Am Samstag demonstrierten Musliminnen für ihr Recht auf Selbstbestimmung.

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02/05/2017

Muslim-Demo verlief friedlich, Kritik wird trotzdem laut

Beobachter empörte, dass auch Kinder mit Kopftuch mitmarschierten. Veranstalterinnen kritisieren dies zwar, sprechen aber von Einzelfällen.

von Bernhard Ichner

Am Samstag demonstrierten Muslime in der Wiener Innenstadt gegen Burka- und Kopftuchverbot. Wie berichtet, folgten laut Polizei 2000, laut Veranstalterinnen 3600 Teilnehmer der Einladung der „Dokustelle für Muslime“, des Jugendrats der Islamischen Glaubensgemeinschaft sowie des „Netzwerks Muslimischer Zivilgesellschaft“. Die ebenfalls ursprünglich mit-federführende Muslimische Jugend hatte ihre Beteiligung dagegen kurzfristig abgesagt. Ausschreitungen gab es nicht, die Kundgebung verlief friedlich.

Angriffsflächen bietet die Demo unter dem Motto „MuslimBanAustria – Mein Körper, mein Recht auf Selbstbestimmung“ Kritikern trotzdem. Zum einen, weil auch Kinder mit Kopftuch zu sehen waren. Und zum anderen, weil auch Vertreter von Atib (verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde), Milli Görüs oder Müsiad (konservativer türkischer Unternehmerverband) mitdemonstrierten.

„Es ist typisch, dass sich die Herrschaften des politischen Islams in der Opferrolle suhlen“, kommentiert etwa der ehemalige grüne Bundesrat Efgani Dönmez in deren Richtung. In Sozialen Medien kritisiert er aber auch die „Linkswende“, die sich maßgeblich an der Demo beteiligt hatte: „Trauriges Schauspiel, dass es nun links ist, gegen den säkularen Staat zu sein“, twitterte er.

"Auf Wiedersehen!"

Für den Oberösterreicher türkischer Abstammung ist Vollverschleierung indiskutabel. Diese habe nichts mit Religion zu tun, sondern entstamme „archaischen Stammeskulturen, die Frauen unsichtbar machen und degradieren wollen“. Wenn „die Grundregeln des Zusammenlebens in Österreich nicht akzeptiert werden“, müsse man eben sagen: „Auf Wiedersehen!“

Burka, Nikab und Co. seien „eine Kampfansage für die offene Gesellschaft“, meint Dönmez. „Reaktionäre Gruppierungen nutzen unsere Demokratie, um die Uhren zurückzudrehen.“

In der Öffentlichkeit stören Dönmez aber auch Kopftücher, „überhaupt bei Kindern – und wenn auch noch versucht wird, das mit dem Islam zu legitimieren“. Was eine Frau im Privatleben trage, sei ihre Sache, das öffentliche Erscheinungsbild müsse in einer säkularen Gesellschaft aber neutral sein, sagt er. Dies gelte allerdings für alle im selben Ausmaß. „Man kann aber nicht eine Religionsgemeinschaft herauspicken und mit Verboten belegen.“

„Fortschrittsgedanke erkennbar“

Auf Veranstalter-Seite will man Dönmez’ Kritik so freilich nicht stehen lassen. Für Elif Öztürk von der Dokustelle bedeutet eine säkulare Gesetzgebung (die zwischen Staat und Religion trennt) nicht, „dass Menschen deshalb in der Öffentlichkeit einen Teil ihrer Identität verstecken müssen“. Viel mehr seien „Selbstbestimmung und Menschenrechte im Sinne unserer Gesellschaft“. Dönmez, meint sie, bevormunde „Tausende Frauen, die am Samstag auf die Straße gegangen sind“.

Dass auch konservative Islam-Vertreter mitmarschiert seien, liege in einer Demokratie in der Natur der Sache, meint Öztürk. „Natürlich schicken wir niemanden weg, der für die Selbstbestimmung der Frauen demonstrieren will. Und wenn es um Vereine geht, denen nachgesagt wird, sie seien patriarchalisch geprägt, dann ist doch gut, wenn ein Fortschrittsgedanke erkennbar ist.“

Kinder, die zum Tragen eines Hijabs gezwungen werden sehen die Demo-Veranstalterinnen ebenso ungern wie die Islamische Glaubensgemeinschaft (der KURIER berichtete). Allerdings hätten sich „unter 3600 Demonstranten nur einzelne Kinder mit Kopftuch befunden“, sagt Öztürk. „Und gerade die werden jetzt immer wieder gezeigt, um die Veranstaltung in ein schiefes Licht zu rücken.“