© Kurier/Gilbert Novy

Interview
03/06/2021

Laufboom: Mit Marathonmann Michael Buchleitner atemlos durch Schönbrunn

Der Laufsport boomt. Weltweit gibt es zweistellige Zuwachsraten. Wir liefen mit Ex-Olympionike Michael Buchleitner quer durch Schönbrunn. Und fragten: Wann kicken eigentlich die Endorphine?

von Alexander Kern

Kaiserwetter in Schönbrunn. Sisi und Franz hätten ihre Freud’ gehabt: An jeder Ecke spaziert erkennbar ein Pärchen, das sich gerade näher kennenlernt. Dazwischen: keine Touristen, weil die müssen derzeit ja zu Hause bleiben. Aber: Läufer.

Wer nicht flirtet, keucht an einem vorüber. Dicke, Dünne, alt und jung, Frauen, Männer. Es würden auch Hunde mitlaufen, wären sie erlaubt in Kaisers Garten. Man merkt: Frühling ist. Und Laufen erlebt einen neuen Boom. Weltweit liegen die Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Kein Wunder, Gyms, Tennisplätze, Fußballvereine haben geschlossen. Wer sportlich bleiben will, schnürt die Laufschuhe.

Ein Trend, den auch Michael Buchleitner (im Bild oben re.) wahrnimmt. Der 51-Jährige betreibt ein Laufgeschäft in Wien, die Leute kommen in Scharen. 27-facher Staatsmeister ist der Mann, dreimaliger Olympionike. Bei der Universiade gewann er über 3.000 Meter Hindernis, später wird er Österreichs bester Marathon-Mann: Mit ihm wollen wir übers Laufen sprechen. Und zwar beim Laufen. Gute Idee? Man wird sehen.

Ist man selbst zwar ambitioniert, aber Freizeitläufer. Meine Halbmarathon-Zeit beim Osterlauf liegt bei 1:55 Stunden. Ob sie davon in Mödling heute noch sprechen sei dahingestellt. Treffpunkt ist jedenfalls die Gloriette. Vor uns liegt der prachtvollste Park Österreichs mit seinen Alleen, Kieswegen, Gärten, Brunnen. Beim Ententeich starten wir. Erster Schritt, erste Frage.

freizeit: Lieber Michael, Ihr Sport erfährt gerade einen neuen Boom. Warum ist Laufen geil?

Michael Buchleitner: Weil es ein tolles Glücksgefühl ist, wenn man in der freien Natur in der guten Luft die Landschaft bewundern und abschalten kann. Und die besten Ideen hat.Langweilig, ungesund, wahnsinnig mühsam: Das wenden jene ein, die Laufen verabscheuen. Ungesund ist es sicher nicht. Wir sind zum Laufen geboren. Sobald ein Kind gehen kann, beginnt es auch zu laufen. Erst wir Erwachsenen sagen, stopp, bleib stehen. Später, mit ein paar Kilos zu viel, ist es umgekehrt: Wir beginnen erneut zu laufen, aber dann fällt es uns oft schwer. Skifahren oder Radfahren: Das verlernt man nicht. Das Schlimme am Laufen ist jedoch, dass man so schnell die Fitness verliert. Sechs Wochen Pause und du hast das Gefühl, du fängst von vorne an. Die wahre Erfüllung ist, wenn es dir gelingt, entspannt schnell zu laufen. Dann ist es wirklich geil.

Und die angebliche Langeweile?

Ich habe generell nie Langeweile. Ich kann beim Laufen ideal abschalten. Und neue Gedanken fassen und kreativ sein. Meine Probleme habe ich immer beim Laufen gelöst.

Die Gloriette liegt schnell hinter uns. Flott lassen wir uns den Serpentinenweg ins Parterre hinab. Große Schritte, weicher Lauf. Keine Hast. Reden geht. Lächeln auch. Wir spüren die Sonne im Nacken. Alles gut.

Die meistgestellte Frage aller Nichtläufer: Wann kicken endlich die Endorphine?

Endorphine sind körpereigene Morphine, die kommen, wenn du den Körper im absoluten Grenzbereich bewegst. Der Körper produziert sie bei einer Geburt, er kann sie aber auch bei der Besteigung eines Achttausenders ausschütten. Ich kenne Marathon-Topläufer, die sagen: Endorphine? Nie gespürt. Meine Antwort ist dann oft: Dann bist du nie über deine Grenzen gegangen.

Heißt, Hobbyläufer können sich dieses Glücksgefühl abschminken?

