Aus der Folge Kebab: Wer Einlass begehrt, sollte - so wie Nummwer 125 - Körberlgeld dabei haben.

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Chronik | Wien
05/21/2019

Warum sich die Stadt Wien von der Magistratsabteilung lossagt

Die Magistratsabteilung ist eine Wiener Institution, die Kultstatus genießt. Dennoch geht es ihr bald an den Kragen.

Herr Weber – Sonnenbrille auf der Nase, Jacke auf der Schulter hängend – biegt in einen Gang mit hellrosa Linoleum-Boden ein. „Was machen Sie da, hä?“, schnauzt er einen dunkelhäutigen Mann mit der Startnummer 125 auf der Brust an, der vis-à-vis von Webers Doppelflügel-Bürotüre auf einer Holzbank ohne Lehne sitzt.

„Warten“, antwortet der Mann. „Auf was?“, will Weber wissen. „Auf Parteienverkehr“. Weber lacht: „Ham’s an Proviant mit?“

Nichts hat das Bild vom Alltag in einer Wiener Magistratsabteilung so geprägt wie die Fernsehreihe „MA2412“. In 34 Folgen gewährt sie einen tiefen Blick in die Abgründe der Beamtenseele. Erotikkalender studieren (Herr Weber), Modellautobauen (Ingenieur Breitfuss), und Telefonieren (Frau Knackal) geht im fiktiven Dekorationsreferat über alles – vor allem übers Arbeiten.

Natürlich ist all das übertrieben. Doch wer die Serie schaut, bekommt ein Gefühl für Wien und eine seiner ureigensten Institutionen: die Magistratsabteilung. Sie verdankt ihren Kultstatus (auch) der Serie.

An den Kragen geht es ihr nun trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen. Denn die Stadt schafft die Magistratsabteilungen ab – zumindest im Außenauftritt. Den will die Stadt nämlich entrümpeln. Die Magistratsabteilungen werden sich künftig nicht mehr mit dem Kürzel „MA“ und einer Nummer, sondern mit ihren Funktionszuschreibungen präsentieren.

Das heißt: Wiener ziehen nicht mehr bei der MA 10 eine Nummer, sondern bei den „Stadt Wien Kindergärten“. Oder beim „Stadt Wien Gesundheitsdienst“ statt bei der „MA15“.

„Das ist der Endpunkt einer Entwicklung, dass man in der Öffentlichkeit  nicht als Amt erscheinen will“, sagt  der Historiker Peter Csendes, der zwei Bücher über die Magistratsabteilungen geschrieben hat. „Die Bezeichnung Magistrat lässt einen an Bürokratie und Ärmelschoner denken. Das versucht man seit den 90er-Jahren zu vermeiden – fast zwanghaft.“

In den 1990ern kam das Konzept des New Public Management (öffentliche Reformverwaltung, Anm.) auf. Ziel davon ist, die öffentliche Verwaltung nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen zu modernisieren.

Von der Partei zum Kunden

Eine Auswirkung: „Anstatt von Parteien spricht man plötzlich von Kunden“, sagt Csendes. Und: Die ersten Magistratsabteilungen erhalten etwas modernere Namen. Ab 1988 heißt die „MA7 – Kulturamt“ nur noch „MA7 – Kultur.“  Wozu dieser Aufwand? „Es ist im Interesse des Magistrats, alles, was an die klassische Beamtenschaft erinnert, zurückzudrängen.“

Kurzum: Der Magistrat braucht zwar seine Beamten, aber nicht deren Ruf. Ihr zweifelhaftes Ansehen speist sich aus zwei Quellen: Erstens sind Beamte willkommene Sündenböcke für Politiker. „Der ehemalige Bürgermeister Helmut Zilk war ein Musterbeispiel dafür, dass immer die Beamten schuld sind“, sagt Csendes.

Zweitens wirkt seit jeher das Klischee vom faulen Paragrafenreiter. „Die Stereotype sind älter als die Magistratsabteilungen selbst. Die Beamtenschaft galt immer als Inhaber von Privilegien.“

Der Schlawiner in uns

Serien wie „MA2412“ tragen freilich zu solchen Klischees bei. Gleichzeitig erinnern sie den Zuseher aber auch daran, dass in jedem ein kleiner Beamter steckt. „In der MA 2412 sitzen zwar zwei Schlawiner, aber die sind auch irgendwie typisch für uns.“

Wenn die Stadt ihren Außenauftritt in zwei bis drei Jahren fertig umgestellt hat, muss Wien nicht zum ersten Mal ohne Magistratsabteilungen auskommen.

1939 war es das nationalsozialistische Regime, das die Bezeichnung eliminierte. Stattdessen gab es neun mit Buchstaben bezeichnete Hauptabteilungen; die ihnen zugeteilten Aufgabenbereiche waren fortlaufend nummeriert.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Magistratsabteilung bereits 37 Jahre auf dem Buckel: Sie war 1902 als Ersatz für die Magistratsdepartements geschaffen worden. Ihr Comeback feierte sie 1945. Ihre Zahl schwankt seither: Ausgehend von 69 wurde im Jahr 1976 mit 70 Abteilungen der Höchststand erreicht. Heute sind es 57.

Diese Entwicklung – und die daraus resultierenden Lücken in der Nummerierung – ist praktischen Gründen wie etwa Ausgliederungen und Zusammenlegungen geschuldet. Aber auch dem gesellschaftlichen und politischen Wandel: Die MA22 (Umweltschutz), MA27 (Europäische Angelegenheiten) und MA57 (Frauenservice) sind Kinder ihrer Zeit.

Obwohl die Magistratsabteilungen Teil der Wiener DNA sind, glaubt Historiker Csendes, dass ihre künftige öffentliche Absenz die Bevölkerung wenig tangieren wird: „Der Mann und die Frau von der Straße gingen auch schon früher zu ,den Kindergärten' und nicht zur MA10.“

Das Erlebnis bleibt

Das Erlebnis Magistratsabteilung existiert ohnedies fort: Lange Gänge, in denen Menschen mit Zetteln in der Hand auf unbequemen Sesseln darauf warten, bis ihre Nummer aufgerufen wird, gibt es ja weiterhin.

So wie am Sitz der „MA2412“ weiter die Beamten ausgehen, obwohl die Serie längst ausgelaufen ist.  2013 zog dort die 49er – Pardon, der Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien – ein.