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Chronik Wien
10/10/2020

Rudolfsheim-Fünfhaus: Rascher Wandel im armen Bezirk

Der 15. ist ein zweigeteilter Bezirk. Unterhalb der Westbahn ist die Gentrifizierung schon weiter.

von Andreas Puschautz

An der richtigen Stelle wird das Ambiente selbst im 15. Bezirk imperial. Konkret dort, wo die Johnstraße auf der Höhe der Märzstraße eine leichte Biegung macht und den Blick auf das weltberühmte Gelb von Schloss Schönbrunn freigibt.

Und doch bleibt der Barockpalast gewordene kaiserliche Wohlstand mehr eine Ahnung am Horizont; dass er nicht Teil des Bezirks ist, lässt sich deutlich erspüren. Spätestens, wenn man die Johnstraße verlässt und in die ruhigen Seitengassen einbiegt, ist das Schloss dann auch wieder vergessen. Denn Rudolfsheim-Fünfhaus war immer schon ein klassischer Arbeiterbezirk und ist es bis heute.

Bild links: © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Bild rechts: © Kurier/Gerhard Deutsch

Die Märzstraße einst und jetzt

An manchen Stellen hat sich der Bezirk bereits rasant verändert. In der Märzstraße sieht es fast noch so aus wie früher

Billige Mieten zogen seit jeher Niedrigverdiener und Zuwanderer an, und so ist der kleine 15. Hieb sowohl der ärmste der Stadt als auch jener mit dem höchsten Ausländeranteil. Nur 57,6 Prozent der Menschen hier haben einen österreichischen Pass. Zieht man auch noch jene ab, die im Ausland geboren wurden, steigt der Anteil der Migranten auf 53 Prozent.

„Unten“ und „oben“

Gertrude Man macht das alles nichts aus. Nächsten Monat wird sie 70 Jahre alt, jedes einzelne davon hat sie im Bezirk gelebt. Aufgewachsen ist sie im „unteren“, also im südlichen Teil, unterhalb der Sechshauser Straße, wo schon ihre Großeltern ein Wirtshaus betrieben. Nach einer Zwischenstation im Nibelungenviertel landete sie 1982 in der Wurmsergasse unterhalb des Meiselmarkts, wo sie seit damals lebt und im selben Haus die Bar „Blue Tomato“ betreibt.

Mans Herz hängt nach wie vor „unten“, im „kleinen Dorf, in dem jeder jeden gekannt hat“. Die Lage, die sei aber oben besser, vor allem sei die Luft durch die Höhenlage viel frischer. „Und es ist offen und weit, ich finde es eigentlich recht schön, hier zu wohnen“, sagt sie.

Auch der hohe Ausländeranteil stört Man nicht, „im Gegenteil, ich glaube, wir sind auf dem Weg zu einer guten Durchmischung“. Auch, weil im Grätzel viel saniert wird und die Kombination aus schickeren Wohnungen und zentraler Lage kaufkräftigeres Publikum anzieht. Wenn die Neuzuzügler auch noch beginnen, am Leben im Grätzel teilzuhaben, „dann funktioniert’s“, ist sie sich sicher.

Teilhaben, das heißt auch: Ihre Kinder in die städtischen Bildungseinrichtungen vor Ort zu schicken. Mans Enkelin besucht den Kindergarten in der Gasse und ist dort die einzige mit deutscher Muttersprache. „Das bekrittel ich“, sagt Man, „ich kenne viele junge Menschen mit Kindern, aber die schicken sie lieber in Privatkindergärten“. Ein Problem der Gentrifizierung: „Das sind alles Leute, die es gut meinen, aber nicht den Schritt mehr tun.“

Bobostan

„Unten“ ist die Gentrifizierung schon zwei Schritte weiter. Der Hietzinger Exilant Christoph wohnt seit 2004 im Grätzel um die hippe Reindorfgasse, seine Tochter besucht wie sein Sohn zuvor den städtischen Kindergarten. Eine Einteilung der Kinder nach Muttersprache ergibt für ihn keinen Sinn, sehr wohl jedoch nach ihrem sozialen Hintergrund.

„Was mich beschäftigt, sind die unsichtbaren Linien, die schon im Kindergarten durch die Gruppen gehen“, erzählt er. „Man geht durch dieselben Gassen, aber von den Freunden meiner Kinder wohnt keiner im Gemeindebau.“

Dörflich
Die Ursprünge des heutigen Bezirks liegen im ausgehenden 19. Jahrhundert, als die Vororte Rudolfsheim und Sechshaus eingemeindet wurden. Erst im Jahr 1938 kam Fünfhaus dazu und verlieh dem 15. Bezirk seinen heutigen Namen.

Geteilt
Der Bezirk wird durch die Westbahntrasse geteilt, ein Bezirksbewusstsein bildete sich dadurch nie heraus.

Chance
Nun mehren sich Hoffnungen, dass die Umwidmung und Verwertung großer Teile des bisherigen Bahngeländes als Stadtentwicklungsgebiet in den kommenden Jahren zur Herausbildung eines Bezirkszentrums führen und dadurch auch den Bezirk stärken könnte.

„Unten“ stelle sich durch die Gentrifizierung weniger die Frage nach dem Migrationshintergrund, sondern vielmehr eine Klassenfrage. Denn dass sich der Bezirk rasanter gewandelt habe als andere, steht für Christoph außer Frage.

Der nächste Schub für Rudolfsheim-Fünfhaus könnte übrigens bereits bald kommen. Nämlich dann, wenn die ÖBB die ersten Flächen entlang der Westbahn freigeben. Insgesamt 70.000 Quadratmeter Fläche führt die Bahn dort als Stadtentwicklungsgebiet.

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