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03/10/2021

Ein neues Bauhaus erblüht!

EU-Präsidentin Ursula von der Leyen will Klimaneutralität ins Zentrum rücken. Das erste offizielle Projekt dazu heißt „Sunflower House“ und orientiert sich an den Eigenschaften der Sonnenblumen.

Der Moment liegt inzwischen genau 102 Jahre zurück. Damals, im Jahr 1919 gründete Architekt Walter Gropius in Weimar das Bauhaus. Die wohl einflussreichste Schule der Moderne in Bezug auf Architektur, Kunst und Design.

"Das Bauhaus hat den sozialen und wirtschaftlichen Übergang zur Industriegesellschaft und ins 20. Jahrhundert buchstäblich mitgestaltet", schrieb nun EU-Präsidentin Ursula von der Leyen in einem vielfach beachteten Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und weiter: "Hundert Jahre später stehen wir vor neuen globalen Herausforderungen: dem Klimawandel, der Digitalisierung und einem Anstieg der Erdbevölkerung auf bis zu zehn Milliarden Menschen bis 2050."

Ein neues Bauhaus soll erblühen

Dafür braucht es ihrer Auffassung nach allerdings mehr als nur das Zurückfahren von Emissionen. „Der Green Deal muss auch ein neues kulturelles Projekt für Europa sein!", schreibt die Politikerin. "Wir müssen Design und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang bringen." Dafür sollten Architekten, Künstler, Studenten, Systemwissenschaftler, Ingenieure und Designer zusammenarbeiten.

Mir schwebt ein neues Europäisches Bauhaus vor. Dessen Ziel müssen vollständig klimaneutrale und lebenswertere Städte sein.

Ursula von der Leyen, EU-Präsidentin

Von der Leyen schwebt ganz konkret ein "neues Europäische Bauhaus" vor. Dieses solle "den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über neue Bauweisen und Designformen anregen". Es suche "praktische Antworten" auf die Frage, wie modernes Leben im Einklang mit der Natur aussehen könne.

Natürlich soll es sich auch die Digitalisierung zunutze machen: "Das Ziel sind vollständig klimaneutrale und lebenswertere Städte." In den kommenden zwei Jahren sollten zunächst fünf Projekte in verschiedenen Ländern der EU entstehen, kündigte von der Leyen an.

Sunflower House als Premiere

Nun wurde das erste dieser benannten Projekte der Öffentlichkeit präsentiert. Der für ökologische Konzepte bekannte Architekt Koichi Takada publizierte seine durchaus kühne Vision eines genannten „Sunflower House“.

Ein Siedlungskonzept, das sich nicht nur optisch, sondern auch in seiner gesamten Funktionsweise an echten Sonnenblumen orientiert. Konkret wurde Takada von „Bloomberg Green“ im Namen der Europäischen Union damit beauftragt, ein beispielhaftes Traumhaus von Europas grüner Zukunft zu entwerfen. Er solle dabei helfen, eine neue gemeinsame Ästhetik zu schaffen, die aus der dringenden Notwendigkeit entsteht, den Klimawandel zu bekämpfen.

Umbrien als Öko-Brennpunkt

Und so begab sich der Öko-Revolutionär erst einmal auf die Suche nach einem passenden Fleckchen Erde. Nach einer Location, in der ein „kohlenstoffpositives Wohnhaus auch abseits des Objekts selbst Sinn ergibt“, wie er in seiner Projektbeschreibung festhält.

Schlussendlich entschied sich der Star-Architekt dafür, sein Sunflower House in der italienischen Region Umbrien anzusiedeln. „Sie ist für ihr hügeliges Land bekannt, auf dem vorwiegend Sonnenblumen angebaut werden“, führt er aus. Eben diese gigantischen Sonnenblumenfelder wurden in den vergangenen Jahren allerdings immer häufiger von heftigen Hitzewellen heimgesucht. Und dementsprechend geschädigt.

