© Horvath Manfred

freizeit
01/30/2021

Die Art des Anglerglücks einmal anders: die Kunst des Eisfischens

Die FREIZEIT witterte die Chance, außerhalb des Lockdowns einen Fisch an den Haken zu kriegen: Reportage von Manfred Horvath (Text + Fotos).

Die kalte Luft liegt bleiern über dem Ottensteiner See, als wir das Eis betreten. Die Gescheiten haben sich Steigeisen auf ihre Thermoschuhe geschnallt, die Patscherten rutschen mehr als sie gehen. Ein Fischer hat einen Regie-Klappsessel unter dem Arm, ein weiterer Kollege sogar einen Liegestuhl. Unsere kleine Gruppe peilt den vereinbarten Treffpunkt an: immer der Sommeranlegestelle für die Boote entlang, Richtung Granitfelsen, der sich erhaben aus dem Fichtenwald abzeichnet.

Da vorne sieht man den grauen Monolith schon, der wulstige Schichtungen hat. Die Holzpiloten der Mole stecken im dicken Eis. Trotz der enormen Stärke der Eisdecke knackt und knarrt es – oder vielleicht gerade deswegen?

Ein Loch zum Fischen 

„Super, dass ihr es geschafft habt“, sagt Bernhard Berger, als wir bei ihm eintreffen. Er hat gerade einen blauen, hüfthohen Rieseneisbohrer in der Hand und zeigt uns gleich, wie man ein Loch zum Fischen macht. Breitbeinig rammt er die Spitze aus gehärtetem Stahl in den glasigen Untergrund und kurbelt mit aller Kraft. Einige Male zieht er seinen Driller hoch, um das zu Schnee gewordene Eismehl wegzuschleudern. Nach ungefähr drei handbreit Tiefe ist Berger durch.

„Das ist das Wichtigste heute, ohne Loch im Eis können wir nicht fischen“, sagt er, schnappt eine Eiskelle und holt akribisch kleine Eisbrocken heraus, die beim Fischen stören könnten.

Bernhard Berger ist Zoologe mit dem Schwerpunkt Fischökologie. Seit 1999 ist er der Fischereiaufseher am Ottensteiner Stausee  und veranstaltet als Angelguide für Interessierte wie uns Eisfischen-Workshops. Natürlich mit Einhaltung aller rechtlichen Rahmenbedingungen, was die Achtung der Fischschonzeit und Ausstellung der Tageslizenzen betrifft.

Das Eisfischen am Ottensteiner Stausee ist nur mit Bernhard Berger erlaubt. Alleingänge sind aus Sicherheitsgründen verboten. Für jeden Teilnehmer werden die erforderlichen Geräte wie Steigeisen, Eispickel für zusätzliche Sicherheit Angelrute mit Rolle und Ködermaterial bereitgestellt. Eine Vorrichtung mit Schwimmkörper und signalroter Fahne ist auch dabei: Sie soll im Eisloch treiben und anzeigen, ob ein Fisch zu erwarten ist. Wir werden das Fähnchen noch lieben lernen. Wie ein Sensor wacht es unbeirrt, während unsere Gedanken abschweifen und den Eichhörnchen im Wald zusehen.

Waldviertler Atlantis

Wir stehen auf über vier Quadratkilometern Eis. Die Akustik ist gedämpft wie in einem schalltoten Musikproberaum. Die Worte von Berger über den Fischbestand, die unter uns liegende versunkene Mühle (das Waldviertler Atlantis), Worte wie: „Brachse“, „Flussbarsch“, „Zander“, „Rotauge“ oder „Hecht“ dringen zäh herüber.

Berger müsste ein Megafon haben. Man hört ihn wie in einem schlecht synchronisierten Film, er bewegt seinen Mund, erzählt von Unterwasserstrukturen, in welchen sich die Fische hier wohl fühlen, doch die Information kommt verzögert wie durch eine Wattewand gefiltert an. Der Tageshöchstlevel an Lautstärke wird erreicht, als wir unsere eigenen Eislöcher mit dem Megabohrer herausschürfen und das Kratzen aus allen Richtungen kommt. Dann wieder Stille. So still, dass man meint, es rauscht im Kopf.

