Chronik | Wien
11.07.2018

Zu Fuß geht man vor allem in der Stadt

In Wien wird gehen immer beliebter. Die Wohnumgebung beeinflusst Anteil der zurückgelegten Fußwege.

Dienstagvormittag, Simmeringer Hauptstraße, Ecke Krausegasse: Dutzende Fußgänger stehen an der Ampel. Autos und Lastwagen donnern an ihnen vorbei. „Die Autolenker brettern oft bei Rot über die Kreuzung. Rad- und Motorradfahrer drängeln sich auf der Seite vor. Da bin ich schon ein paar Mal fast mitgenommen worden“, erzählt die Sabine S. Als Fußgängerin fühle sie sich hier sehr unsicher.

Mit diesem Empfinden ist die Wienerin nicht allein, zeigt der eben erschienene Wien-zu-Fuß-Report 2018. Demnach fühlen sich in Simmering nur 41 Prozent der Fußgänger sicher, während es in Floridsdorf satte 88 Prozent sind. Basis dieser Zahlen ist eine repräsentative Umfrage unter 4600 Erwachsenen. Sie ist die bisher größte Erhebung zum Gehen in Wien – die sogar für Fußgänger-Expertin Petra Jens überraschende Erkenntnisse ans Tageslicht förderte.

Nachgefragt: Wie sicher fühlen Sie sich als Fußgänger?

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Sarah S.

"Ich gehe jeden Tag mit meinem Hund. Gerade in Simmering fühle ich mich als Fußgänger unsicher. Ich gehe deshalb meistens nur in der Wiese oder über Ampeln. Bei manchen Kreuzungen ist mir aber trotzdem nicht wohl. Die Leute fahren ja auch bei Rot drüber."

Wolfgang Schirnik

"Ich fühle mich als Fußgänger sehr sicher. Mit Autofahrern und Radfahrern ist es schon heikel. Die Autofahrer sind rücksichtsloser geworden. Man muss aber selbst wissen, dass man als Fußgänger aufpassen muss. Ich bin halt beim Überqueren der Zebrastreifen vorsichtig."

Lacigova Radka

"Ich gehe sehr oft zu Fuß und fühle mich nicht so sicher. Mich stört es, dass die Hunde keine Beißkörbe tragen und dass die Leute mitten auf dem Gehsteig stehenbleiben. Selbst wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs bin, weichen sie nicht aus. Mit den Radfahrern habe ich kein Problem."

„Insgesamt fühlen sich drei Viertel der Fußgänger in Wien sicher. Das möchte man fast nicht glauben, wenn man Boulevardzeitungen aufschlägt, die Unfälle und Kriminalität hervorheben“, sagt die städtische Fußgängerbeauftragte. Unterschiede zwischen den Bezirken sieht sie als Motivation für die Lokalpolitik. „Die meisten Entscheidungen betreffend Fußgängerverkehr liegen bei den Bezirken“, erklärt sie.

Verkehrsberuhigung

Gute Beleuchtung, belebte Straßen und Geschwindigkeitsbeschränkungen würden das Gehen fördern. „Deshalb sind Tempo-30- und Begegnungszonen so wichtig“, sagt Jens. Letztere will die Stadt weiter ausbauen: Die Rotenturmstraße in der Innenstadt soll frühestens 2019 umgebaut werden.

Die größte Sensation der Erhebung war für Jens das gesteigerte positive Image des Gehens quer über die Stadt. Auch in „autozentrierten“ Bezirken wie Döbling sei das Gehen beliebt. „Heute sagen 88 Prozent der Wiener, dass sie gerne zu Fuß unterwegs sind. Im Jahr 2013 waren es nur 59 Prozent.“

Verantwortlich für diese Entwicklung sei die bewusstseinsbildende Arbeit der städtischen Mobilitätsagentur, aber auch ein genereller Wandel im Fortbewegungsverhalten, sagt Jens. „Gehen ist kein notwendiges Übel mehr, sondern gehört zunehmend zu einem urbanen Lebensstil.“

Gehmuffel am Land

Das zeigt sich auch an der Wahl der Verkehrsmittel: In Zentrumsnähe ist der Anteil an fußläufig zurückgelegten Wegen besonders hoch. In den innerstädtischen Gründerzeitvierteln werden etwa 38 Prozent der Wege per pedes bewältigt, während es in kleinteilig strukturierten, weniger urbanen Neubau-Gebieten nur 21 Prozent sind.

Noch augenscheinlicher ist der Zusammenhang zwischen Wohnumgebung und Gehverhalten am Land. Laut Daten des Verkehrsministeriums wurden 2014 (aktuellste verfügbare Zahlen, Anm.) in den peripheren Gegenden Österreichs (Bezirke wie Amstetten, Freistadt oder Liezen) lediglich 16 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt.

Dieses Phänomen beschäftigt auch Dieter Schwab vom Fußgänger-Verein Walk Space. „Die romantische Vorstellung, am Land könne man überall zu Fuß hin, ist weit gefehlt“, sagt er. Hebel, um das Gehen zu fördern, seien etwa eine bessere Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel oder Initiativen gegen die Zersiedlungen von Ortskernen. Schwab: „Infrastrukturen für den Alltag sollen im Idealfall per pedes erreicht werden können.“

Das Bewusstsein für Fußgängerfreundlichkeit sei vor allem in urbanen Räumen hoch, in ländlichen Regionen gebe es jedoch Verbesserungspotenzial. Genau hier setzt Schwab mit seinen Fußgänger-Checks an. Dabei analysiert er Straßenzüge mit ihren Nutzern im Hinblick auf Schwachstellen und Potenziale für Fußgänger. Nach der Bestandsaufnahme wird gemeinsam mit Kindern, Senioren und anderen Interessengruppen ein Maßnahmenpaket geschnürt. Politische Entscheidungsträger und Gemeindevertreter sind von Anfang an eingebunden.

Letztlich, sagt Schwab, liege es auch in der Verantwortung jedes einzelnen, welche Mobilitätsform er nutzen könne. „Wer weit hinaus zieht und sich aber gleichzeitig darüber aufregt, dass er für jeden Weg ein Auto benötigt, ist selbst schuld.“

Mitarbeit: Alina Neumann