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Reportage
11/30/2021

Protestcamp gegen Lobau-Tunnel: Ein Tag mit den Aktivisten

Seit drei Monaten harren Aktivisten schon in den Lobau-Protestcamps aus. Jetzt bereiten sie sich auf den Winter vor.

von Laura Franz

Mitten in Donaustadt steht eine Pyramide ÔÇô und daneben eine Frau, die sich als W├╝stenhexe bezeichnet. Sie ist Klimaaktivistin und wohnt seit Monaten auf einer besetzten Baustelle im Lobau-Protestcamp.

Hier im 22. Bezirk liegt der Ausgangspunkt f├╝r einige umstrittene Stra├čenprojekte, allen voran die Stadtstra├če. Ob der Lobautunnel, an den die Stadtstra├če anschlie├čen soll, gebaut wird, soll morgen verk├╝ndet werden. Beim Lokalaugenschein peitscht eisiger Wind ├╝ber die stillgelegte Baustelle bei der U2-Station Hausfeldstra├če. Ein Feld voller Schotter und Ger├Âll ist zu sehen. Passend zu diesem Anblick tr├Ągt das hier errichtete Protestcamp den Namen ÔÇ×W├╝steÔÇť.

Den Blickfang  bildet ein gro├čes Bauwerk im Zentrum. Hier haben die Bewohner des Camps wochenlang eine Pyramide aus klimafreundlichem Materialien gebaut. Am vergangenen Samstag wurde sie mit fast 100 freiwilligen Bauhelfern fertiggestellt.

Neben der Pyramide wurde eine  kleine Holzh├╝tte errichtet, gegen├╝ber stehen elf bunte Zelte im Halbkreis neben f├╝nf Holzkojen und einem Tipi. Das Tipi geh├Ârt der W├╝stenhexe. Die meisten Bewohner des Camps sind berufst├Ątig, daher ist am Vormittag weniger los, erkl├Ąrt sie.

Aufgrund des Lockdowns muss sie selbst zurzeit nicht arbeiten und widmet sich voll und ganz dem Leben im Camp.Sie war bereits in den 80er-Jahren in Hainburg an vorderster Front dabei und k├Ąmpft nun gegen die Verbauung der Lobau. In ihrem Gesicht spiegelt sich Lebenserfahrung wider, ihre Kleidung ist bunt, ihre Haare sind zu einer wilden M├Ąhne aus Dreadlocks gezwirbelt.

Mehrere Klimasch├╝tzer

Im September hat die W├╝stenhexe das erste Mal im Camp ├╝bernachtet. Begonnen hat der Protest aber schon am 27. August. Verschiedene Klimaschutzbewegungen wie Fridays for Future, Extinction Rebellion, System Change not Climate Change, der Jugendrat sowie B├╝rgerinitiativen demonstrierten an diesem Tag.

Sie marschierten von der Baustelle an der Hausfeldstra├če bis zu einem Park in der Anfanggasse. Im Park errichteten sie ihr Basislager. Von dort aus schw├Ąrmten sie in den darauffolgenden Tagen aus und besetzten drei Baustellen der Asfinag und der Stadt Wien.  

Im August war es kein Problem, den ganzen Tag drau├čen auf den Baustellen zu verbringen ÔÇô doch mittlerweile ist es zu kalt. Deshalb wurde auch die  Pyramide errichtet. Ein schwerer Orientteppich sch├╝tzt ihren Eingang. Es riecht nach Stall. Kein Wunder, die Pyramide ist zur D├Ąmmung vollst├Ąndig mit Stroh ausgekleidet.

Durch ihre Bauart k├Ânnen im Inneren bis zu zehn Grad ganz ohne Heizung erreicht werden. Daneben steht eine kleine, beheizte  Holzh├╝tte. In dem winzigen Zimmer sitzen vier junge Menschen. Eine der Besetzerinnen hat einen Laptop auf dem Scho├č. Sie hei├čt Isi und macht gerade Homeoffice. Sie und Matthias, der junge Mann neben ihr,  sind erst vor Kurzem vom Basiscamp in die W├╝ste ├╝bersiedelt.

Illegal, aber geduldet

Beim Basiscamp handelt es sich um die einzig legale Protestaktion ÔÇô sie ist  eine angemeldete politische Versammlung. Die Baustellenbesetzungen hingegen sind illegal. Derzeit werden die Besetzer dort geduldet, die Polizei darf aber jederzeit mit einer R├Ąumung beginnen.  Die Aktivisten sind f├╝r den Ernstfall vorbereitet.

Wie, das ist ein Geheimnis. Es gab in der Vergangenheit zwar schon Gespr├Ąche mit der Stadt. Im Basiscamp erz├Ąhlt Aktivist Shree, dass die Stadt den Austausch aber nie ernst genommen  h├Ątte. (Ein Vorwurf, den man sich wechselseitig ausrichtet.)
 

Im Laufe des Lokalaugenscheins wird klar, dass es um mehr geht als die Verhinderung der Bauprojekte. Sie zu stoppen, sei der Anfang. Ziel ist eine dauerhafte Ver├Ąnderung in der Klimapolitik. Auf die Frage, was passiert, falls der Bau eingestellt werde, antworten alle: Das Camp wird weiter bestehen.

ÔÇ×Das Ganze hier ist auch eine Art SozialexperimentÔÇť, meint Matthias. ÔÇ×Auf lange Sicht w├╝rden wir gerne eine ├Âkosoziale Kommune errichten.ÔÇť Das Motto lautet: Gekommen, um zu bleiben.  
Anrainer unterst├╝tzen die Camper dabei, lassen sie bei sich duschen, bringen Essen vorbei. Doch nicht alle begegnen ihnen freundlich.

Es war immer eine Gruppe von Spinnern, die langfristige Ver├Ąnderung gebracht hat. 

Matthias | Aktivist

Manche Autofahrer w├╝rden beim Vorbeifahren aus dem Fenster rufen: ÔÇ×Ihr Spinner, gehts endlich was hackeln!ÔÇť Matthias meint dazu nur: ÔÇ×Es war immer eine Gruppe von Spinnern, die langfristige Ver├Ąnderung gebracht hatÔÇť.

Auch wenn der Winter das Leben im Camp erschwert hat, gibt  der Zusammenhalt den Aktivisten Kraft ÔÇô und Hoffnung. ÔÇ×Wir sind nicht viele, aber k├Ânnen trotzdem ein Milliardenprojekt stoppenÔÇť, sagt einer. Ob er recht beh├Ąlt, wird sich zeigen. Fest steht, dass es in zwei Wochen eine coronakonforme Er├Âffnungsfeier der Pyramide gibt.

Und vielleicht kann dann auch schon der offizielle Baustopp mitgefeiert werden.

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