Maximilian Schell als Jedermann im Jahr 1979.

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Essay
07/15/2019

Gründung, Konflikte, Höhepunkte: Ganz große Oper in Salzburg

Vor 99 Jahren ging der Vorhang für die ersten Salzburger Festspiele auf. Das runde Jubiläum wird kommendes Jahr gebührend gefeiert. Über die Einzigartigkeit des Sommertheaters.

von Gert Korentschnig

Eigentlich dreht sich ja alles um Max Reinhardt. Der geniale Theatermacher stand am Beginn der Salzburger Festspiele – mit den anderen Gründervätern Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, dem Bühnenbildner Alfred Roller und dem damaligen Wiener Hofoperndirektor Franz Schalk. Reinhardt war selbst das Größte nie groß genug. Ein legitimer Anspruch für den bedeutendsten Theatermagier seiner Zeit. Er machte das atemberaubende Schloss Leopoldskron zu seinem Domizil und veranstaltete im Garten Aufführungen. Er inszenierte im ersten Festspieljahr den „Jedermann“, der dieses Festival bis heute prägt wie kein Stück irgendein anderes Festival. Und dann, in den 1930er-Jahren, war Schluss – auch das leider bezeichnend für Österreich.

Reinhardt musste vor den Nazis fliehen, nach Los Angeles, wo er schon davor ein Festival nach Salzburger Vorbild zu etablieren versucht hatte (zum Glück gründete man in Salzburg wenig nach Los Angeliner Vorbild, etwa Stadtautobahnen). Er führte in der Hollywood Bowl  Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf und entdeckte dafür einen Teenager namens Mickey Rooney, der den Puck spielte. Später machte er aus diesem Spektakel seinen einzigen (und gleich oscargekrönten) Hollywoodfilm, in dem er auch Olivia de Havilland ihre erste große Rolle gab. Kleiner Einschub: Der Autor dieser Zeilen hatte zuletzt die Freude, diesen Film beim Jewish Film Festival in L.A. zu programmieren, danach mit Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und Reinhardts Nachkommen zu diskutieren und sich zu vergewissern: Reinhardt ist auch dort immer noch ein Gigant.

2020 wird es 100 Jahre her sein, dass die Salzburger Festspiele gegründet wurden – der fast arrogante Reinhardt’sche Anspruch hat tatsächlich überlebt. Wenn nun in einer Woche die Ausgabe 2019 beginnt, befinden wir uns in einem theatralischen Zwischenspiel, ehe groß und mit Sonderbudget Jubiläum gefeiert wird.

Nirgends wird so viel gestritten

Die Festspiele stehen heute – allein schon ihrer Größe wegen – als Solitär in der Kulturlandschaft. Einzigartig macht sie aber auch die Unart des Konflikts: Nirgendwo wird so viel gestritten wie in Salzburg (vielleicht in Bayreuth, aber das verlässt den Familientisch nicht so oft). Schon in der Anfangsphase zog Richard Strauss eine Südamerika-Tournee mit den Wiener Philharmonikern Dirigaten in Salzburg vor, jaja, das liebe Geld.

Die Philharmoniker wiederum, ebenfalls ein Solitär, ließen kein gutes Haar an manchen Intendanten, zum Beispiel an Gérard Mortier, der wiederum künstlerisch auch posthum hochgehalten wird. Die Schauspielchefs duellierten sich, zum Glück nur verbal, mit den Musikverantwortlichen oder der Präsidentin. Nur Herbert von Karajan, der Erfinder des Starbetriebs in der Musik, war kraft eigener Wichtigkeit unumstritten. Nach diversen Zwischenintendanzen drückt nun Markus Hinterhäuser den Festspielen seinen Stempel auf, künstlerisch im Stil von Mortier.

Ein Salzburger Buh hallt zwischen Mönchs- und Gaisberg besonders lange nach.

Entscheidend ist jedoch – wie bei jeder Kunstausübung – das Publikum. Das ist in Salzburg elitärer als anderswo. Allerdings stimmt das Vorurteil, dass es nur die Reichen dorthin verschlage, nicht. Salzburg ist der Ort, an dem die Genres zum Gesamtkunstwerk zusammenfinden wie das Publikum zum Gesamtbesucherwerk. Von Salzburg gehen immer noch künstlerische Initialzündungen aus, die dann oft ein paar Jahrzehnte bis nach Wien brauchen. Umso enttäuschter ist das Publikum, wenn das Festival etwas in den Sand setzt. Ein Salzburger Buh hallt zwischen Mönchs- und Gaisberg besonders lange nach.

Kunst hat sehr oft, was Glaubenskraft, Ideologie und auch Abgrenzung betrifft, etwas Religiöses an sich, in Salzburg ist es streng katholisch. Wagen wir also eine Prophetie: Der Höhepunkt der Festspiele 2019 könnte Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in der Regie von Barrie Kosky werden. Oder VerdisSimon Boccanegra“ mit Dirigent Valery Gergiev. Eine Prophezeiung tritt garantiert ein: Nach den Aufführungen wird beim Wirtshaus „Triangel“, gleich neben dem Haus für Mozart, heftig über deren Qualität gestritten. Und gebechert wie zu Reinhardts Zeiten.