Gerry Friedle alias DJ Ötzi

© Fritz Hauswirth

Interview
01/02/2021

DJ Ötzi wird 50: „Sei bereit zu verzeihen“

Hinfallen und wieder aufstehen. Trotz aller Rückschläge hat Gerry Friedle alias DJ Ötzi nie aufgegeben. Im Jänner feiert er 50. Geburtstag und sagt: „Ich habe mich gefunden.“ Was können wir von ihm lernen?

von Alexander Kern

Meine gigastarken Wadln. Alle Zeiten überlebt. Uh-ah! Textbrocken, die man nicht nur bloß liest: Man singt sie mit, unweigerlich, kennt die Lieder, die daran hängen. Aus dem Radio, einer Party, vom Après-Ski, wenn der Berg bebt und alle feiern, wie der Mann mit der weißen Haube und dem weißblonden Bart es vormacht: DJ Ötzi, der bärige Tiroler, ist unverkennbar – wie seine Musik. Bis heute ist „Anton aus Tirol“ die meistverkaufte österreichische Single aller Zeiten. 16 Millionen seiner Werke setzt er insgesamt ab.

Das Leben von Gerry Friedle hingegen ist geprägt von harten Zeiten: Als er auf die Welt kommt, ist seine Mutter 17 Jahre alt; kurz danach gibt sie ihn weg, er wächst bei Pflegeeltern und seiner Oma auf. Mit 18 ist er obdachlos, schläft unter der Brücke. Er kämpft mit Epilepsie, später mit Krebs, Depressionen. Unterkriegen ließ er sich nie. Rückschläge hat er weggesteckt. Nach dem leidigen Jahr 2020 wollen wir deshalb eines wissen: Wie geht das? Woran können wir uns, konfrontiert mit aktuellen Sorgen, ein Beispiel nehmen? Kurz vor Friedles 50er erreichen wir ihn per Videokonferenz. Neben ihm: seine Frau Sonja. Es ist Abend, er nimmt die Haube ab, steckt sich eine Zigarette an.

freizeit: Gerry, vergangenes Jahr war für uns alle alles andere als leicht. Wir erlauben uns zu träumen: Was macht Sie zuversichtlich, dass 2021 alles besser wird?

Gerry Friedle: Sehr viel schlimmer kann es meines Erachtens nicht mehr kommen. Es ist schlimm, dass wir unsere Freunde derzeit nicht treffen können. Es ist schlimm, dass viele ihr Geschäft zusperren müssen. Ich bin deshalb der Meinung, wenn, dann kann 2021 nur besser werden. Ich will mich mit negativen Gedanken nicht lange aufhalten.

Sie weigern sich schlicht, pessimistisch zu sein – sagen: danke, aber nein danke?

Jeder, der wegen des verdammten Virus von uns gehen muss, ist einer zu viel. Ich hoffe, dass bald die Impfung kommt. Für mich ist immer eines wichtig: Wenn ich mit einem Problem kämpfe oder sich mir ein Hindernis in den Weg stellt, möchte ich so schnell es geht, eine möglichst detaillierte Diagnose der Situation. Damit ich in der Sekunde weiß, welche Therapie ich beginnen muss, damit es besser wird. Ich bin ein lösungsorientierter Mensch.

Das fällt nicht jedem so leicht. Anfangs möchte man sich fallen lassen.

Ich kann gut verstehen, wenn man sich in negativen Gedanken vergräbt. Ich selbst ticke aber anders. Von meiner Jugend an, bei allen Krankheiten und bei allen Problemen, die ich gehabt habe – und die ich später in etwas Positives umwandeln konnte –, habe ich immer darauf geachtet: Wie komme ich aus der Sache heil heraus. Deshalb denke ich auch jetzt: Lass’ uns versuchen, im neuen Jahr einen Schritt vorwärts zu machen. In eine positive Zukunft.

Warst du immer schon so konsequent konstruktiv?

