Chronik | Wien
19.01.2018

Schuss: Rekrut spricht von Stolperer

Bei der Tatrekonstruktion im Fall eines getöteten Soldaten erinnert sich der 22-Jährige Ali Ü. erstmals.

Die Zufahrt in die ehemaligen Erzherzog-Albrecht-Kaserne in der Wiener Vorgartenstraße wird Freitagvormittag gesperrt. Das vergitterte Tor mit dunkelgrünen Planen verhängt. Man will den 22-jährigen Ali Ü. vor den Blicken der Medien schützen. Der Bus der Justizwache fährt direkt vor den Container, in dem der 20-jährige Ismail M. durch einen Kopfschuss starb. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, steigt Ali Ü. aus. Drei Stunden lang wird er Ermittlern und Sachverständigen erklären, was am 9. Oktober des Vorjahres hier passiert ist.

Post-Shooting-Trauma

Freitagvormittag fand die Tatrekonstruktion im Wachcontainer beim Eingang der Kaserne statt. Ismail M. hatte am Tag des Unglücks mit Ali Ü. und einem Wachkommandanten einen 24-Stunden-Dienst absolviert. Zum Zeitpunkt des Schusses soll sich der 20-Jährige, um 19.13 Uhr, im Wachcontainer ausgeruht haben.

Rund 20 Personen zwängen sich am Freitag in den Container hinein. Und Ali Ü. erinnerte sich. Erstmals. Er sei mit der Waffe hinein gegangen, habe sie entgegen der Vorschriften nicht am Eingang abgestellt. Dann sei er gestolpert, sagt er. Und dabei habe sich der Schuss aus der StG77 gelöst.

"Schön langsam kommen die Erinnerungsfetzen wieder. Aber er kann sich noch nicht an alles erinnern", sagt sein Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger (Kanzlei Rifaat). Das liege am Post-Shooting-Trauma, das auch der psychiatrische Sachverständige bestätige. "Die Unfallversion wurde mit der Tatortrekonstruktion noch einmal unterstrichen. Der Sachverständige ist auch sicher, dass es kein angesetzter Schuss war. Da war einige Entfernung dazwischen."

Doch nicht alle können die Version des Rekruten nachvollziehen. "Das sind zu viele Zufälle", meint Philipp Winkler (Kanzlei Rudolf Mayer), der die Familie des Opfers vertritt. "Erst muss eine Patrone in den Lauf, dann muss der Sicherungsstift gedrückt werden. Dann wird – warum auch immer – die Waffe nicht beim Eingang in den Gewehrschrank gestellt, wie es Vorschrift ist. Und schließlich stolpert er auch noch und betätigt dabei den Abzug." Zu viele Fragen seien offen geblieben. "Hier passt einiges nicht."

Kein Repetieren

Ein Detail konnte allerdings geklärt werden. Denn am 9. Oktober war auch ein weiterer Soldat in dem Container. Der Zeuge ist sich sicher, dass er kein Repetieren gehört hat. Für Winkler ist das Nebensache. "Repetieren konnte er theoretisch auch schon vor der Tür." Als der Schuss brach, stand der Zeuge mit dem Rücken zum Geschehen. Ein Stolpern konnte er somit nicht bestätigen.

Der Lokalaugenschein in der Kaserne habe dem 22-Jährigen sehr zugesetzt, sagt Arbacher-Stöger. "Ihm ging es sehr schlecht. Als er in den Container gekommen ist, hat es angefangen, ihn zu reißen. Er wollte nur noch hinaus."

Ali Ü. bleibt vorerst in Untersuchungshaft.