Anwalt Thomas Fried überreicht Sonja R. das endgültige Urteil, das ihr den Gewinn von 20.000 Euro zuspricht.

© KURIER/Franz Gruber

Urteil
08/29/2015

Zocken im Dienst zahlte sich aus

Wettbüro muss 20.000 Euro Gewinn an Angestellte auszahlen, die in der Arbeit spielte.

von Ricardo Peyerl

Fast ein Jahr saß Sonja R. in einem Wettbüro in Wien-Ottakring am Schalter, nahm Tipps entgegen, zahlte Gewinne aus und sah, wie Menschen ihr letztes Geld verspielten. Dann versuchte sie es selbst. Ein Kunde drängte die 43-Jährige: "Komm, setzen wir gemeinsam, Frauen haben die bessere Intuition."

Sonja R. verlor ein bisschen, gewann ein bisschen, verlor ein bisschen – und dann machte sie mit einer Systemwette das große Spiel. Sie hatte 27 Fußballtipps abgegeben, mit allen 27 lag sie richtig, 25 Euro Einsatz und 20.000 Euro Gewinn.

Entlassung

Als sie am nächsten Tag in das Wettbüro kam, überreichte ihr der Chef die Entlassung statt des Gewinns. Er warf ihr vor, während der Arbeitszeit gespielt zu haben und verweigerte die Auszahlung. Mit ihrem Anwalt Thomas Fried klagte Sonja R. den Gewinn ein, prozessierte bis zum Obersten Gerichtshof und gewann noch einmal. Der Wettbüro-Betreiber hatte eingewendet, dass Sonja R. als Mitarbeiterin nicht schutzwürdig sei.

Das Höchstgericht sah das anders: "Der bloße Umstand, dass sie die Wetten während ihrer Arbeitszeit getätigt hat, reicht nicht aus, um sie als weniger schutzwürdig anzusehen als einen außenstehenden Wettkunden", steht im Urteil. Am Ausgang der Wette hätte sich nichts geändert, wenn sie das Wettlokal in ihrer Freizeit aufgesucht hätte, um zu setzen.

"Ich habe nur gespielt, wenn gerade nichts los war", sagt Sonja R. im KURIER-Gespräch. Alle Mitarbeiter hätten das gemacht, mit Wissen des Chefs. Mehr noch: Die Kollegen hätten sogar Schulden bis zu 200.000 Euro beim Chef gemacht, um spielen zu können. "Dem war nur wichtig, dass die Kasse stimmt."

20.000 Euro gewonnen, dafür den Job verloren: Hat sich das ausgezahlt? "Aber ja", sagt Sonja R. Früher oder später hätte sie ohnehin gekündigt. Es sei zu stressig im Wettbüro. Vom Arbeitslosen bis zum Primarius reichen die Kunden, und die Mehrzahl "ruiniert ihr Leben dabei". Viele seien süchtig. "Die borgen sich immer wieder Geld aus, bei Bekannten, bei der Familie." Einer habe alles verloren und sich nachher aufgehängt, erzählt die 43-Jährige.

Mit ein bisschen Taktik könne man schon etwas erreichen, sagt Sonja R. Sie selbst wettete bei ihren 27 Tipps kein einziges Mal auf unentschieden, es waren alles Auf- oder Abstiegskämpfe, jeder brauchte Punkte. Und es kam kein einziges Unentschieden. "Aber am meisten braucht man Glück", sagt Sonja R.

Jetzt arbeitet sie an einer Supermarkt-Kassa, da hat sie weniger Zeit und Gelegenheit, zu spielen. Die 20.000 Euro hat sie noch nicht auf ihrem Konto.

Der Wettbüro-Betreiber hat angefragt, ob er den Gewinn in Tausend-Euro-Raten abstottern darf. Anwalt Thomas Fried will zumindest 5000 Euro pro Rate sehen.

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