Chronik | Wien
20.12.2017

Im Gleichschritt für die Fußgänger

Vor allem auf dem Land gehen wenige zu Fuß, Vereinigungen wollen das ändern.

Jeden zweiten Donnerstag im Monat verwandelt sich das Extrazimmer des Café Sperlhof in Wien-Leopoldstadt in eine Denkfabrik. Studenten, Wissenschaftler, Architekten und interessierte Laien sitzen bei Bier und Gulasch in dem holzvertäfelten Raum zusammen und reden angeregt über eine scheinbare Banalität: Das Gehen.

"Wenn man mit einem kleinen Kind unterwegs ist, fällt einem auf, wie wenig Platz Fußgänger haben", erzählt Stefan Ohrhallinger. Hanna Schwarz weiß, was er meint. "Mit dem Kinderwagen in der einen und dem Kind an der anderen Hand lernt man Gehsteige anders kennen", sagt sie. Dann merke man, wie oft Fußgänger Fläche abtreten müssen – etwa wegen Schildern, die auf dem Trottoir aufgestellt wurden. Daran zeige sich, welche Priorität das Gehen habe, sagt Schwarz, "nämlich keine. Das Wichtigste ist, dass der motorisierte Verkehr fließen kann." Um das zu ändern, gründete sie im Frühling mit zwei Mitstreitern den Verein "geht-doch.wien".

Vorgänger

Österreichweit setzt sich bereits seit zehn Jahren Dieter Schwab mit der Initiative "Walk Space" für die Interessen der Fußgänger ein. "Ich versuche, Gehen in positiver Form unter die Leute zu bringen", sagt er. Seine Mittel: Infrastruktur-Checks oder das Aufzeigen von konkreten Positiv-Beispielen.

Eine Untersuchung des Verkehrsministeriums (BMVIT) vor drei Jahren zeigt, dass derartiges Engagement nötig ist. Denn 2014 wurden durchschnittlich nur 17 Prozent aller Wege in Österreich zu Fuß zurückgelegt, während es 1995 noch 27 Prozent waren. Zwischen den Regionen bestehen allerdings große Unterschiede. In Wien betrug der Fußwege-Anteil 2014 satte 25 Prozent, 2016 lag er laut Zahlen der Stadt sogar bei 27 Prozent. In den peripheren Gegenden des Landes – darunter Bezirke wie Amstetten, Freistadt oder Liezen – wurden laut BMVIT-Erhebung lediglich 16 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt.

"Es ist romantisch zu glauben, dass man am Land viel zu Fuß geht", sagt Schwab. Entfernungen würden dort durch die Raumplanung oder Maßnahmen wie Schul-Zusammenlegungen immer größer und seien nicht mehr zu Fuß bewältigbar. Dabei wäre Gehen im Alltag eine gute Möglichkeit, um auf die von Gesundheits-Experten empfohlenen 10.000 Schritte pro Tag zu kommen, sagt Schwab. Diese Vorgabe würden vor allem jene erfüllen, die gut ausgebaute Öffis zur Verfügung haben und die letzten Meter ans Ziel gehen.

Oberste Fußgängerin

In Wien nimmt sich seit 2013 auch die Stadt verstärkt der Gehenden an – und zwar in Person der Fußgänger-Beauftragten Petra Jens, die in der Mobilitätsagentur angesiedelt ist. Braucht es da überhaupt zusätzliche Initiativen? Ja, findet Hanna Schwarz von "geht-doch.wien". Denn die Herangehensweisen seien unterschiedlich. "Die Mobilitätsagentur kann zum Beispiel nicht Radfahrer gegen Fußgänger ausspielen", sagt sie. "Und ihre Projekte hängen am Geldbeutel der Stadt."

Sie und ihre Mitstreiter zogen kürzlich mit ihrer Forderung nach temporären Fahrverboten vor Schulen Aufmerksamkeit auf sich. Wichtig sind ihnen auch die Anliegen älterer Fußgänger, wie etwa mehr Sitzgelegenheiten zum Ausruhen. Negativ-Beispiel in dieser Hinsicht ist sei die Gegend um das Einkaufszentrum "The Mall" im dritten Wiener Bezirk, sagt Mitgründer Guntram Münster. "Es gibt dort kaum konsumfreie Sitzplätze."

Langfristiges Ziel des Vereins ist ein Sitz in der städtischen Fachkommission Verkehr, die Verkehrsplanungen beurteilt. Er will dort – wie es etwa die NGOs Radlobby oder ÖAMTC seit Jahren tun– für seine präferierte Fortbewegungsform lobbyieren.

Gemeinschaftsraum

Darüber hinaus geht es Münster und Schwarz darum, den öffentlichen Raum neu zu denken. Denn dieser diene nicht nur dazu, von A nach B zu gelangen, sagt Münster. "Er ist ein Ort für das Miteinander." Werkzeuge, um ihn entsprechend zu nutzen, gebe es zahlreiche – etwa Straßenfeste oder sogenannte Parklets (kleine, begrünte Sitzbereiche, die auf Parkplätzen eingerichtet werden, Anm.). "Wir wollen die Menschen aktivieren, diese auch zu verwenden", sagt Schwarz. Die zentrale Botschaft sei: "Traut euch, es geht doch!"