Schwere Vorwürfe: Macht von WKW-Präsident Walter Ruck bröckelt

Walter Ruck.
Ruck werden Postenschacher und Wahltricksereien vorgeworfen. Seine Gegner wittern Morgenluft, alte Allianzen sind nicht mehr so fest wie früher.

Kurz, bevor Martha Schultz offiziell von der Übergangslösung zur wirklichen Präsidentin der Österreichischen Wirtschaftskammer gekürt wurde, gab es noch ein Vier-Augen-Gespräch: Die Tirolerin, die seit dem Abgang von Harald Mahrer an der Spitze der Interessenvertretung steht, traf sich mit Walter Ruck, dem mächtigen Wiener Wirtschaftskammerchef.

Ruck habe sich darin, ist zu hören, versichern wollen, dass Schultz auch die nötigen Reformen vorantreibe. Jetzt sieht es so aus, als könnte er selbst der inneren Erneuerung der Kammer zum Opfer fallen.

Seit zwei Wochen ist Walter Ruck mit Vorwürfen des Postenschachers konfrontiert. Er soll seine beiden Söhne und seine Lebensgefährtin bei verschiedenen öffentlichen Institutionen untergebracht haben. Hinzu kommen nun Vorwürfe der „Trickserei“ bei den Wahlergebnissen der Wirtschaftskammerwahl. Ruck selbst tauchte medial unter – und nahm nicht persönlich zu den Vorwürfen Stellung. 

Insider vermuten, dass Schultz nun ihre Reformkraft beweisen wolle, indem sie mit dem „alten System“ aufräume – konkret: mit den Machtspielen, wie sie auch Ruck gerne in Wien spielt. Es ist nicht auszuschließen, dass das sogar den Präsidenten selbst sein Amt kosten könne. Die Bundes-Wirtschaftskammer hat jedenfalls bereits angekündigt, die Postenschacher-Vorwürfe intern prüfen zu lassen.

Rucks Position in Wien ist längst nicht mehr so gefestigt, wie sie einst war: Das dichte Netzwerk, dass sich der Wirtschaftskammer-Chef gewoben hat, scheint nun zu bröckeln. Die Wiener SPÖ, mit deren Chef Michael Ludwig er eigentlich eine enge Freundschaft pflegt, hat sich in den vergangenen Wochen langsam von ihm distanziert. Mit seiner eigenen Partei, der Wiener ÖVP, ist Ruck schon lange übers Kreuz. Und auch in der Wiener Wirtschaftskammer hat er sich zuletzt immer mehr Feinde gemacht.

Ein Entfremdung in drei Akten.

Ruck und die Wiener SPÖ

Noch vor einem Jahr war die Welt von WKW und SPÖ Wien noch in Ordnung. Bürgermeister Michael Ludwig und Walter Ruck scherzten nach den ersten geplatzten Koalitionsverhandlungen im Bund, dass sie zwei schon fertig verhandelt hätten. Rucks Intimus Peter Hanke war noch Wirtschaftsstadtrat und hatte immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Kammer. Ruck und Ludwig, die eigentliche Koalition in Wien, das war in Politikerkreisen schon ein geflügeltes Wort. 

Seither ist aber viel passiert. Ludwig entschied sich für die Neos und gegen die ÖVP als Koalitionspartner in Wien. Und das, obwohl sich Ruck selbst für die Regierungsbeteiligung mächtig ins Zeug legte. „Ich bringe euch die Koalition“, soll er ÖVP-intern versprochen haben, dass das missglückt ist, ein Gesichtsverlust. Seine Ankündigung wurde von vielen ohnehin als Selbstüberschätzung gewertet: Dass Ludwig die nach dem Wahldebakel darniederliegenden Türkisen an seine Seite holen würde, war trotz der Freundschaft wohl nie wirklich eine Option.

Ein Foto vom gemeinsamen Abendessen während der Verhandlungszeit mit den jeweiligen Ehefrauen ist eines der wenigen, wo seither beide darauf zu sehen sind. Zwar gab es gemeinsame Medientermine, etwa das alljährliche Benefiz-Fußballturnier, aber auch Absagen, von Fotomöglichkeiten, die in den vergangenen Jahren als sakrosankt gegolten hatten. Die Weihnachtsbeleuchtung schaltete Ludwig etwa nicht mit Ruck, sondern mit dessen Stellvertreterin Margarete Kriz-Zwittkovits ein. Am Tag zuvor war die Einladung an die Medien noch mit Ruck selbst hinausgegangen.

