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Chronik Wien
06/16/2021

Überfall bei Nobeljuwelier: "Ich kann mich nicht entscheiden, ich nehme alles"

"Gentleman-Räuber" floh mit Schmuck um 1 Million Euro. Fünf Jahre später sitzt er vor dem Richter.

von Michaela Reibenwein

Verteidiger Andreas Schweitzer kommt ins Schwärmen, wenn er seinen Mandanten beschreibt: Er nennt ihn den "serbischen Georg Clooney", sieht Parallelen zum Hollywood-Blockbuster Oceans 11.

Beinahe gerät in den Hintergrund, worum es am Mittwoch im Landesgericht für Strafsachen in Wien eigentlich geht: Nämlich um einen Überfall auf einen bekannten Wiener Innenstadt-Juwelier im Juli 2016. Der serbische Angeklagte Marko C., Jahrgang 1972, betrat mit einer Zastava das Geschäft und verließ es mit Schmuck im Wert von mehr als einer Million Euro.

Nur die teuersten Ringe

Was dazwischen geschah, ist allerdings ungewöhnlich. Marko C. gab an, einen Ring für seine Mutter kaufen zu wollen. "Er hat einen sehr seriösen und gepflegten Eindruck gemacht", erinnern sich später die Mitarbeiterinnen. Sie geleiten C. in den ersten Stock, wo sie wertvolle Ringe präsentieren. Solche, die er für zu billig hält, lehnt er sofort ab. Doch allzu gut kennt er sich beim Schmuck nicht aus. Als ihm der Chef die besten und teuersten Colliers zeigt, schickt er ihn weg.

Doch zurück zur Ringwahl: "Haben Sie sich entschieden?", wird C. von einer Verkäuferin gefragt. "Ich kann mich nicht entscheiden", antwortet C. "Ich nehme sie alle." Gleichzeitig greift er zu seiner Schusswaffe, die er im Hosenbund trägt.

"Extrem besonnen"

Und dann gelingt C. etwas Ungewöhnliches. Ohne Worte oder direkte Bedrohung mit der Waffe, schafft er es, dass zwei Verkäuferinnen eine weitere Vitrine öffnen, keinen Alarmknopf drücken und weitere Kunden, die sich nur wenige Meter entfernt befinden, gar nichts vom Überfall bemerken. C. packt den Schmuck in seine Sakkotaschen. Dann wird er von einer Verkäuferin nach unten begleitet. Die Sicherheitsleute öffnen ihm noch die Tür. Dann taucht C. unter. "Er hat extrem besonnen gewirkt", sagen die Mitarbeiterinnen danach aus. "Er hat uns nonverbal zu verstehen gegeben, dass uns nichts passiert, wenn wir machen, was er will."

Der Staatsanwalt sieht das nicht ganz so freundlich: "Er war eiskalt und professionell."

Der Angeklagte bleibt am Mittwoch im Gericht stumm. "Vollkommen schuldig", sagt er nur. Den Rest habe er bereits in Monaco erzählt. Dort wurde er wenige Monate später nach einem weiteren Juwelenraub gefasst und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt (und mittlerweile schon wieder bedingt entlassen). In Wien geht es darum nur um eine Zusatzstrafe.

Sein Motiv erfahren Zuhörer auch nur aus der Verlesung der Akten: C., ein gelernter Bauingenieur, war mit seiner Firma in Konkurs gegangen und hatte sich Geld bei den falschen Leuten ausgeborgt. Um es zurückzuzahlen, beging er den ersten Überfall. Den zweiten verübte er, damit er seine Schulden beim Finanzamt tilgen kann.

Urteil: Drei Jahre Zusatzstrafe wegen schweren Raubs. Rechtskräftig.

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