Ich habe ja eine gewisse Verantwortung meiner Familie gegenüber. Deshalb muss ich auch verantwortungsbewusst handeln. Und kann mir selbst nicht erlauben, mich in einen negativen Gedankenstrudel runterziehen zu lassen. Man muss in die Zukunft schauen. Was können wir tun? Wie finden wir einen Ausweg? Verantwortungsbewusstsein ist ein enorm wichtiger Wert für mich – sowohl privat, in der Partnerschaft etwa. Im Umgang miteinander. Und im Geschäft.

Ob kleine oder große Probleme, wir haben im Leben immer wieder mit Rückschlägen zurechtzukommen. Zu Jahresanfang schöpfen wir neuen Mut, machen Vorsätze. Viele fragen sich: Wie behält man den Glauben an sich selbst?

Ich glaube, letztlich arrangiert man sich grundsätzlich mit fast jedem Problem. Das ging mir auch so, bei allem was ich selbst durchgemacht habe. Man darf sich im Kopf nicht ständig ausmalen, was man alles verlieren kann. Das lähmt einen nur – und kostet die Energie und Dynamik, die man braucht, um die Dinge in Angriff zu nehmen. Es hält einen vom Weg zu einem positiven Ausgang fern.

Das sagt sich so leicht.

Es hilft, wenn man versucht, seine Probleme von außen zu betrachten. Und sich die Frage stellt, habe ich etwas falsch gemacht und was habe ich falsch gemacht? Danach kann man die Dinge neu und anders angehen. Und sollte man auf diese Frage keine Antwort finden, weil einen die Geschehnisse unverschuldet in eine schlimme Lage gebracht haben, muss man versuchen, daraus das Beste zu machen. Man darf den Glauben nicht verlieren. Der Glaube an einen selbst muss immer da sein.

Wie sehen Sie auf alles, was Sie in Ihrem Leben bewältigt haben, zurück?

Es hat sehr viele Niederschläge und dunkle Kapitel in meinem Leben gegeben. Aber hätte ich das alles nicht erlebt, wäre ich nie derjenige geworden, der ich heute bin. So schlimm das alles war – meines Erachtens ist es rückblickend sogar ein Riesenplus.

Sie hatten einen schweren Start ins Leben, mussten ohne Mutter aufwachsen.

Du musst bereit sein, verzeihen zu können. Wenn du es nicht schaffst, dich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und sie aufzuarbeiten, zu reflektieren und sie hinter dir zu lassen, wenn du das nicht tust, wirst du immer am Stand treten. Immer. Du wirst nie die Gegenwart annehmen und sagen können: So wie es jetzt ist, so ist es gut. Um etwas bewältigen zu können, solltest du bereit sein zu reflektieren und zu verzeihen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich es geschafft habe, verzeihen zu können. Ein tolles Gefühl – du fühlst dich viel freier. Jammern hilft niemandem. Schau, dass du in die Kraft kommst. Und in die kommst du nur, wenn du in die Verzeihung kommst. Ich konnte dadurch sehr viel Gutes bewirken in meinem Leben, im Jetzt.

Vor vier Jahren sind Sie den Jakobsweg bis zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela gegangen. Was war größer: die Anstrengung oder das Glücksgefühl?

Es war eine Riesenanstrengung – aber gespürt hab ich nur das Glücksgefühl. Sich Zeit für mich selbst nehmen zu können war eine Wohltat. Keine Termine, gar nix, das hatte ich noch nie und hat mich sehr glücklich gemacht. Für mich war der Jakobsweg ein wichtiger Schritt, um mein Leben und alles, was darin passiert ist, abzurunden. Um wahrzunehmen, wer ich bin, wo ich herkomme und wo ich noch hin will. Heute kann ich ganz klar sagen: Ich habe mich gefunden. Ich weiß, warum ich auf dieser Welt bin. Aber am Ende muss ich diese Erkenntnis für mich behalten, sie gehört nur mir. Ich fühle mich dadurch extrem frei. Wenn du Freiheit spüren willst – genau so fühlt sich das an.

