© Franz Gruber

Wien
03/18/2013

Weniger Puffs, mehr Prostituierte

Noch nie waren so viele Sexarbeiterinnen gemeldet. Lokalaugenschein in einem „Laufhaus“.

von Nihad Amara

Der Eingang wirkt wie jener eines Kinos: Teppichboden, eine Kasse, ein Programm-Bildschirm. Nur zeigt der Kasten keine Filme, sondern die Bilder der anwesenden Prostituierten. Für „fünf Euro“ Eintritt öffnet sich die Tür ins „Laufhaus Rachel“, laut Betreiber dem „modernsten Wiens“, in die rötlich schimmernden Gänge einer eigenen Welt.

Zu den Puffs der Gegenwart gehören Großbordelle wie das „Rachel“ im Süden Wiens. Ihnen, sagen Insider, gehört auch die Zukunft.

Das „Rachel“, ein Containerbau mit 32 Zimmern, ist ein „Laufhaus“: Frauen mit exotisch klingenden Kunstnamen haben sich darin um 80 Euro pro Tag eingemietet und präsentieren sich wie leicht bekleidete Schaufensterpuppen durch offene Türen und Fenster den Freiern.

Es ist alles auf das Wesentliche reduziert. Keine Bar, keine Sektflaschen-Orgien, keine Musik. Kaffee, Sekt oder Soft-Drinks gibt es aus dem Automaten. Auf zwei Etagen reiht sich Zimmer an Zimmer.

Die Räume vermietet ein Mann, der rein optisch nicht ins Milieu passt: Harald Hauke, 51, kleingewachsen, vollbärtig, trägt einen Rollkragenpulli und eine Baskenmütze. Er steht flüsternd am Gang, um keinen Gast zu verscheuchen. Hauke hat als „Rotlicht-König“ Karriere gemacht, saß im Gefängnis, ist jetzt wieder zurück. „Wir haben lange gekämpft, damit wir jetzt legal sind“, erzählt er mit erhobener Faust.

Bewilligung

Bordelle waren in Wien bisher Bars oder Pensionen. Am 1. November 2011 trat das novellierte Wiener Prostitutionsgesetz in Kraft, das nicht nur den Straßenstrich aus Wohngebieten verbannte, sondern erstmals auch Prostitutionslokale juristisch erfasste. Wer ein Etablissement führen will, muss ein aufwendiges Bewilligungsverfahren durchlaufen (siehe Kasten).

Und er kommt an Hofrat Wolfgang Langer, Leiter des Referats für Prostitutionsangelegenheiten der Wiener Polizei, und seinem Team nicht vorbei. Jedes Lokal wird von den Beamten „abgenommen“. Von 450 Betrieben wurden 135 bewilligt, 144 sind noch im Verfahren. Die restlichen Lokale ließen freiwillig die Rollbalken runter, um den horrenden Geldstrafen oder einer polizeilichen Zwangsschließung zu entgehen. Langer nennt dies einen „Bereinigungsprozess“.

Die Branche boomt dennoch. Noch nie waren in Wien so viele Sexarbeiterinnen registriert. Ende Februar dieses Jahres waren es 3156 – darunter auch vier bis fünf Dutzend Männer. Im Vergleich: Vor zehn Jahren wies die Statistik 530 aus, vor zwei Jahren rund 2400. Langer nennt zwei Gründe für den Anstieg: „Viele Frauen, die bisher illegal gearbeitet haben, lassen sich registrieren. In den Lokalen kann sich niemand mehr verstecken.“ Die Zahlen würden aber auch „die wirtschaftliche Krise widerspiegeln“.

Arm und perspektivlos

Die Herkunft der Frauen liest sich wie eine Armutsstatistik: Mehr als tausend Rumäninnen, 800 Ungarinnen, über 300 Bulgarinnen und viele andere aus Staaten des Ostens und Südens sind gemeldet. Sie haben in ihrer Heimat keine Perspektive, oft keine Ausbildung, manche sind Analphabetinnen, einige sind Opfer von Menschenhändlern und Ausbeutern. Eine Sozialarbeiterin, die anonym bleiben will, sagt: „Die Bandbreite zwischen Freiwilligkeit und Zwang ist riesig.“ Christian Knappik, Sprecher der Hilfsplattform von und für „Sexworker“, warnt auch davor, „Legalität mit Sicherheit“ gleichzusetzen. Knappik hat Zugänge zum Milieu wie kaum ein anderer: „Der größte Zuwachs fand in der Illegalität statt“, sagt er.

