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Chronik | Wien
06/21/2019

Taxi-App-Chef: „Wien soll Taxi-Sharing erlauben“

Geteilte Fahrten würden die Kosten für die Kunden senken, schlägt Mytaxi-Geschäftsführer Eckart Diepenhorst vor.

Vergangene Woche wurde im Parlament das Einheitsgewerbe für Taxi und Mietwagen auf den Weg gebracht. Seitdem gehen die Wogen hoch. Die traditionellen Taxi-Funkzentralen jubeln, Uber hat mit Rückzug gedroht. Die europäische Taxi-App Mytaxi – die sich am 2. Juli in Free Now umbenennen wird – wittert ihre Chance. Ein Gespräch mit Noch- Mytaxi-Geschäftsführer (CEO) Eckart Diepenhorst.

KURIER: Herr Diepenhorst, warum wird Mytaxi zu Free Now?

Eckart Diepenhorst: Wir hören auf, reiner Taxi-Anbieter zu sein. Am Ende geht es für den Kunden ja nur darum, von A nach B zu kommen. Dazu muss nicht immer eine Tonne Stahl bewegt werden. Das kann auch mal ein E-Scooter sein. Deshalb bieten wir künftig verschiedene Formen der Mobilität an.

Sie meinen den E-Scooter-Anbieter Hive, eine Schwestergesellschaft von Ihnen, die es seit April in Wien gibt. Wann soll diese eingegliedert werden?

Das wird in wenigen Monaten der Fall sein.

Bleiben wir noch beim Taxi. In Österreich sollen Taxi und Mietwagen ein Gewerbe werden: Was halten Sie davon?

Das ist zwar sehr begrüßenswert, weil endlich Wettbewerbsgleichheit hergestellt wird. Wir haben ja von Anfang an (anders als Uber, Anm.) mit lizensierten Taxis gearbeitet, weil es tief in unserer DNA ist, im Einklang mit dem Gesetz zu arbeiten.

Aber ...?

Gleichzeitig ist Flexibilität in Tarifkonstrukten unbedingt notwendig. Auch um verschiedene Zielgruppen bedienen zu können. Eines unserer Vorhaben ist es daher, Sharing-Modelle zu etablieren.

In Hamburg bieten Sie seit Kurzem einen Sharing-Preis an, der unter dem Taxitarif liegt.

Ja, hier hat uns die Stadt Hamburg erlaubt, einen eigenen Tarif festzulegen, für Menschen, die bereit sind, ihr Taxi mit anderen zu teilen. Dieses Modell wollen wir auf die anderen Länder ausrollen.

Warum sollte die Stadt Wien dem zustimmen?

Wenn man zwei Leute in ein Auto setzt, reduziert man den Verkehr und den Lärm. Und: Wir schaffen neue Zielgruppen. Für junge Menschen, die nach der Party sicher nach Hause wollen, ist es dann eine Alternative.

Derzeit dürfen in Wien Taxifahrer die Aufträge nur von einer Funkzentrale annehmen. Anbieter wie 40100 oder 30310 sind in Wien etabliert. Wie wollen Sie an mehr Fahrer kommen?

Wir sind der Meinung, dass Exklusivität Quatsch ist. Das ist eine überholte, protektionistische Einstellung. Jede Form von Wettbewerb ist gut für den Kunden. In dem Fall: für den Fahrer. Wir wollen klassische Funkzentralen auch nicht vom Markt verdrängen. Wir wollen eine Ergänzung sein.

Aber der Oberste Gerichtshof hat die Exklusivität schon einmal als rechtens beurteilt.

Ja, deshalb können wir hier auch nichts machen. Wir können nur ein Produkt anbieten, dass so gut ist, dass möglichst viele Fahrer zu uns wollen. Und da können wir uns nicht beschweren.

Was heißt das konkret?

Wir sind vergangenes Jahr bei den Fahrern um 30 Prozent gewachsen. Derzeit haben wir in Wien mehr als 1.000 Fahrer.

Warum, denken Sie, ist das so?

Weil wir ein Abrechnungsmodell pro Fahrt haben. Die Fahrer können sich jeden Tag entscheiden, ob und wie lange sie fahren. Sie haben die Kontrolle. Und weil wir die Nachfrage haben.

Wenn es nur mehr einen Tarif für alle gibt – wie kann man Fahrgäste anlocken?

Dort, wo Preis kein ausschlaggebender Faktor ist, geht es um Qualität, Geschwindigkeit und Sicherheit. Dabei sind wir gut aufgestellt. Wir arbeiten App-basiert. Kurzfristig weiß das System also , wer wer ist. Damit ist keiner alleine.

Das ist in den Apps traditioneller Taxifunkzentralen auch schon möglich.

Schon. Aber viele werden noch sehen, dass es zwar einfach ist, eine App in drei Monaten auf die Straße zu bringen. Aber dass es schwierig ist, die App besser zu machen als die anderen. Wir haben zehn Jahre optimiert. Und: Wir sind in Europa in 100 Städten. Dadurch haben wir eine hohe Nutzerzahl. Wenn mir Dinge 1.000 Mal passieren, lerne ich mehr, als wenn mir Dinge zwei Mal passieren.

Sie sind aktuell in Wien und Salzburg aktiv. Sind weitere Markteintritte geplant?

Derzeit nicht. Aber es ist unser Ziel: In den kommenden Jahren wollen wir in die größten fünf bis zehn Städte des Landes – mit Taxis und anderen Mobilitätsformen.

Apropos Mobilitätsformen: Unlängst wurde in Wien ein E-Scooter-Fahrer mit 73 km/h geblitzt. Sind die Menschen bereit für dieses Fahrzeug?

Ich glaube, die Leute sind bereiter als die Politik das glauben machen will. Was ich an der Diskussion schwierig finde: Dass alle Verantwortung an die gesetzgebenden Behörden und den Scooter-Lieferanten abgegeben wird. Es gibt aber eben auch eine Eigenverantwortung der Menschen. Genau wie in Autos, auf Fahrrädern oder Mopeds.

Hive hat im April als sechster E-Scooter-Anbieter gestartet. War der Markt nicht gesättigt? Es gab davor schon Kritik an den herumstehenden Rollern.

Es gibt sicher die Herausforderung, was man mit Scootern macht, die im Weg stehen. Aber wir bringen viel Energie und Ressource auf, dass unsere Scooter versetzt und aufgeladen werden. Und die Frage ist auch: Wer hat die Scooter dahingestellt? Als Erdenbürger mache ich den Appell: Reißt euch zusammen und stellt eure Scooter dort hin, wo sie hinsollen.

Welche Dienste könnten noch aufgenommen werden?

In der Mikromobilität wird sich einiges tun. Leichtbaufahrzeuge sind in Planung. Und dann gibt es den Trend in die Luft. Wie lang das dauert, wird sich weisen.

Taxi-App will mehr

Mytaxi Das Unternehmen Mytaxi wurde im Juni 2009 gegründet und war nach eigenen Angaben weltweit die erste Taxi-App, die eine direkte Verbindung zwischen Fahrgästen und Taxifahrern hergestellt hat. Seit 2011 ist die App in Wien verfügbar. Derzeit arbeitet sie in Wien mit 1.000 und in Salzburg mit 200 Fahrern.

Free Now Am 2. Juli vollzieht Mytaxi den Wechsel zu Free Now. In der neuen App sollen auch andere Mobilitätsformen wie  E-Scooter eingegliedert werden. Es ist Teil der Now-Familie von BMW und Daimler.