Ein Grund für Ihren Pilgergang war auch, dass der Ruhm Ihnen zugesetzt hatte – es gab viel zu verarbeiten.

Stell dir vor, du wirst wegen einer Sache von einem Tag auf den anderen auf der ganzen Welt bekannt. Alle stehen auf dich und du bist der geilste Typ ever – aber weißt eigentlich gar nicht, wie das passieren konnte. Wie soll denn ein normaler Mensch das begreifen und verkraften können? Das geht gar nicht. Ich habe mich zuletzt sehr damit beschäftigt, was in den vergangenen 20 Jahren mit mir geschehen ist. Ich war schon sehr verirrt, wusste nicht mehr, wo vorne und hinten, was gut und schlecht ist. Heute habe ich mich gefunden. Ich bin wahnsinnig froh, dass meine Frau, meine Tochter und meine Freunde in dieser Zeit für mich da waren. Heute empfinde ich vor allem eines: Dankbarkeit.

Auch der Glaube an Gott gibt Ihnen viel Kraft, richtig?

Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Es liegt mir aber fern, jemanden zu missionieren. Für mich verhält es sich so: Wenn ich zu Gott und zu Jesus spreche, setzt das einen Kreislauf in Gang, der mich innerlich befreit – und das schenkt mir große Kraft. Oft denke ich mir, Gott ist so groß und hat echt andere Probleme, als auf mich zu schauen. Aber er schaut sehr auf mich.

Was nehmen Sie sich für das neue Jahr vor – haben Sie gute Vorsätze gefasst?

Ich versuche – versuche! – jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen. Meine Frau zitiert da gern den Dalai Lama: Alles, was man mit einem Lächeln beginnt, gelingt am meisten. (lacht) Und sonst? Ich kämpfe seit Ewigkeiten mit meinem Gewicht und mindestens genauso lange versuche ich mir das Rauchen abzugewöhnen. Ich werde das schon irgendwie hinkriegen! Ich will einfach versuchen, positiv gestimmt in die Zukunft zu gehen. Weil jetzt bin ich ja frei – und kann machen, was ich will.

Sie feiern in Kürze Ihren 50. Geburtstag. Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem entgegen?

Na ja, zwei Drittel meines Lebens habe ich dann wohl schon hinter mich gebracht. Denn 100 Jahre alt werde ich eher nicht alt werden. Meine Frau sagt ja, sie schon. Also werde ich mich bemühen, es ihr gleich zu tun – für sie mach ich das. (lacht)

Das wird spannend, immerhin waren die ersten 50 Jahre ja bereits recht aufregend.

Wenn ich mein Leben betrachte, kann ich nur sagen: Boah, Hollywood! Ein Wahnsinn. Und ich muss sagen: Dankeschön für die letzten 50 Jahre. Für alles, was mir bisher passiert ist im Leben. Auch wenn’s manchmal verschärft war: Schlussendlich ist alles super ausgegangen – ein Happy End. Alle Schwierigkeiten und Rückschläge haben mich stark gemacht und weitergebracht. Ich durfte so viel erleben und dabei bin ich doch nur ein klaner Bua aus St. Johann in Tirol. Und alles weitere, das auf mich zukommt – das werde ich schon bewältigen. Irgendwie.

 

ZUR PERSON

Gerry Friedle, geboren am 7. Jänner 1971 in St. Johann/Tirol, wächst bei Pflegeeltern und seiner Großmutter auf. Mit „Anton aus Tirol“ gelingt ihm die meistverkaufte Single Deutschlands. Dazu Megahits wie , „Hey Baby“ oder „Ein Stern (... der deinen Namen trägt)“.  2001 heiratet er Sonja Kien, 2002 kommt Tochter Lisa-Marie zur Welt. 

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