Am Automaten steht Pamela (Name geändert), eine Mieterin Haukes, die durchaus Chancen am Arbeitsmarkt hätte: Die Rumänin, 26, ist verheiratet, Mutter und ausgebildete Chemielaborantin: „Ich verdiene hier gutes Geld.“ Ihren alten Job in einer Bäckerei in Wien habe sie an den Nagel gehängt.

Hauke ist nun aufgetaut. Er zieht über den Preis- und Sittenverfall vom Leder. „Hundert Schilling fürs Deppert-Schauen oder für ein Cola“ hätten die Gäste einst ohne zu zögern an der Bar gelassen, jetzt müsse er mit fünf Euro Eintritt Spanner abhalten. Selbst auf seinem Automaten-Cola um zwei Euro bleibe er sitzen.

Für Hauke ist das Rotlicht ein Klischee, geformt von der „bürgerlichen Doppelmoral: Das hier ist die Psychiatrie der Gesellschaft. Die sollten froh sein, dass es uns gibt.“ Stattdessen wolle hier niemand anstreifen. Auch nicht der Freier, der sich angesichts des Fotografen mit hochrotem Kopf an Hauke vorbeischleicht.

Neue Regeln für ein altes Gewerbe

Straßenstrich

Am 1. November 2011 trat das neue Wiener Prostitutionsgesetz in Kraft. Die Straßenprostitution wurde in Wohngegenden verboten und ist nur noch in Gewerbegebieten erlaubt. Der Strich verlagerte sich vom 14. und 15. Bezirk in den 2.

Bordelle

Für Bordellbetreiber brachte die Novelle strenge Auflagen mit sich. Inhaber werden auf ihre Zuverlässigkeit geprüft. Für die Lokale gelten neue Standards, etwa bei Brandschutz, Hygiene oder Sicherheit. Ein Ziviltechniker muss bestätigen, dass das Bordell den Auflagen entspricht. Die Polizei prüft dies vor Ort. Wer ohne Zulassung ein Bordell betreibt, dem drohen bis zu 7000 Euro Strafe und im Wiederholungsfall die Zwangsschließung.

Schwanger auf dem Straßenstrich

„Zugriff“, sagt Michael Haybäck, und dann geht es sehr schnell. Von mehreren Seiten schießen sechs weiße Autos auf die Vogelweiderstraße zu und bremsen sich vor Frauen mit hohen Absätzen ein. Innerhalb von nur 100 Metern greift das 13-köpfige Einsatzteam drei Prostituierte auf.

Kristina trägt schwarze Jeans, rote Lederjacke und ein bisschen zu viel Make-up im Gesicht. Ihr blondes Haar hat die 23-Jährige zu einem Zopf gebunden. In ihrer kleinen Handtasche finden die Beamten eine Hand voll Kondome, Feuchtigkeitstücher und ein Handy – das sie gleich konfiszieren. „Sonst warnt sie ihre Kolleginnen vor den Kontrollen“, sagt Michael Haybäck, 51, Leiter des Amtes für öffentliche Ordnung.

Kristinas Geschäft ist illegal; schon die Anbahnung, also wiederholtes Auf- und Abgehen, ist strafbar. „30 Euro für Oralsex oder Geschlechtsverkehr“, erzählt Kristina dem KURIER; andere Frauen würden es schon um 15 Euro machen. Vier bis fünf Kunden bediene sie in Nächten, die um 19 Uhr beginnen und oft erst gegen 3 Uhr enden.

300 Prostituierte sind in den 14 legalen Bordellen der Stadt Salzburg gemeldet. Diese müssen regelmäßig zu einer ärztlichen Untersuchung. Kristina hat so wie die meisten Frauen auf dem Straßenstrich weder Kontrollkarte noch Gesundheitsausweis – obwohl sie im dritten Monat schwanger ist. Immer wieder greifen die Behörden Prostituierte auf, die ein Baby erwarten; zuletzt im Februar eine 19-jährige Rumänin, die im neunten Monat schwanger war. „Es gibt anscheinend eine Nachfrage nach schwangeren Frauen“, sagt Haybäck.

Seit November 2012 hat das Amt für öffentliche Ordnung im Rahmen von Schwerpunktkontrollen 125 Prostituierte auf der Straße aufgegriffen und mit 401 Anzeigen bedacht. 360 Euro kostet alleine die Anzeige nach dem Aids-Gesetz; dazu kommt der Verstoß gegen das Geschlechtskrankheiten-Gesetz und gegen das Landessicherheits-Gesetz – macht insgesamt 900 Euro Strafe.

„Nicht die Prostituierten sind unsere Gegner, sondern die Hintermänner, die an den Frauen verdienen“, sagt Michael Haybäck.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.