Ob Rucks auffallende Abwesenheit bei Bürgermeisterterminen an seinen zahlreichen Auslandsreisen liegt, wie die Erzählung nach außen ist, oder ob Ludwigs Strategen kurz nach dem Rücktritt von WKO-Chef Harald Mahrer geraten haben, nicht mehr ganz so offensiv die enge Verbindung herauszustreichen, darüber kann man nur spekulieren.

Ludwig und Kriz-Zwittkovits schalten mit einem roten Buzzer die Weihnachtsbeleuchtung auf den Wiener Straßen ein.

Beim Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung stand Margarete Kriz-Zwittkovits an Ludwigs Seite. 

Erschwerend kommt hinzu, dass Ludwig sich immer stärker selbst als Wirtschaftspolitiker positioniert. Möglich, dass das mit Rucks bekannt großem Geltungsbedürfnis kollidiert. Dass sich etwas verändert hat, wird anhand zwei konkreter Beispiele deutlich: Wegen der Erhöhung der Ortstaxe schickte Ruck das erste Mal seit Jahren eine Presseaussendung gegen die SPÖ aus. 

Und Ludwig sagte bei der SPÖ-internen „Wiener Konferenz“ - wenige Tage nachdem Ruck abermals die Sonntagsöffnung gefordert hatte - einen Satz, den man in seiner Deutlichkeit so auch nicht erwartet hätte: „Wirtschaftspolitik bedeutet nicht, alles abzunicken, was Vertreterinnen und Vertreter von Wirtschaftsverbänden sagen, im Gegenteil: Eine kluge Wirtschaftspolitik bedeutet, Haltung zu zeigen.“ 

Fix ist, dass Rucks Verbindung mit dem Wirtschaftsressort sich nach Hankes Abgang gelockert hat. Die neue Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak ist bekannt dafür, neue Wege zu gehen und betont, mit allen Sozialpartnern gleichwertig zu agieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass Ruck nur allzu gern erzählt, grundsätzlich lieber mit Männern arbeiten zu wollen  - mit ihnen, soll er in diversen Runden gesagt haben,  hätte man „mehr Spaß bei Whiskey und Zigarren“.  Eine Haltung, mit der man bei der als Feministin bekannten Novak wohl kaum ein Leiberl hat. 

Ruck und die Wiener ÖVP

Das Verhältnis zu seiner eigenen Partei, der Wiener ÖVP, ist fast schon traditionell schwierig. Die Entfremdung begann spätestens unter der Obmannschaft von Gernot Blümel - und setzt sich bis heute fort. 

Wenn Ruck die Parteilinie konterkariert, tut er das stets demonstrativ: Als Blümel, der damals zugleich Minister war, sich mit der EU anlegte, traf sich Ruck etwa mit dem obersten EU-Vertreter in Wien und ließ sich dabei ablichten. All das passierte mitten im Wien-Wahlkampf; die Partei schäumte.

Auch der Friede mit Blümels Nachfolger Karl Mahrer währte nicht lange. Als Mahrer sein verunglücktes Brunnenmarkt-Video publizierte, erntete er offene Kritik von Ruck. „Der Weg der ÖVP Wien wird kein Ziel erreichen“, meinte Ruck damals in einem KURIER-Interview. Als vor der Wien-Wahl 2025 parteiintern darüber diskutiert wurde, ob Karl Mahrer angesichts der Vorwürfe gegen ihn in der Causa Wienwert rücktrittsreif sei, war Ruck mit von der Partie.

Als Karl Mahrer dann tatsächlich als ÖVP-Chef zurücktrat, wollte Ruck seinen Vertrauten Daniel Resch, den Bezirksvorsteher von Döbling, ins Amt heben. Sogar auf eine Kampfabstimmung in den höchsten Parteigremien ließ man es ankommen. Ruck und Resch haben verloren. Markus Figl, Bezirkschef der Inneren Stadt, setzte sich durch. 