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Genau in diese Problemzone pflanzt Koichi Takada nun eine eigene Sonnenblumensiedlung. Um einerseits auf den Missstand aufmerksam zu machen. Um andererseits zu demonstrieren, was wir von den Sonnenblumen alles lernen können.

Immer mit der Sonne gehen

Vor allem ihre Eigenschaft, sich ständig mit der Sonne mitzubewegen, wurde bei der Konzeption Eins zu Eins in großem Maßstab technisch übersetzt. Durch die kreisförmige Struktur des „Sunflower House“ dreht es sich um einen zentralen "Stamm“ mit der Sonne mit (ähnlich wie das international angesagte Solar-System namens "Smartflower").

Da die Solarpaneele so stets das Maximum an Sonneneinstrahlung einfangen, wird um 40% mehr Strom produziert als von statischen Modulen. Dadurch kann nicht nur der Energiebedarf des „Sunflower House“ gedeckt, sondern an besonders sonnigen Tagen sogar ein Stromüberschuss generiert werden.

Sonne oder Wasser?

Diesen können die Betreiber entweder in das Netz einspeisen und so Geld verdienen oder aber es in „Batterie-Samen“, wie Takada seine integrierten Akkumulatoren nennt, gespeichert werden. Zusätzlich ist die Drehbewegung der Sonnenkollektoren so konzipiert, dass gleichzeitig immer auch die darunterliegenden Fenster beschattet werden. Das bedeutet, die Innenräume heizen sich weniger rasch auf, wodurch weniger gekühlt werden muss und somit ebenfalls Energie gespart wird.

Biologische Vielfalt bleibt erhalten

Außerdem ist jedes Objekt so gestaltet, dass es bei Schlechtwetter statt Sonnenlicht eben Regenwasser sammelt. Dieses ist für die Toilettenspülungen und die Bewässerung der umliegenden Sonnenblumenfelder gedacht, betonen die Planer. „Nachdem wir beim Sunflower House zudem ohne große Fundamente auskommen, ist auch die biologische Vielfalt auf dem betroffenen Gelände nicht gefährdet“, erläutert Takada außerdem.

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Dennoch gelingt es, jede Menge Wohnraum zu schaffen. Jedes Stockwerk des Sunflower House beherbergt eine Wohnung mit drei (Schlaf-)Zimmern. Und weil jedes Gebäude bis zu drei Stockwerke hoch sein kann, können locker ebensoviele Familien in einer heimeligen Sonnenblume Platz finden.

Generell ist das System so angelegt, dass es erst im Fall einer Art Siedlungsbildung auch wirklich klimapositiv bilanziert. „Sonnenblumen wachsen in einer Art Zickzack-Muster, um so das Wechselspiel aus Schatten und Sonneneinstrahlung miteinander perfekt nutzen zu können“, heißt es in der offiziellen Projektbeschreibung. Eben diese Struktur haben sich die Architekten abgeschaut und in einem größeren Maßstab realisiert. (Ganz ähnlich, wie es auch die Spacegroup bei ihren „Movikheien Cabins“ in Norwegen plant.)

Der Architekt spricht

Koichi Takada postuliert: „Es geht nicht nur darum, ein Gebäude natürlich aussehen zu lassen. Es geht vor allem auch darum, die Umwelt in den Häusern und letztendlich den Planeten, den wir bewohnen dürfen, in einer Gesamtheit positiv zu verändern. Wir brauchen eine kinetische, lebendige Architektur, die die Umwelt respektiert und gleichzeitig das Wohlbefinden der Menschen, die sie bewohnen, steigert.“

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Wann das erste „Sunflower House“ errichtet werden wird, steht zwar noch in den Sternen. Aber nachdem der Auftrag offenbar ein Herzensprojekt der EU-Präsidenten ist, dürfte einer Realisierung grundsätzlich jedenfalls nichts im Wege stehen. Ob daraus dann jedoch eine "architektonische Plattenverschiebung" a la Bauhaus erwächst, wird sich wohl erst danach zeigen. Jedenfalls aber sind das schon einmal – sonnige Aussichten.

Text: Johannes Stühlinger Bilder: Koichi Takada Architects

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