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Chronik Wien
09/04/2019

Mordprozess nach Sterbehilfe im AKH: "Ich soll den Stecker ziehen"

Vor Gericht in Wien muss sich jene Frau verteidigen, die ihrem todkranken Partner den Beatmungsschlauch gezogen hat.

von Michaela Reibenwein

Es ist keine leichte Entscheidung, die die Geschworenen im Wiener Landesgericht f√ľr Strafsachen treffen m√ľssen. Angeklagt ist Renate E. Die Frau soll im April des Vorjahres ihrem 70-j√§hrigen Lebensgef√§hrten im Wiener AKH den Beatmungsschlauch aus dem Hals gezogen haben. Zu diesem Zeitpunkt lag der Mann bereits im Sterben. F√ľnf Stunden lang h√§tte er noch gelebt.

Nach einer Nierentransplantation im Vorjahr hatte sich der 70-Jährige nicht mehr erholt. Am 6. April verschlechterte sich der Zustand des Mannes massiv. Seine damals 53-jährige Lebensgefährtin wurde informiert. Sie eilte ins Spital und leistete dann in ihren Augen Sterbehilfe.

Die Geschworenen m√ľssen nun entscheiden, ob es Mord war. Der Staatsanwalt ist n√§mlich der Meinung, dass auch eine f√ľnfst√ľndige Verk√ľrzung des Lebens Mord ist. Es habe sich nicht um Tod auf Verlangen gehandelt ‚Äď der Mann habe seinen Wunsch ja nicht mehr √§u√üern k√∂nnen. "Dazu braucht es den konkreten Willen des Mannes - er muss sagen, wie er stirbt, wann und wo."

Die Verantwortung der Geschworenen hebt er hervor: "Die lädt die Republik auf Sie ab." Und gleichzeitig eröffnet der Ankläger den Geschworenen eine Möglichkeit: "Sie können sagen: Ja, das war Mord. Aber die Strafe ist ein Jahr bedingt. Sie können unter die Mindestgrenze gehen." Die Strafdrohung bei Mord liegt eigentlich bei 20 Jahren bzw. lebenslang.

Angeklagte nervös vor Gericht

Um 9.15 Uhr betrat Renate E. gefasst den Gerichtssaal. Die Frau in eleganter Kleidung hatte zuvor Interviews gegeben, war laut ihrem Anwalt sehr nerv√∂s.Die Frau selbst hatte stets beteuert: ‚ÄěIch wollte ihm diesen Wunsch erf√ľllen.‚Äú Man habe einander n√§mlich schon einige Zeit davor gegenseitig versprochen, im Fall des Falles Sterbehilfe zu leisten. "Wenn er nur mehr herumliegt wie ein St√ľckl Geselchtes, soll ich den Stecker ziehen", erkl√§rte sie vor Gericht.

Bereits bei der Polizei hatte sie erkl√§rt, nicht mit dem Vorsatz, sein Leben zu beenden, ins Krankenhaus geeilt zu sein. ‚ÄěWach auf!‚Äú, habe sie an seinem Bett geschrien. ‚ÄěDu darfst mich nicht verlassen!‚Äú Eine Krankenschwester erkl√§rte ihr den Sterbeprozess der kommenden Stunden. Dann sollte die Frau die M√∂glichkeit bekommen, sich von ihrem Lebensgef√§hrten zu verabschieden. ‚ÄěIch war von der Situation √ľberw√§ltigt", erkl√§rte sie bei der polizeilichen Einvernahme.

Schon einige Tage zuvor soll sie ihr Lebensgef√§hrte angefleht haben: "Hasi, hilf mir. Erl√∂se mich. Ich will w√ľrdig sterben." Ihrem Lebensgef√§hrten sei klar gewesen, dass er das Krankenhaus diesmal nicht verlassen wird.

Die W√ľrde des Sterbens, die ist auch im Gerichtssaal Thema. Der 70-j√§hrige Willi G. hatte das Maximum an Medikamenten bekommen. Er sollte eigentlich nur noch "in den Tod schlafen". Er habe einen friedlichen Eindruck gemacht. "Ob das Rausrei√üen eines eingen√§hten Schlauches, dass das Blut nur so spritzt, Sterben in W√ľrde ist, ist auch fraglich", sagt die vorsitzende Richterin Christina Salzborn. "Es war sein Wunsch", sagte Renate E. "Ich w√ľrde es wieder tun."

Vor Gericht kamen nun auch drei Sachverständige zu Wort: ein Psychiater, ein Gerichtsmediziner und ein Toxikologe.

Prozess wurde vertagt

Die Geschworenen waren ungewöhnlich aktiv. Immer wieder stellten sie E. Fragen. Der Fall bewegte die Geschworenen sichtlich. Urteil gibt es heute aber keines. Weil ein Intensivmediziner als Sachverständiger benötigt wird, wird der Prozess am 22. Oktober fortgesetzt. Außerdem soll dann auch noch ein Kriminalbeamter zu Wort kommen.

Die Causa hatte im Vorjahr wieder eine Debatte √ľber das kontroverse Thema Sterbehilfe entfacht. Entsprechende Initiativen f√ľr die Legalisierung gab es immer wieder. Selbst die Bioethikkommission riet in einer Stellungnahme f√ľr das Parlament:  ‚ÄěEs erscheint angebracht, f√ľr Angeh√∂rige und pers√∂nlich nahestehende Personen eine Straflosigkeit vorzusehen, wenn sie einer an einer unheilbaren, zum Tode f√ľhrenden Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung leidenden Person beim Suizid Hilfe leisten.‚Äú

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