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freizeit Essen & Trinken
12/14/2019

Österreichs Geschäft mit Algen: Warten auf die grüne Wunderwaffe

In Österreich hofft eine der weltgrößten Algenanlagen auf den Boom des pflanzlichen Superfoods.

von Anita Kattinger, Jeff Mangione, Tobias Pehböck

Viel brauchen sie nicht zum Wachsen: Sonnenlicht, mit angereicherte Luft, Trinkwasser und Nährsalze. Das 210 Kilometer lange Rohrsystem für die Zucht von sogenannten Mikroalgen wie Chlorella und Spirulina ist weltweit einzigartig, weil es sich um ein vertikales System handelt. Kosten: 18 Millionen Euro. Obwohl Algen als grünes Zukunftsgeschäft gelten, hatte die niederösterreichische Algenfarm "Ecoduna" keinen runden Start.

Ein Jahr nach Eröffnung besuchte der KURIER die Algen-Produktion erneut und fragte beim neuen Vorstand Hannes Binder nach, warum der Boom bisher ausblieb: "Als wir die Produktionsanlage in Betrieb genommen haben, hatten wir gehofft, den Pilotversuch 1:1 in großer Dimension umsetzen zu können. Das ist uns so schnell nicht gelungen – solche Riesenprojekte brauchen länger.“ Deswegen betrugen die Umsatzerlöse der nicht-börsennotierten Aktiengesellschaft 434.000 Euro im Jahr 2018, die Firma machte einen Bilanzverlust in der Höhe von 8 Millionen Euro.

Der neue Chef verspricht für 2020 Dynamik: "Letztes Jahr konnten wir unseren Kunden nicht die benötigte Menge garantieren. Umgekehrt dauert der Kreislauf von Produktentwicklung bis Verkauf auch bei unseren Kunden länger. Jetzt kommen wir sehr gut voran."

Im Winter Chlorella, im Sommer Spirulina

Als Nahrungsergänzungsmittel werden getrocknete Mikroalgen in Pillen- oder Pulverform angeboten. Auf diesen Geschäftszweig setzt auch Österreichs erste Algenfarm: "Im Winter züchten wir Chlorella, weil diese weniger Sonne braucht. Im Sommer Spirulina, die mehr Wärme und Licht braucht. Beide sind als Lebensmittel zugelassen – andere Arten haben oft Zulassungsprobleme. In Projekten erforschen wir auch exotische Kandidaten", erklärt Binder.

Die beiden Algenarten wachsen in meterlangen Rohren vom Boden bis zur Decke, kleine Luftblasen steigen hinauf. Ohne Mikroskop sind die winzigen Algen in den Rohren im Gegensatz zu ihren großen Verwandten nicht zu erkennen. Lediglich am grün gefärbten Wasser macht man die Kulturen aus: Je dichter und damit älter die Kulturen, desto dunkler wirkt das Grün in den Röhren.

Die Erntemenge beträgt 20 Tonnen im Jahr, soll aber auf 70 Tonnen gesteigert werden. Spektakuläre Aufnahmen von der Produktionsstätte sind mit einer Einschränkung erlaubt. Auf die U-förmigen Verbindungen nahe des Bodens hält das Unternehmen in Bruck an der Leitha allerdings das Patent – Fotografieren in Nahaufnahme absolut verboten.

Algenöl aus Österreich

Wissenschafter gehen von mehr als 400.000 Algenarten weltweit aus – etwa 20 Prozent davon sind erst bekannt und nur 15 Arten werden industriell genutzt. 500 Arten von Makroalgen landen als Salat auf unseren Tellern.

Was erhoffen sich Forscher weltweit? "Algen sind eine gute Quelle für Vitamin B12 sowie Omega-3-Fettsäuren, die der Mensch nicht produzieren kann. Sie helfen auch im Kampf gegen die Überfischung, da sie Fische als Quelle ersetzen können." Ein Algenöl befindet sich bereits im Zulassungsprozess.

Klingt vielversprechend, schläft also die internationale Konkurrenz? Keinesfalls. Mitbewerber im Bereich der Chlorella-Produktion ist u.a. "Algomed" im deutschen Klötze, die jährlich 30 bis 50 Tonnen an die Industrie liefert. Im Bereich der Spirulina-Produktion gibt es in Europa nur kleine Produzenten mit Kapazitäten von ein bis zwei Tonnen im Jahr, wobei Becken zum Einsatz kommen.

Prozesstechniker Lukas Neuwirth: "Da wir auf ein geschlossenes System setzen, sind unsere Algen schadstofffrei. Zudem verzichten wir auf Pumpen – sie können ohne Stress wachsen."

Bleibt die Frage, wie das Algenpulver schmeckt? Nach einem Hauch von Gras.

Die Hälfte unseres Sauerstoffs stammt aus der Photosynthese von Algen. Die ein- und mehrzelligen Lebewesen gehören zu den ältesten Organismen der Welt. Was Sie wissen sollten:

Lebensmittel: In China, Japan oder Korea werden Makroalgen für die Lebensmittelindustrie gezüchtet: Durch Sushi und Maki ist die Rotalge wohl am bekanntesten. Wegen des hohen Proteingehalts sowie der Omega-3-Fettsäuren – gut für das Herz-Kreislaufsystem sowie für das Gehirn – eignen sie sich für vegane Ersatzprodukte.

Klimawandel: Algen entziehen der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid – so wirken sie dem Treibhauseffekt entgegen. Dabei wird die Schwefelverbindung Dimethylsulfoniopropionat (DMSP) gebildet, die von Bakterien in Dimethylsulfid (DMS) umgewandelt wird: Weit oben in der Atmosphäre regt DMS die Wolkenbildung an. Dadurch kühlt die Atmosphäre ab. Dieser positive Vorgang ist nicht zu verwechseln mit der Algenblüte, wenn Algen sich rasant vermehren: Dann sinken zu viele  Richtung Grund und werden von Bakterien zersetzt. Beim Abbau wird Sauerstoff verbraucht, der anderen Lebewesen fehlt.

Kosmetik: Ein Cocktail aus Antioxidantien, Vitaminen, Jod, Mineralsalzen, langkettigem Zucker und Zink soll beim Entschlacken und der Zellerneuerung helfen. Besonders bekannt ist die Thalasso-Therapie als Behandlung gegen Cellulite. Auch langkettige Zucker (Polysaccharide) sind für die Kosmetikindustrie interessant, um als vegane Feuchtigkeitsspender eingesetzt zu werden.