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Chronik Wien
07/01/2021

Mordfall Leonie: Dritter Verdächtiger ist verurteilter Sexualstraftäter

Der 23-Jährige wurde in St. Pölten wegen eines Sexualdelikts verurteilt. Er entzog sich dem Abschiebeverfahren vor Gericht, in dem er ein paar Tage untertauchte.

von Patrick Wammerl, Michaela Reibenwein

Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Details im Mordfall der 13-jährigen Leonie bekannt werden. Mittlerweile gehen die Ermittler von vier möglichen Tätern aus – das legen zumindest Zeugenaussagen nahe. Drei Verdächtige wurden bereits festgenommen, nach einem vierten wird international gefahndet. Bei allen Verdächtigen handelt es sich um Afghanen.

Eines zeigt der Fall deutlich: Die rechtlichen Möglichkeiten zur Abschiebung straffällig gewordener Asylwerber haben Lücken. Das macht vor allem die Akte des 23-jährigen Sahel S. deutlich, der als dritter Verdächtiger in dem Mordfall Mittwochabend in der U-Bahnstation Michelbeuern in Wien festgenommen wurde.

Der Afghane kam am 20. Oktober 2015 als Flüchtling nach Österreich und stellte einen Asylantrag. Es dauerte fast drei Jahre, bis das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl darüber entschied und diesen ablehnte. Während der Frist für eine freiwillige Ausreise legte er Beschwerde ein, weshalb der Fall zum Bundesverwaltungsgericht (BVwG) ging. Zu der Verhandlung am 24. September 2019 erschien er erst gar nicht. Dafür sorgte Sahel S. in der Zeit für eine beachtliche Polizeiakte.

Wegen Sexualdelikt verurteilt

Seit 2018 wurde er fünf Mal polizeilich angezeigt  – wegen Drogenhandels, Körperverletzung, schwerer Nötigung und illegalen Waffenbesitz. Wegen eines Sexualdelikts (geschlechtlicher Nötigung), Körperverletzung und anderer Delikte wurde er am 14. Mai 2020 am Landesgericht St. Pölten zu 24 Monaten Gefängnis verurteilt, sechs davon unbedingt. Weil er diese Zeit allerdings bereits in U-Haft abgesessen hatte, verließ er den Gerichtssaal als freier Mann.

Danach kam es zu einem Katz-und-Maus-Spiel: Obwohl er wegen der Verurteilung von der Bewährungshilfe betreut werden muss, kann ihn das BVwG nicht ausfindig machen. Es gibt keinen bekannten Wohnsitz. Deshalb stellt das Gericht am 16. September 2020 das Verfahren ein - und damit tritt für den Afghanen ein zweijähriger Abschiebeschutz in Kraft. Es liegt die Vermutung nahe, dass das sperrige System bewusst ausgetrickst wurde. Denn nur fünf Tage später scheint die erste Wohnsitz-Meldung des 23-Jährigen im Zentralen Melderegister in NÖ auf. Es folgen fünf weitere Adressen.

Laut belastenden Aussagen soll der 23-Jährige bei dem furchtbaren Martyrium an der 13-Jährigen in der Wohnung dabei gewesen sein. Ob er sich auch an ihr vergangen hat, sollen das Ermittlungsverfahren und vor allem DNA-Abgleiche klären. Die Ergebnisse dazu sind noch ausständig.

Überblick über die Verdächtigen

Aktuell zur Fahndung ausgeschrieben ist ein vierter Verdächtiger, ein 22-jähriger Mann, ebenfalls Afghane. Er soll mehrfach vorbestraft sein. Unter anderem wegen Drogendelikten. Auch wegen räuberischen Diebstahls wurde gegen ihn ermittelt – es ging um einen Handyraub, den er gemeinsam mit dem 18-jährigen Wohnungsbesitzer begangen haben soll. Im Gegensatz zum 18-Jährigen wurde er aber freigesprochen. Nach ihm wird in ganz Europa gefahndet.

Neue Informationen gibt es auch zum Wohnungsbesitzer: Der 18-Jährige Ibraulhaq A. kam 2015 allein nach Österreich. Seither wurde er in diversen Einrichtungen betreut, zuletzt lebte er unter Aufsicht der Kinder- und Jugendhilfe in der Wohnung  in Wien-Donaustadt. Er machte in Österreich eine Kochlehre, galt bei Betreuern als äußerst integrationswillig. Zuletzt war er in der Gastro tätig. Gleichzeitig geriet er mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Er wurde zwei Mal wegen Suchtgiftdelikten verurteilt, einmal wegen räuberischen Diebstahls. Sein subsidiärer Schutzstatus wurde aberkannt. 

Der Jüngste der Verdächtigen: Der 16-Jährige Ali H. kam erst vor drei Monaten nach Österreich. Seine Mutter und seine Schwester holten ihn aus Afghanistan nach. Er soll die 13-jährige Leonie auch gekannt haben.

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