 

Spaß muss sein

Kein Bonmot des Fischers ist besser als jenes, das von zwei Anglern erzählt, die sehr lange nebeneinander sitzen und ins Wasser starren. Als einer der beiden nach Stunden die Beine von einer Richtung in die andere überschlägt, reagiert sein Kollege aufgebracht und fragt, was das zu bedeuten habe – schließlich sei man ja nicht auf einer Tanzveranstaltung. Und so ist ein Workshop in Eisfischen kein gruppendynamisches Seminar.


Wir sitzen in gebührendem Abstand auf unseren mitgebrachten Sesseln und Liegestühlen und lauern. Die Spartaner unter uns haben Isomatten, stehen oft oder gehen in konzentrischen Kreisen um die kurze Glasfaserangelrute. Nur wenige Fischer nutzen das Angebot, sich ein heißes Getränk von der Feldküche zu holen. Die meisten haben eine Thermosflasche bei sich. Wenn jemand ein Getränk einschenkt, dampft das Kondensat kurz auf, wie ein Rauchzeichen.

Feder, Fahne, Küchenkelle

Eisfischen wird vor allem in Kanada, Skandinavien, Russland und in den USA auf den Großen Seen betrieben. In Europa ist es in der Schweiz am Oeschinensee verbreitet. Im Vergleich zu einer normalen Fischerrute ist die Angel sehr klein und misst nur etwa 20 Zentimeter. Anstatt einer Haspel mit Übersetzung wird eine einfache Rolle für die Nylonschnur verwendet. Eine Feder, Fahne, oder eine selbst gebastelte Anzeige aus Papier, Holz oder Plastik dient zur Erkennung des Anbisses. Die Eiskelle ist eigentlich eine Küchenkelle mit Drahtgeflecht, damit Eisstücke aus dem Fischerloch geschöpft werden können. Den hand- oder motorbetriebenen Bohrer braucht es, um die sogenannte Wuhne zu bohren.

Manche Eisfischer machen das Loch auch mit einem Eispickel. Der Nachteil bei dieser Methode ist, dass durch die Schläge Risse entstehen können. In Finnland gibt es auch die kuriose Praktik, einen ausrangierten und ausgehöhlten Kühlschrank wie eine Boje einfrieren zu lassen. Bei Bedarf kann man den Deckel öffnen und hat so einen eisfreien Zugang zum Eiswasser. Dies wird nicht nur für das Eisfischen, sondern auch für das Eisbaden – nach dem Saunagang – verwendet. Vor dem Absuchen des Gewässers nach vorhandenen Löchern wird abgeraten. Je nachdem wie das Loch dort entstanden ist, könnte das Eis nämlich brüchig sein.

Echte Eisprofis haben immer Sicherheitsspikes um den Hals gehängt, wenn sie das Eis betreten. Dieses überlebenswichtige Gerät, das aussieht wie zwei Schraubenzieher, die mit einer Schnur verbunden sind und bei Nichtbenützung ineinander gesteckt umgehängt werden, können beim Einbrechen das Leben retten. Wenn das Eis bricht, werden die Nadeln in den Eisrand geschlagen und der Ausstieg ist wieder möglich.

Der  Workshop in Eisfischen ist kein gruppendynamisches Seminar. Wir sitzen in gebührendem Abstand auf unseren mitgebrachten Sesseln und Liegestühlen. Die Spartaner unter uns haben Isomatten und  stehen oft.

Eisfischer, welche auf maximalen Ertrag aus sind, bohren gleich mehrere Löcher in nicht zu dichtem Abstand, um das Eis nicht zu schwächen und befischen abwechselnd die Löcher oder haben gleich mehrere Ruten und Fahnen installiert. Manche Angler sollen auch hochprozentigen Alkohol ins Eisloch gießen, damit es nicht so schnell zufriert. Von diesen Optimierungen sind wir hier weit entfernt.

Um so aufregender ist es, wenn die Fahne tanzt und dann die rote Rückenflosse eines Barschs aus dem kalten Weiß scheint. Vielleicht endet der Tag doch – Petri sei es gedankt – mit einem Fischburger.

 

Das Eisfischen am Ottensteiner See ist nur mit Anmeldung und in Begleitung erlaubt. Info: Bernhard Berger, Tel. 0676/550 2580 stauseefischerei@ottenstein.at. 

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