Chronik
22.04.2018

Zehn Jahre danach: Das große Schweigen im Fall Fritzl

Kaum ein Zeitzeuge möchte zehn Jahre, nachdem das Verbrechen in Amstetten publik geworden ist, reden. Auch wegen der Opfer.

Vor genau zehn Jahren ist in Amstetten der Fall Fritzl aufgeflogen. Der Fall jenes Mannes, der seine Tochter rund 24 Jahre lang in einem Keller-Verlies gefangen gehalten und mit ihr sieben Kinder gezeugt hatte.

Der Fall – einer der schrecklichsten der österreichischen Kriminalgeschichte – wühlt noch immer auf. Doch aktuelle Interviews sind kaum zu finden. Denn von fast allen entscheidenden Zeitzeugen wird sofort abgewunken. Selbst von jenen Personen aus den Reihen der Polizei und dem Klinikum Amstetten-Mauer (hier war die Familie vorübergehend untergebracht Anm.), die mittlerweile in Pension sind. Deren Antworten sind ähnlich: „Wir haben vereinbart, zu den damaligen Geschehnissen nichts zu sagen.“

Allerdings weniger, weil man die Ereignisse aus dem Jahr 2008 verdrängen will. Vielmehr geht es um den Opferschutz. Um die Sorge, dass ein Jahrzehnt später die Identität und der Aufenthaltsort der Tochter Elisabeth – sie lebt mit ihren Kindern unter einem neuen Namen in einem benachbarten Bundesland – doch noch bekannt werden. Und sie zur Zielscheibe mancher Medien werden könnten.

Vorzeigebeispiel

Für die Verbrechensopferhilfe Weißer Ring ist der Fall Fritzl mittlerweile ein Vorzeigebeispiel. „Es ist gelungen, die Belastungen für die Opfer möglichst gering zu halten. Ausschlaggebend dafür war eine hochprofessionelle juristische und psychosoziale Prozessbegleitung“, sagt Dina Nachbaur, Geschäftsführerin des Weißen Ring.

Eine Opferanwältin habe sich im gesamten Strafverfahren für die Opfer eingesetzt. „Es ist ihr auch gelungen, einen vernünftigen Umgang mit den interessierten Medien zu finden und so bis heute die Privatsphäre der Betroffenen zu unterstützen“, erklärt Nachbaur.

Für sie war entscheidend, wie im Rahmen des Prozesses – die Tochter soll auch im Gerichtssaal als Zuhörerin gewesen sein – mit Opfern umgegangen wird: „Jede Person, die ein Opfer eines Verbrechens wurde, erlebt einschneidende und beängstigende Gefühle von Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Für eine Heilung psychischer Beeinträchtigungen ist es von grundlegender Bedeutung, dass Betroffene davor geschützt werden, dieselben oder ähnliche Gefühle noch einmal im Strafverfahren ausgesetzt zu sein.“ Dafür würden sich die Opferhilfe-Einrichtungen gezielt einsetzen. Im Fall Fritzl sei das auch gelungen.

Nach der Verurteilung von Josef Fritzl hatte nur die englische Boulevard-Zeitung The Sun versucht, Fotos von seiner Tochter und den Kindern zu schießen. Die Ausgabe, in der der Bericht erschienen war, wurde weder in Österreich noch in Deutschland ausgeliefert. Diese Fotos tauchten damals auch nicht im Internet auf.

Viel schlimmer war es, unmittelbar nachdem der Fall bekannt geworden war. Da hatten unzählige Fotografen das Klinikum Amstetten-Mauer belagert und versucht, mit verschiedensten Tricks zu Fotos zu kommen. Deswegen wurde eine eigene Security-Firma beschäftigt, um die Familie zu schützen. Jene Medien, die damals zu weit gegangen waren, wurden mit hohen Geldbußen zu Rechenschaft gezogen.

„Ruhiger Gefangener“

Josef Fritzl selbst verbüßt seine lebenslange Haft – unter einem neuen Namen – in der Justizanstalt Krems-Stein. Im April ist er 83 Jahre alt geworden. Seitens der Justizanstalt will man keine Auskunft geben. Von Justizwachebeamten hört man, dass er ein sehr unauffälliger Gefangener sei, der keinerlei Probleme bereite.

Der Fall Fritzl hat übrigens auch innerhalb der Polizei für Konsequenzen gesorgt – etwa beim Umgang mit Vermisstenfällen. Denn seit dieser Zeit werden immer sofort Landes- und Bundeskriminalamt eingeschaltet, wenn es eine Vermisstenanzeige gibt.