Bewohnerin Johanna Micheler genießt die interne Feier. Am 24. Dezember steht sie auf der Bühne. 

© Kurier/Jeff Mangione

Chronik | Wien
12/22/2018

Weihnachten im Alter: "Ich bin zwar allein, aber nicht einsam"

Im Haus Neubau verbringen Bewohner und Senioren von außerhalb den Heiligen Abend gemeinsam.

„Ich verstehe auch nicht alles“, raunt eine Dame mit weißen Haaren ihrer Tischnachbarin zu. Die beiden sitzen in einem großen, nur von Lichterketten erhellten Saal im Haus Neubau. Auf dem Tisch vor ihnen stehen zwei Gläser Orangensaft und ein Gesteck aus Tannenzweigen.

Vorne auf der  Bühne trägt eine blonde Frau  gerade die letzten Zeilen eines Gedichts vor. Für die beiden Seniorinnen allerdings nicht laut genug, trotz Mikrophon.

Für die Damen und die anderen Bewohner des Seniorenwohnhauses ist es die erste von zwei Weihnachtsfeiern in diesem Jahr. Rund eine Woche vor dem Heiligen Abend veranstaltet die Hausgemeinschaft ein internes Fest, am 24. Dezember sind auch Senioren von außerhalb willkommen.

„Eine große Feier wie heute macht den Anfang und auch am Heiligen Abend muss niemand einsam sein. So kann man sorglos alt werden“, sagt die 87-jährige Elfriede Becker. Sie lebt seit sieben Jahren in der Schottenfeldgasse.

Für die Weihnachtsparty hat sie sich schick gemacht: Sie trägt eine Perlenkette und eine gemusterte Bluse.

Früher, als sie mit ihrem Mann feierte, habe sie sich auch immer schön gekleidet, erzählt sie. Das Ehepaar zog zwar gemeinsam ins Haus Neubau ein. „Aber nach 14 Tagen ist mein Mann gestorben.“

Kinder oder sonstige nahe Verwandte hat Becker nicht. Daher verbringt sie den Heiligen Abend mit ihren Mitbewohnern. Ob sie das traurig stimme? Nein, sagt Becker. „Ich bin zwar allein, aber nicht einsam.“

Viele Gründe für einsame Weihnachten

So wie Becker haben rund 80 der 266 Bewohner des Hauses Neubau keine Angehörigen mehr. Dass ältere Menschen nicht im Kreis der Familie feiern, habe aber auch andere Gründe, sagt Gabriele Graumann, Geschäftsführerin des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser. 

Es gebe etwa mehr Scheidungen, mehr Zerwürfnisse und mehr Brüche in Lebensläufen. Das Altwerden an sich spiele ebenfalls hinein, sagt sie. „Altern hat viele Gesichter – und zwar nicht nur freundliche.“

Manche Senioren verbingen den Heiligen Abend auch ganz bewusst im Haus Neubau – so wie Johanna Micheler. Zwar leben ihre drei Kinder in Wien, aber: „Die brauchen auch einmal ihre Ruhe. Wir treffen uns am 25.“

Am Heiligen Abend steht die 80-Jährige lieber im Haus Neubau auf der Bühne. „Wir lesen Geschichten und ein Gedichte für die Leute, die nicht nach Hause können.“ 

Zu lang dürften die Beiträge allerdings nicht sein. „Sonst werden sie ungeduldig. Wenn man älter wird, ist das schon ein bisschen ein Problem.“

Zum Abschluss werde „Stille Nacht“ gesungen, dann gebe es  Punsch und Kekse. Satt ist Micheler dann aber noch nicht – die Aufregung mache hungrig.

Sie koche sich noch Würstel und Sauerkraut – wie es in ihrer früheren Heimat Kärnten Tradition sei.

Im Festsaal haben die Künstlerinnen inzwischen das letzte Lied des Abends angestimmt.  Wer nun den besseren Auftritt hinlege - die Profis oder die Bewohner - kann Micheler nicht sagen.

„Es war heute sehr feierlich“, meint sie. Singen könne sie ohnehin nicht. „Aber Mundartdichten, das geht.“