Die Verbindung von Ruck und Resch sorgte schon anlässlich der Wien-Wahl für Nasenrümpfen in der eigenen Partei: Ruck positionierte einen seiner beiden Söhne, Alexander Ruck, als Listen-Ersten im Bezirk, um ihm so ein Mandat im Gemeinderat zu ermöglichen. Dass Ruck junior den prominenten Listenplatz erhielt, obwohl er gar nicht im 19. Bezirk lebt, verärgerte so manchen. (Die Mission misslang übrigens, Alexander Ruck schaffte es wegen des schlechten Abschneidens der ÖVP nicht in den Gemeinderat.)

Seit Figl die Wiener ÖVP anführt, hat Ruck wieder das Interesse an der Partei verloren: Bei wichtigen Sitzungen fehle er, heißt es. Auch als Figl beim Landesparteitag offiziell zum Chef gekürt wurde, glänzte Ruck mit Abwesenheit. (Dass sich Figl inmitten einer Baustelle als Baumeister inszenierte, nahmen übrigens so manche als Seitenhieb gegen Ruck wahr – immerhin ist dieser im Brotberuf tatsächlich Baumeister.)

Viel über das Verhältnis zwischen den beiden sagt auch das ORF-Jahreswechselgespräch mit Figl aus: Dieser wurde dort auf den umstrittenen Wechsel von Ex-ÖVP-Chef Manfred Juraczka in die Wiener Wirtschaftsagentur angesprochen, der sich ohne die übliche Ausschreibung zutrug. Figl distanzierte sich von den Vorgängen. Und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt längst bekannt war, dass die Besetzung Juraczkas auf Wunsch von Ruck passierte, der im Präsidium der Wirtschaftsagentur sitzt.

Ruck und die eigenen Reihen in der Wirtschaftskammer

Mächtig ist er, der Wiener Wirtschaftskammerpräsident, der gleichzeitig dem Wiener Wirtschaftsbund vorsteht. Das wird wohl kaum jemand bestreiten. Das Problem dabei: Diese Macht teilt er nicht allzu gerne. Über die Jahre hat er Personen in seinem Umfeld, die viel Medienöffentlichkeit hatten, systematisch entfernt - im besten Fall hat er sie weggelobt, in schlechteren Fällen hat er sie brüskiert. 

Rainer Trefelik etwa, jetzt Handelsspartenobmann in der Wirtschaftskammer Österreich, hatte die Funktion zuerst in Wien inne und war schon damals wortgewaltig. Von der damaligen Freundschaft mit Ruck dürfte dem Vernehmen nach nicht mehr viel übrig sein. Die Spartenobleute für Tourismus bzw. Gewerbe, Markus Grießler und Maria Neumann, wurden nach der Wirtschaftskammerwahl ausgetauscht. Dem umtriebigen Gastroobmann Peter Dobcak wurde schon davor sein nahender Abgang mitgeteilt. Die Liste ließe sich noch verlängern.

Damit hat Ruck vor allem dafür gesorgt, dass es viele (ebenfalls machtbewusste) Menschen gibt, die sein aktuelles Schwächeln als ihre große Chance wahrnehmen. Hinter den Kulissen „werden die Messer gewetzt“, wie der KURIER von mehreren Seiten zu hören bekommt. Trefelik, Grießler und Neumann wären jeweils auch mögliche Nachfolgekandidaten für das Präsidententamt. 

Ruck selbst setzt – man kennt dieses Vorgehen von anderen Politikern – auf eine ihm treu ergebene Buberlpartie, darunter eben Döblings Bezirksvorsteher Daniel Resch. Sein neuer Berater ist Gabriel Karas, Vorsitzender der Jungen Wirtschaft Wien – und Sohn von ÖVP-Urgestein Othmar Karas. Auch der stellvertretende WKW-Direktor Christoph Biegelmayer ist mit von der Partie.

Ursprünglich hatte diese Position einmal Alexander Biach inne, der zwischendurch sogar als Ministerkandidat gehandelt wurde. Auch er ist mittlerweile woanders tätig. 

Kasia Greco, bis vor kurzem noch Vizepräsidentin der WKW, ist dieses auch nicht mehr. Sie ist nicht-amtsführende Stadträtin der Wiener ÖVP: Ruck sah davon ab, wie üblich, öffentlich zu gratulieren.

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