Lost Place: Sensationelle Pläne für unterirdisches Wiener Kult-Theater
Es dürfte sich schlichtweg um die Immobilien-Sensation des Jahres handeln. Nach fast 30 Jahren Streit und Zank wird ein unterirdisches Jugendstil-Theater nun überraschend wieder genutzt. Zahlreiche bekannte Künstler und Sportler haben Verbindungen zu dem Ort, der längst zu einem Lost Place für Untergrund-Forscher wurde.
Und KURIER-Recherchen ergaben, dass ein Multi-Millionär hinter den spektakulären Plänen für eine Neugestaltung stecken dürfte.
Das 1911 unter einem großen Wohnblock fertiggestellte Theater am Mittersteig, der heutigen Bezirksgrenze zwischen Wieden und Margareten, hat eine mehr als wechselvolle Geschichte. Bereits nach nur drei Jahren erfolglosem Betrieb wurde der Saal zu einem Kino mit bis zu 600 Plätzen umgestaltet, das unter der Leitung von Josef Schmalzhofer ebenfalls nicht den erhofften Gewinn brachte.
Konkurrenz machte vielleicht ein fast gleichzeitig errichtetes Theater für 1200 Besucher in der Favoritenstraße. Auch Kinos schossen damals in der Umgebung wie die Schwammerl in die Höhe.
Bordell, Kino und Margaretner Arbeiterverein im Mittersteig-Theater
Jedenfalls gaben sich hier 115 Jahre lang die Besitzer die Klinke in die Hand. Bereits in den 20er-Jahren wurde das Kino im Ferdinand-Hof an die Republik verpfändet, kurz darauf zog der Arbeiterverein Margareten ein.
Ab 1930 dürfte es teilweise für die neuen Tonfilme genutzt worden sein. Nach dem Krieg soll es zunächst als Bordell fungiert haben, kurz vor Weihnachten 1969 ging hier das "Wiedner Grandkino" zum zweiten Mal pleite.
Rainhard Fendrich spielte im Theater
Danach erfolgte der Umbau zu einer Außenstelle der Stadthalle, dem "Athletic Center", das dem ehemaligen WAC-Fußballer Otto "Stopperl" Fodrek zur Leitung übergeben wurde. Es diente etwa als Trainingsraum des österreichischen Boxstars Hans Orsolics.
Auch der Austropopper Rainhard Fendrich spielte hier Anfang der 80er-Jahre sein erstes Konzert. Danach gab es Judo-Kurse für Jugendliche, auch Doppel-Olympiasieger Peter Seisenbacher war hier zu Gast.
Theater-Rückkehr und Möbelhaus "Mala Strana"
1993 wurde das Theater noch einmal für einige Monate für Theateraufführungen genutzt. Im Jahr darauf startete der Theatermacher Markus Kupferblum sein "Totales Theater", das nur drei Monate durchhielt. Kurz und ebenso erfolglos versuchte Hubsi Kramar sein Schauspielglück, danach fiel der letzte Vorhang im Joseph-Saal.
Bis 1998 nutzte die Möbelfirma "Mala Strana" das Theater als Lagerraum. Deren über die Jahrzehnte verfallende lila Fassade blieb lange als auffälliger Punkt und Zeichen für den Niedergang. Die einzigen danach hier aktiven Künstler waren Graffiti-Sprayer.
Graffito am Eingang zum Mittersteig-Theater
Anschließend sollte der geschichtsträchtige Ort demoliert und in eine Tiefgarage umgewandelt werden, was dann aber nicht über das Anfangsstadium hinauskam. Gegen Pläne für einen Supermarkt machten 2012 Initiativen rund um den Architekten Harald Jahn, der die Historie erkundete, und Theaterregisseurin Astrid Kohlmeier erfolgreich mobil, seither steht der Bereich unter Denkmalschutz.
Auch mehrere Spekulanten kauften und verkauften den Keller in den vergangenen Jahrzehnten. Pläne für ein John-Harris-Fitnesscenter scheiterten wohl an der Corona-Pandemie. Die Grüne Bezirkspolitikerin Barbara Neuroth kämpft ebenfalls seit Jahren für eine sinnvolle Nutzung.
Seit einigen Tagen wird am Mittersteig 15 nun überraschend wieder gehämmert und geschraubt. Getuschelt wird unter den Anrainern über eine geheimnisvolle Kunst-Galerie, die hier eröffnet werden soll.
Seit ein paar Tagen wird am Mittersteig wieder gearbeitet
Tatsächlich wurde das "Athletik-Center" laut KURIER-Recherchen im März 2025 von der BUWOG an die eben erst gegründete ZKS RABELLI GmbH verkauft. Die Immobilien-Firma hat den offiziellen Zweck "An- und Verkauf, Entwicklung und Verwertung von Immobilien sowie Organisation und Durchführung von Veranstaltungen, insbesondere im Bereich Kunst und Kultur".
Hinter der GmbH steht Mohammed Reza Akhavan Aghdam, Multimillionär mit iranischen Wurzeln. Der 56-Jährige ist aktuell an 89 Firmen beteiligt, von JP-Immobilien gehören ihm 45 Prozent. JP sorgte vor Jahren für Aufsehen, weil sie 20 Zinshäuser an noblen Innenstadt-Adressen für 220 Millionen Euro an die Karl-Wlaschek-Stiftung verkaufte.
Akhavan besitzt ein Schloss im Kamptal und gibt als Hobbys Autos, Wein und Kunst an. Vor einigen Jahren kaufte er privat mit einigen Freunden um kolportierte elf Millionen Euro die Sammlung Friedrichshof mit Aktionismus-Werken von Otto Mühl oder Hermann Nitsch. Diese könnte künftig am Mittersteig ausgestellt werden, besagen Gerüchte.
Akhavan selbst war für eine Stellungnahme vorerst nicht zu erreichen.
Klarheit: Die wichtigsten Begriffe
Margareten, seit 1850 Teil von Wien, ist ein klassischer Wiener Arbeiterbezirk. Hier wurde 1919 der erste Wiener Gemeindebau, der Metzleinsthalerhof, eröffnet. 54.400 Menschen leben in dem 2 km² großen Margareten, das macht ihn zu einem der am dichtesten besiedelten Bezirke der Stadt. Die Zeichen stehen derzeit auf Veränderung: Es wird an der Verlängerung der Linie U2 bis Favoriten gearbeitet, mit der Station Reinprechtsdorfer Straße erhält Margareten die erste U-Bahn-Station im Herzen des Bezirks. Bezirksvorsteherin ist Silvia Jankovic (SPÖ).
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