Bei den Punks sind die Doc Martens ein äußerst beliebtes Schuhwerk.

© FREMD/Deutsch Gerhard

freizeit
02/19/2021

Dr. Martens: Der Punk geht jetzt an der Börse ab

Einst waren die Stiefel bei Subkulturen beliebt, jetzt bei Geldanlegern. Wie passen Rotzigkeit und Rendite zusammen?

von Daniel Voglhuber

Punks und (anfangs eher unpolitische) Skinheads aus der englischen Arbeiterschicht traten damit das Establishment und die friedliebende Hippie-Kultur mit Füßen. Die finster blickenden EBM-Menschen wollten in den 1980ern damit militärische Schneidigkeit verdeutlichen. Lange Zeit waren die Stiefel von Dr. Martens mit der gelben Naht ein wichtiger Bestandteil unterschiedlicher Subkulturen, bevor es in den 90ern in die Breite ging.

Und ein Häuchchen Rebellion haftete dem britischen Kultschuh später aber immer wieder mal an. Etwa, als Miley Cyrus damit - ausgestattet mit Vorschlaghammer und an einer Abrissbirne hängend - wohl das letzte Stück ihres Kinderstar-Images zerstören wollte.  

Seit einem Monat geht der Punk vor allem in der Finanzbranche ab. Dr. Martens ist vor einem Monat in London an die Börse gegangen. Und das lässt Anleger vor Freude Pogo tanzen. Die Papiere schlossen am ersten Tag bei 450 Pence. Das war um mehr als 20 Prozent über dem Ausgabekurs von 370 Pence. Die Aktien waren laut ARD achtfach überzeichnet. Der Kurs ist seitdem relativ stabil geblieben.

Rotzigkeit und große Rendite: Passt das zusammen? Rein zahlenmäßig gesehen, auf jeden Fall. Und das seit sieben Jahren. Dr. Martens gehört seit 2014 der wegen ihrer Methoden nicht unumstrittenen Private-Equity-Gesellschaft Permira, die auch schon Anteile an Hugo Boss und ProSiebenSat1 hielt. Sie hatte den Schuhhersteller um 380 Millionen Euro übernommen, zum Börsengang war er mit rund 4,2 Milliarden Euro elf Mal so viel wert. Eine beachtliche Entwicklung eines Schuhs, der eigentlich nur funktional sein sollte.

Erfunden von einem deutschen Arzt

Seine Wurzeln liegen in Deutschland. Der Arzt Klaus Märtens entwarf sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als er sich nach einem Ski-Unfall den Fuß verletzt hatte. Die Luftpolstersohle schnitt er aus Gummi-Beständen der deutschen Luftwaffe zurecht. 1960 verkauften Märtens und sein Partner Herbert Funck die Marke an das britische Traditionsunternehmen R. Griggs. Das gab den Schuhen den Namen Dr. Martens. In Großbritannien begann der Aufstieg. Postboten oder Arbeiter trugen sie mit Vorliebe, weil sie langlebig, wasserfest und bequem waren. Letzteres zumindest, nachdem sie schön eingegangen waren. Wer selbst Martens besitzt, weiß, dass die erste Zeit die Hölle für die Füße sein kann.

Den Startschuss für die Subkultur gab Pete Townshend von "The Who", der nicht nur Gitarren zertrümmerte, sondern auch mit den Stiefeln auf der Bühnen herumhüpfte. In den 90ern schaffte es der Schuh über die Grunge-Bewegung auch in die breite Masse. Neben den klassischen Modelle kamen auch - ganz wie es sich für das Jahrzehnt gehörte - welche in knalligen Lackfarben oder mit Blumenmuster auf den Markt.

Ab der Jahrtausendwende kam der Absturz. Die Stiefel waren nicht mehr gefragt. 2003 stand das Unternehmen beinahe vor dem Aus. Die Firma verlagerte einen Großteil der Produktion nach Asien, entließ 1000 Mitarbeiter. Der Niedergang ließ Permira Lunte riechen, die Gesellschaft stieg ein, und holte Modemanager Steve Murray an Bord. Er war schon zuvor bei Vans erfolgreich. Und plötzlich lief es wieder.

Der Lauf hat aber wohl auch andere Gründe. Einerseits hat sich das 90er-Revival einige Jahre fest gehalten. Dann hat man sich laut FAZ auch bewusst an die Fridays-for-Future-Bewegung gewandt, weil die Treter langlebig und damit nachhaltig sind.

Antwort auf die #MeToo-Bewegung

Und  Frauen machen mittlerweile die Hälfte des Kundestamms aus: "Das passt zum Trend in der Frauenmode, die immer martialischer wird: Auch auf den Laufstegen sieht man Rüstungselemente, Kettenhemden und Lederpanzer – und ebendiese groben Stiefel", sagt Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut dem Spiegel online. Das sei auch eine Antwort auf die #MeToo-Bewegung. Frauen wollten sich vor Übergriffen schützen, »ganz physisch«.

Es muss aber nicht immer nur martialisch sein. Vor Kurzem hat man etwa eine eigene Kollektion mit ikonischen Motiven von Keith Haring herausgebracht. 

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