Frau Vildan ließ sich vor der Atib-Moschee impfen, weil sie in der Nähe arbeitet.

© Kurier/Gerhard Deutsch

Corona
08/20/2021

Stadt Wien holt Impfwillige vor der Moschee ab

Durch Kooperation mit Religionsgemeinschaften will man noch mehr Menschen erreichen. Doch auch unter Muslimen ist die Impfskepsis groß.

von Bernhard Ichner, Naz Kücüktekin

Voll ausgelastet war der städtische Impfbus, der am Freitag vor einer der größten Moscheen Wiens haltmachte. Dabei hatte es am Anfang gar nicht danach ausgesehen. Beim KURIER-Lokalaugenschein am späten Freitagvormittag tummelten sich vor der Zentrale der Türkisch-islamischen Union (Atib) in der Favoritner Gudrunstraße mehr Journalisten und Kameramänner als Impfwillige. Die gemeinsame Corona-Impfaktion von Stadt und Islamischer Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), die sich primär an Muslime richtete, schien auf wenig Interesse zu stoßen.

Angesichts des zunächst mäßigen Zulaufs suchte man bereits nach Erklärungen. Abgesehen davon, dass die Impfbereitschaft unter Muslimen genauso stagniere wie in der Gesamtbevölkerung, befänden sich auch noch viele türkischstämmige Wiener auf Urlaub in der alten Heimat, hieß es seitens der IGGÖ. Zudem kämen etliche Gläubige wahrscheinlich erst am frühen Nachmittag zum Freitagsgebet und würden dann die Gelegenheit zum Impfen nützen, übte sich IGGÖ-Präsident Ümit Vural in Zweckoptimismus.

Er sollte recht behalten.

Niederschwelliges Angebot

Laut Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) wurde die Höchstkapazität von 20 Impfungen pro Stunde am Nachmittag dann voll ausgeschöpft. „Wir hatten 55 Impfungen in drei Stunden und vor dem Bus stehen die Leute Schlange. Mehr hätten wir gar nicht geschafft.“ Bei Redaktionsschluss war die Impfaktion noch im Gange.

Verabreicht wurde dabei wie bei der Impfstation im Stephansdom das Vakzin von Johnson&Johnson. Vorherige Anmeldung war auch hier keine notwendig.

Mit niederschwelligen und unbürokratischen Impf-Angeboten wie diesem wolle man die Menschen dort erreichen, wo sie beruflich tätig sind und ihre Freizeit verbringen, erklärte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) am Rande der Impfaktion.

Deshalb forciere die Stadt nicht zuletzt die Kooperation mit den Religionsgemeinschaften. Neben der katholischen Kirche und der Islamischen Glaubensgemeinschaft stehe man im Dialog mit der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) sowie mit den Sikhs.

Stellung bezog Ludwig auch zur Ankündigung von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne), wonach die kostenlose Abgabe von Corona-Selbsttests in den Apotheken mit Ende Oktober auslaufen soll (siehe Seiten 4 und 5). Im Rahmen der Aktion „Alles gurgelt“ bleiben die präziseren PCR-Schnelltestkits in Wien auf jeden Fall gratis, versichert der Bürgermeister.

Kommende Woche werde man nach Gesprächen mit Experten mögliche Vorsichtsmaßnahmen im Hinblick auf eine weitere Corona-Welle im Herbst kommunizieren, kündigte Ludwig an.

"Religiöse Pflicht"

Weiter in den Moscheegemeinden mobilisieren will man nun bei der IGGÖ – deren Imame und Moscheevorstände auch schon bisher die Werbetrommel für die Corona-Impfung gerührt haben.

Kommenden Freitag geht die Impfaktion vor Wiens größter Moschee, vor dem Islamischen Zentrum in Floridsdorf, weiter. Und auch nach der Urlaubszeit werde es weitere Termine geben, versichert Präsident Vural.

Für ihn ist die Impfung eine religiöse Pflicht – „eingedenk des islamischen Prinzips, Schaden von sich und von anderen abzuwenden, bevor er eintreten kann“.

Praktische Überlegungen

Die Leute, die am Freitag zur Atib-Moschee gekommen sind, um sich impfen zu lassen, sind allerdings weniger aus religiöser Überzeugung da – manche sind nicht einmal gläubig. Hauptmotive sind eher die Einschränkungen, die Ungeimpfte erwarten könnten, sowie der praktische Standort des Impfbusses.

„Ich habe bis jetzt gewartet, weil ich Bedenken hatte. Aber jetzt in der Urlaubszeit habe ich gemerkt, dass es ohne Impfung sehr kompliziert ist“, sagt etwa Hikmet Özcivciv.

David Böhm wollte sich eigentlich gar nicht impfen lassen. „Da ich aber nicht aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden möchte, mache ich es nun doch.“

Und auch Frau Vildan ist nicht aus religiösen Gründen hier. Sie arbeitet schlicht in der Nähe und folgt dem Beispiel ihrer 88-jährigen Mutter.

Ein großer Erfolg ist übrigens die Impfaktion im Stephansdom. Wegen der großen Nachfrage wird sie bis 3. Oktober verlängert.

 

Impfen in Wien

Moscheen
Am 27. August macht der Impfbus von 11 bis 20 Uhr vor der U-Bahn-Station „Neue Donau“ beim Islamischen Zentrum  Station

Stephansdom
Die Impfaktion wird bis 3. Oktober verlängert. Geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag zwischen 10 und 21 Uhr. Personen ab 18 Jahren erhalten das nur ein Mal erforderliche Vakzine von Johnson & Johnson. Zwölf- bis 17-Jährige werden mit Biontech/Pfizer immunisiert.

Kostenlos & ohne Anmeldung
Es gibt zurzeit zwölf Impf-Boxen in Wien, Impf-Container beim Filmfestival auf dem Rathausplatz, zwei Impfbusse, ein Impfboot sowie Impfzentren in Einkaufszentren. Infos unter: impfservice.wien

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