© Kurier/Gerhard Deutsch

Reportage
03/08/2021

Wohlfühl-Widerstand vor nobler Kulisse

Wie die Wiener Zerstreuung suchen – und dabei hart an der Grenze zur Illegalität schrammen.

von Stefanie Rachbauer

Rund um das Goldene Quartier bekommt man an sonnigen Wochenenden – wie dem vergangenen – auffällig oft ein ganz bestimmtes Accessoire zu sehen. Das neue Trend-Teil ist leicht und aus Kunststoff. (Nein, es ist nicht die FFP2-Maske.)

Wer etwas auf sich hält, der lässt sich an der Wiener Luxusmeile nur noch mit Plastik-Sektflöte in der Hand sehen.

Während maskenverweigernde und teils rabiate Gegner der Corona-Maßnahmen am Samstag die Stadt lahmlegen, suchen viele einfach nur Zerstreuung.

Man genießt die wenigen Ablenkungen, die Wien derzeit zu bieten hat: Einen Bummel auf der Mariahilfer Straße (wo so viel los ist wie an gewöhnlichen Samstagen), einen Spaziergang am Donaukanal (der fast so voll ist wie im Sommer) oder eben den Take-away-Champagner in der City.

Der Hauptumschlagplatz für Letzteren ist die Bognergasse: Das Schwarze Kameel und ein Stand beim Park-Hyatt-Hotel verkaufen dort Sprudelndes und Koffeinhaltiges samt passende Unterlage (unter anderem Austern und Palatschinken).

All die Menschen, die dafür anstehen, haben definitiv nichts mit den randalierenden Demonstranten zu tun. Und doch reizen auch sie die geltenden Kontaktbeschränkungen ein wenig aus.

Schicker Treffpunkt

Viele der Wartenden kennen sich zwar (und lassen das die Umgebung mit lauten „Hallo“-, „Servus“-, „Du auch hier“-Ausrufen wissen), in einem Haushalt leben sie wohl aber nicht. Und daher müssten sie eigentlich zwei Meter Abstand halten. (Ausnahmen gibt es für einzelne enge Bezugspersonen.)

Selbiges gilt für die Grüppchen, die bei den Pflanztrögen zusammenstehen und diese als eine Art Bar nutzen – trotz der Verbotsschilder.

„Hiermit machen wir Sie auf das polizeiliche Konsumationsverbot in der Bognergasse aufmerksam“, ist darauf zu lesen. Klingt ein bisschen wie: Gesagt haben wir ’s euch.

Die höflichsten Wiener Securitys

Zumindest wenn die Presse vor dem Lokal steht, bitten die Security-Mitarbeiter vom Schwarzen Kameel die Damen (wahlweise in Pelz- oder Daunenmantel) und Herren (mit Designer-Sonnenbrille auf der Nase oder im Haar) weiter.

Mit ausgesucht höflichen Worten, wie sie die Klientel gewohnt ist: „Wenn Sie bitte zum Hof oder zum Graben weitergehen möchten. Dann bekommen Sie keine Probleme“.

Erst vor einer Woche habe die Polizei streng kontrolliert, erzählt einer der Securitys. Die Beamten hätten bis zu 90 Euro Strafe von den Gästen verlangt. Das wolle man nicht noch einmal.

Feiernde Jugendliche

Nicht nur in der Bognergasse hatte die Polizei in den vergangenen Wochen zu tun: Abends haben sich an einigen Tagen größere Gruppen in der City getroffen – darunter Jugendliche, die sich offenbar über Social Media verabredet hatten.

Die Polizei startete daraufhin eine „Aktion scharf“: Bei der jüngsten Schwerpunktkontrolle rund um den Stephansplatz wurden Hunderte Anzeigen ausgestellt.

Laufsteg

Wer vor diesem Hintergrund lieber für sich ist, dem bleibt zumindest das Schauen: Eine Deutsche, die in Wien lebt, amüsiert sich mit ihrer aus Berlin angereisten Mutter über den Aufzug der Kameel-Gäste.

Der Anlass ist aber nicht etwa eine Sektflöte, sondern das Outfit eines ergrauten Herrn: „Schau, der Alte mit den Sneakers, dem Piratentuch und der riesigen Fendi-Tüte“.

Die beiden Frauen haben auf ihrem Spaziergang extra einen Abstecher hierher gemacht: „Das muss man gesehen haben.“

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