Chronik | Wien
02/17/2016

Umweltamt verteidigt Baggerungen auf Ziesel-Grund

Bürgerinitiative und Politiker kritisieren Umweltschutzabteilung. Die berichtet über Ziesel-Boom in Wien.

Die Bewilligung von Baggerungen auf einem von Zieseln bewohnten Baugrund beim Stammersdorfer Heeresspital sorgt bei Freunden der geschützten Nager für Empörung. Wie berichtet, genehmigte die Wiener Umweltschutzabteilung MA22 das Abtragen des Oberbodens durch die Bauwerber, die auf dem Gelände rund 950 Wohnungen errichten wollen.

Durch die Maßnahme kämen weder die Poplulation (von geschätzen 260 Zieseln), noch einzelne Tiere auf der Projektfläche zu Schaden, versichert die Behörde – weshalb die Vorarbeiten ob „überwiegenden öffentlichen Interesses“ zu bewilligen gewesen seien. Auch die Wiener Umweltanwaltschaft erhob keinen Einspruch.

Massive Kritik an Behörden

Das sorgt sowohl bei der örtlichen Bürgerinitiative – der IGL Marchfeldkanal – als auch bei Politikern der verschiedensten Couleur für Kopfschütteln. So verurteilt etwa Udo Guggenbichler, Umweltsprecher der FPÖ, die „Ziesel-mörderischen Pläne“. Für ihn ist vor allem das öffentliche Interesse an diesem Standort nicht nachvollziehbar. Der Freiheitliche fordert einmal mehr eine Ersatzfläche für das Bauprojekt.

Genau, wie Guggenbichler sieht auch Gabriele Tupy von den Grünen durch die Bewilligung der Baggerungen die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU verletzt. Dass die Umweltanwaltschaft die Genehmigung nicht beeinspruchte, sei „ein Wahnsinn“. "Sind wir ein Rechtsstaat oder eine Bananrepublik", fragt sie.

Ähnlich fassungslos reagiert man bei der IGL Marchfeldkanal. Zudem hat man dort einDéjà-vu– denn bereits vergangenen Sommer sollte auf dem Bauareal gebaggert werden. Dies wurde allerdings im letzten Moment untersagt, „wahrscheinlich, weil das vor der Wien-Wahl war“, mutmaßt Lukas Mroz von der Bürgerinitiative. Er glaubt an eine "Salami-Taktik" der Stadt. Quasi: "Teil für Teil genehmigen und die Auswirkungen kleinreden." Gemeinsam mit einer großen Umweltorganisation will die IGL nun versuchen, den aktuellen Bescheid der MA22 anzukämpfen.

Unterstützung erhofft sich die Ziesel-Lobby nicht zuletzt von der EU-Kommission, wo die Bürgerinitiative bereits 2013 Beschwerde gegen die Bebauungspläne auf dem Areal einlegte. Dass deren Bearbeitung nun schon zweieinhalb Jahre dauert, steigert den Optimismus allerdings nicht gerade.

Bei der MA22 relativiert man die Einschätzung der EU-Vorgaben durch die Ziesel-Fans allerdings: "Die EU-Richtlinie würde im vorliegenden Fall prinzipiell sogar das Töten eines Tieres zulassen. Für uns kommt das aber nicht infrage", stellt Abteilungsleiterin Karin Büchl-Krammerstätter klar.

So viele Ziesel, wie noch nie

Bei MA22 und Umweltanwaltschaft sieht man sich gezwungen, die Bewilligung der Baggerungen (bzw. den unterlassenen Einspruch) zu verteidigen. Da das betreffende Baufeld im Westen des Geländes vom Bauträger nicht mehr gemäht wurde (was den etwa 20 Zentimeter großen Nagern nicht behagt), seien die Ziesel nach und nach von dort abgewandert. Dort befänden sich lediglich fünf bis zehn Ziesel- oder Hamsterbaue". "Da die Fläche kein Lebensraum mehr ist und durch die ökologische Bauaufsicht gewährleistet ist, dass auch keine Tiere zu Schaden kommen, war der Antrag der Bauträger zu genehmigen", erklärt Wilfried Doppler, Naturschutzreferent der Wiener Umweltanwaltschaft.

Die MA22 präsentierte zur Untermauerung am Mittwoch die jüngsten Daten zur Ziesel-Entwicklung in Wien. Laut neuestem Ziesel-Monitoring sei der Bestand in Wien "derzeit so gut wie noch nie", betont Karin Büchl-Krammerstätter. Waren bei früheren Erhebungen rund 4500 bis 6000 Ziesel auf Wiener Stadtgebiet festgestellt worden, so seien die verschiedenen Populationen mittlerweile auf insgesamt rund 9500 Tiere angewachsen.

Mehr als drei Viertel (77 Prozent) der Zieselbestände leben im Nordwesten der Stadt – und davon wiederum der überwiegende Teil (96,5 %) im Landschaftsschutzgebiet Floridsdorf. In den untersuchten Gebieten wurden insgesamt 8228 Zieselbaue registriert – weitere 600 Baue werden für den Golfplatz Süßenbrunn geschätzt. Ein großer Vorteil sei, dass in den Zieselbezirken Floridsdorf und Favoriten zirka 90 Prozent in neu ausgewiesenen Landschaftsschutzgebieten liegen, sagt Büchl-Krammerstätter. Dazu kämen noch "kleinere Populationen" – wie beispielsweise jene beim Floridsdorfer Heeresspital. Dies zeige, "dass die von der Stadt Wien gesetzten Maßnahmen voll greifen. Wie beispielsweise die Ausweisung des Natura 2000-Gebietes für den Bisamberg."