Chronik | Wien
29.11.2017

Die Verbannung der Eltern-Taxis

Autos vor dem Schuleingang gefährden Kinder und werden mancherorts mit Verboten ferngehalten.

Wenn es im 15. Wiener Gemeindebezirk gerade erst hell wird, herrscht beim Schulzentrum Friesgasse bereits Chaos. Unzählige Volksschüler mit bunten Taschen und verschlafene Teenager huschen zwischen den Stoßstangen der sich stauenden Autos durch. Ein Lenker hupt ungeduldig. Denn ein weißer SUV, aus dem drei Mädchen aussteigen, verparkt die Fahrbahn. Er wird an diesem Morgen nicht der letzte sein.

Szenen wie diese spielen sich täglich in ganz Österreich ab. Jeder fünfte Pflichtschüler wird im Auto zum Unterricht gebracht. Was die Chauffeure dabei übersehen: Die vielen Autos vor den Schulen steigern das Unfallrisiko erheblich. Immer mehr Schulen und Kommunen sagen den Eltern-Taxis daher den Kampf an.

Ausgesperrt

Seit vergangener Woche gilt etwa vor den öffentlichen Volksschulen in den Salzburger Stadtteilen Lehen, Maxglan und Morzg sowie dem Campus Mirabell ein Fahrverbot für Eltern-Taxis. Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn rücken dort die Schulwarte aus, um mittels Scherengitter die Zufahrt abzuriegeln. Die ressortzuständige Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ) zieht zufrieden Zwischenbilanz. "Die Direktoren haben mir zurückgemeldet, dass die Lage besser geworden ist", sagt Hagenauer. Die Reaktionen zu den Fahrverboten seien überwiegend positiv – selbst von jenen Eltern, die ihre Kinder bisher selbst mit dem Auto bis vor die Eingangstüren der Schulen geliefert haben.

Heike Rieser, Direktorin der Volksschule Morzg, bestätigt das für ihren Standort. „Vor der Schule ist eine enorme Verkehrsberuhigung zu beobachten“, sagt Rieser. „Wir sind sehr, sehr glücklich darüber.“ Zu Jahresbeginn soll es zudem an den Volksschulen in Liefering, Leopoldskron und Aigen jeweils einen Lokalaugenschein mit der Straßenrechtsabteilung und der Polizei geben. Auch bei diesen drei Standorten seien laut Vizebürgermeisterin Hagenauer Probleme mit „Elterntaxis“ gemeldet worden.

Vorreiter in Sachen temporäres Fahrverbot ist das steirische Leibnitz. Seit den 80er-Jahren ist jener Abschnitt der Wagnastraße, in der sich drei Schulen befinden, zeitweise für Pkw gesperrt. Die Polizei kontrolliert die Einhaltung und verhängte auch schon Strafen. Ähnliche Initiativen gibt es in Graz-Andritz und Bregenz.

Petition für Fahrverbote

Wien soll sich daran ein Beispiel nehmen, findet der Verein "Geht doch". Die Gruppe, die den öffentlichen Raum für Fußgänger zurückerobern will, fordert in einer Petition an den Gemeinderat bis 2020 eine verkehrsberuhigte Schulstraße pro Bezirk, in der sich die Kinder frei bewegen können. Die städtische Fußgänger-Beauftragte Petra Jens hat für nächstes Jahr bereits ein Pilotprojekt fixiert, der Standort ist noch offen.

Sehr geeignet wäre aus Sicht des Vereins die Kleine Sperlgasse mit ihren drei Schulhäusern. "Man kann morgens kaum durchgehen, weil die Gehsteige so überfüllt sind", sagt Volksschuldirektorin Nicolina Bösch. Hinzu kommen der Durchzugsverkehr und Eltern-Taxis, die Rad- und Gehwege blockieren. "Hier herrscht in der Früh Krieg", sagt Mutter Anna B.

Eine verkehrsberuhigte Schulstraße gibt es in Wien bereits. Um die Eltern-Autos zumindest ein Stück vom Schulgebäude weg zu verlagern, wurde der Bereich vor dem Eingang ins Schulzentrum Friesgasse vor rund zehn Jahren zur temporären autofreien Zone erklärt. Das Zubringer-Chaos spielt sich nun in der angrenzenden Gasse ab. Und manche Eltern ignorieren das Fahrverbot, wie sich beim Lokalaugenschein zeigt. "Ich habe mich gerade wieder so geärgert", schimpft Thomas J. angesichts der beiden Kombi vor dem Tor. Er liefert seinen Sohn per Straßenbahn und zu Fuß in der Schule ab. Schulleiterin Maria Schelkshorn bleiben nurmehr Appelle zum Auto-Verzicht. Aber: "Die haben leider nicht den gewünschten Effekt."

Autos vor Schulen sind eine direkte Gefahrenquelle

Christian Gratzer ist Sprecher des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ), der Fahrverbote vor Schulen begrüßt.

KURIER: Warum sind Elterntaxis ein Problem?

Vor vielen Schulen sind zu Unterrichtsbeginn und -ende viele Autos unterwegs. Die Kinder steigen aus dem Auto aus, sehen einen Freund und laufen auf ihn zu, ohne zu schauen. Die Autos sind somit eine direkte Gefahrenquelle. Eltern glauben, den Kindern mit der Fahrt zur Schule etwas Gutes zu tun, aber das stimmt nicht.

Warum?

Am Schulweg können Kinder in einem geschützten Umfeld das richtige Verhalten im Straßenverkehr erlernen. Es gibt in der Nähe von Schulen zum Beispiel Schülerlotsen und Autofahrer passen dort besonders auf. Zudem leiden viele Schüler unter Bewegungsmangel. Am Schulweg können Kinder ihre tägliche Portion Bewegung bekommen. Schüler, die zu Fuß gehen, sind in der ersten Stunde munterer und konzentrierter.

Was raten Sie Eltern, die auf das Auto angewiesen sind?

Sie könnten zumindest 500 Meter von der Schule entfernt parken, um mit den Kindern wenigstens ein kleines Stück zu gehen. Das kostet zwar mehr Zeit, bringt den Kindern aber Kompetenz im Straßenverkehr.