellen und ehrenamtlichen Mitarbeitern von 9 bis 16 Uhr kostenlos betreut, womit auch die Angehörigen kurz entlastet werden. 2015 einigten sich alle Parlamentsparteien zwar auf einen flächendeckenden Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Österreich – bisher wurden allerdings nur 50 Prozent umgesetzt, kritisiert die Caritas Wien.

In der Coronazeit wären auch die Patienten, für die der eigene Tod immer mehr in ihren Fokus rückt, gehörig unter Druck geraten. Vor allem die Sorge, in der Krise einsam zu sterben, habe viele zusätzlich belastet.

Hildegard Snehota hat die Isolation zu Hause ganz gut überstanden, erzählt sie. „Ich habe in den vergangenen Monaten viel gelesen.“ Viel unterwegs sein konnte sie auch gar nicht: „Zeitweise sind meine Beine schmerzhaft angeschwollen.“

Auf Wiedersehen!

Ihre Ärzte rätseln noch immer, ob es die Chemotherapie war, der sie die weitgehende Linderung ihrer Beschwerden zu verdanken hat. Doch Hauptsache ist für sie bis auf Weiteres, dass sie wieder ins bürgerliche Leben zurückkehren konnte.

Im Normalfall werden all die Tageshospiz-Besucher, die am Ende von hier gehen, verabschiedet. Für immer. Im Fall von Hildegard Snehota ist es eine feierliche Verabschiedung ins Leben, wenngleich eine auf Zeit. Die ehemalige Fremdenführerin verabschiedet sich heute von lieb gewonnenen Menschen. Sie freut sich auf draußen. Doch sie weiß auch: „Irgendwann werde ich hierher zurückkehren müssen. Hoffentlich nicht gleich morgen.“ Immerhin wird hier ein fixer Platz auf sie warten. „Und ich werde wieder in den besten Händen sein.“

Nachholbedarf

„Es fehlt sowohl an stationären Hospizbetten als auch an mobilen Hospiz- und Palliativteams“, sagt Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas Wien. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Eine Versorgung sei in Österreich noch längst nicht für alle, die sie benötigen, leistbar, erreichbar und zugänglich.

Im März 2015 einigten sich alle damals im Parlament vertretenen Parteien auf eine Absichtserklärung „zum flächendeckenden Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Österreich“, und zwar bis zum Jahr 2020.
Papier ist geduldig, allerdings auch zum späteren Nachlesen gut geeignet.

Schwertner hat nachgelesen, daher kann er heute darauf hinweisen: „Bisher wurden gerade einmal fünfzig Prozent des damaligen Plans umgesetzt. Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir noch immer meilenweit entfernt.“

Keine sichere Finanzierung, kein Rechtsanspruch auf Versorgung

Das wird auch am Beispiel des Tageshospizes der Caritas in Wien-Liesing deutlich. Sie wird zu 100 Prozent durch Spenden finanziert und kann auch nur dank der Hilfe von unzähligen Ehrenamtlichen am Leben erhalten werden, allerdings nur an zwei Werktage pro Woche. Caritas-Sozialmanager Klaus Schwertner kritisiert darüber hinaus: „Noch immer ist die Finanzierung der Hospiz- und Palliativversorgung nicht einheitlich geregelt und auch in keiner Weise abgesichert.“

Er würde sich auch einen gesetzlich verankerten Anspruch auf Palliativversorgung wünschen: „Das ist möglich und machbar. In Deutschland ist so ein Rechtsanspruch bereits seit dem Jahr 2015 Realität.“

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