Sie müssen so weit sein, sich in puncto Herz-Kreislauf und Stoffwechsel an ihre Grenzen bringen zu können. So weit kommen viele gar nicht. Aber es gibt ja Glückshormone wie Serotonin, auch Schokolade ruft die hervor. Bei normalem Laufen werden sie ausgeschüttet. Und schenken ein kurzes Glück.

Michael Buchleitner ist ein sehr höflicher Läufer. Er passt sein Tempo meinem an. Er schwitzt nicht einmal, was wirklich ausgesprochen rücksichtsvoll ist. Mir ist heiß. Wir zischen am Neptunbrunnen vorbei, am Schloss, ziehen unsere Runden durch die Alleen. Vor zwei Jahren war ich mit 50 Wochenkilometern besser in Tritt. Ein Läuferknie später ist das nicht mehr ganz so. Wir laufen 5:10 Minuten pro Kilometer. Herzfrequenz 168. Durchhalten.

War Doping bei Ihnen jemals ein Thema?

Beim Hindernislauf gab es diesen Punkt. Bei der WM 1999 habe ich um einen Platz den Finaleinzug verpasst. Dieselben Leute, die zwei Wochen zuvor zehn Sekunden langsamer als ich gelaufen sind, waren plötzlich schneller. Da hab ich gesagt, da mach ich nicht mit. Und bin auf Langstrecke umgestiegen. Das war bitter. Auch weil die Konkurrenz nach Einführung der EPO-Kon-trollen wieder ihre alten Zeiten lief. Aber für mich war klar: Doping, nicht mit mir. Meine Einstellung hat jeder gekannt. Hätte sich das auf die Geburt meiner Kinder ausgewirkt, hätte ich mir das nie verziehen.

Kilometer drei. Bilde ich mir das ein, oder schauen uns Parkgäste nach? Hoffentlich, weil Buchleitner ein Promi ist. Hoffentlich nicht, weil sie amüsiert, wie ein Mann mit Aufnahmegerät keuchend versucht, mit einem anderen, der beim Laufen redet, Schritt zu halten. Was sagt das Herz? 180.

Von welcher Ihrer drei Olympia-Teilnahmen haben Sie das meiste gelernt?

Die erste, mit dem US-Basketball-„Dream Team“, war Horizont-erweiternd. Ich war geflashed, wenn plötzlich Michael Jordan um die Ecke bog. Sich da als Junger zu konzentrieren fällt schwer. Zudem herrscht im Olympischen Dorf Party-Stimmung pur. Athleten sind nach dem zweiten Wettkampftag fertig, bleiben aber noch drei Wochen – und feiern jeden Tag. Steht dein Bewerb noch an, musst du fokussiert bleiben.

Gelingt das?

Vor ein paar Jahren war ich bei einer Sportler-Gala. Danach wurde ich bei Matthias Steiner vorstellig, dem Olympiasieger im Gewichtheben. Während ich ihm meine Bewunderung erkläre, sagt er zu mir: „Michael, was ist los? Wir haben bei Olympia das Zimmer geteilt.“ Ich war damals so konzentriert, dass ich das vergessen hatte. Vor Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken.

Kilometer vier. Jetzt naht der Endspurt. Gut so. Michael schwitzt übrigens immer noch kaum. Etwas in mir schwört: ab jetzt weniger Bier. Wir biegen auf die Straße bergauf zurück zur Gloriette ein. Steil, gerade, böse. Gelöst reden: nicht mehr möglich. Michael sagt: Geht das? – Klar. – Herzfrequenz: 184.

Läufer benötigen ein diszipliniertes Leben. Waren Sie immer brav?

Mir ist es stets leichtgefallen. Als Aktiver bin ich nie nach zwölf ins Bett. Ich kann auch nicht mitreden, wie eine Zigarette schmeckt, und in meinem ganzen Leben war ich nie betrunken. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir was gefehlt hat. Und auch nicht das Bedürfnis, etwas nachzuholen.

Welches Mindset braucht ein guter Läufer?

Ein extrem hohes Maß an Disziplin, aber auch die Fähigkeit, gut in seinen Körper hineinzuhören.

Haben Sie noch Ziele?

Die Eiserne Hand zu bezwingen – mit dem Rad. Bislang bin ich gescheitert. Sich Ziele zu setzen ist wichtig. Und wenn dann der Lohn dafür winkt, umso schöner.

Weise Worte! Uns fehlen sie, weil a-tem-los. Fünf Kilometer in 28 Minuten, das reicht für heute. Nur eines noch: Vielen Dank fürs Gespräch! Lief gut!

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