Wiener Linien: 76 Millionen Euro sind verpufft
Schwerer Unfall mit einer Straßenbahn.
Das Schienennetz von Wiens Straßenbahnen und U-Bahnen wird immer maroder. Obwohl die Wiener Linien in den vergangenen zwei Jahren stolze 76 Millionen Euro in Gegenmaßnahmen investiert haben, stieg die Zahl der Langsamfahrstellen in dieser Zeit sogar um ein weiteres Drittel.
Vor zehn Jahren gab es an lediglich 49 Stellen spezielle Geschwindigkeitslimits für die Öffis. Bis 2023 stieg die Zahl bereits auf 147, was zu entsprechender Kritik vom Stadtrechnungshof führte, der auf Begehren der ÖVP eine Prüfung durchgeführt hatte. Das entspricht rund sieben Kilometern, wo Bim und U-Bahn unmittelbar ausgebremst werden, vor allem wegen Schäden am Gleiskörper.
Die Wiener Linien hielten laut Stadtrechnungshof nicht einmal die selbst vorgegebenen Ziele ein. Präventivmaßnahmen sollten jedenfalls gesetzt werden, urgierten die Prüfer. Als Maßnahme wurde etwa das „Schienenschleifen“ vorgeschlagen. Dies solle eine Unbenutzbarkeit der Gleise aufgrund von Überalterung verhindern.
Wiener Linien: 76 Millionen Euro für „Netz erst recht“
Noch bevor der Endbericht publik wurde, versuchten die Wiener Linien gegenzusteuern: Unter dem Titel „Netz erst recht!“ erneuern wir in den kommenden Jahren Gleise, Weichen, Tunnel, Brücken, Stellwerke, Aufzüge und Rolltreppen. (...) 2024 und 2025 modernisieren die Wiener Linien im Straßenbahn-Netz knapp 20 Kilometer Gleis und über 80 Weichen. Allein in die Erneuerung der Straßenbahngleise investieren die Wiener Linien in diesen beiden Jahren 76 Millionen Euro, hieß es damals.
Teures Bauprogramm mit wenig Nutzen
Aktuelle Zahlen wollen die einstigen Verkehrsbetriebe auf Anfrage nicht nennen. Die letzte offizielle Zahl stammt aus einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gegen Ende der Baustellensaison vergangenen September, da mussten die Wiener Linien bereits 188 Langsamfahrstellen zugeben, was mittlerweile rund neun Kilometer betrifft.
Allein 23 Bereiche im U-Bahn-Netz sind bereits betroffen. Insgesamt 13 Gleis-Abschnitte im gesamten Öffi-Netz sind komplett gesperrt, bei 42 weiteren dürfen nur maximal fünf oder zehn km/h gefahren werden. Dabei sind nicht nur Schienen in der Peripherie betroffen, allein rund um die Innenstadt wurden demnach sechs Langsamfahrstellen verfügt, zum Beispiel am Karlsplatz oder Schwedenplatz. Sieben weitere befinden sich im Bereich des Gürtels, weitere neun im Umfeld des Rathauses.
ULF und Flexity als Schwergewichte
Glaubt man Einträgen in Internetforen, dann dürfte die Zahl eher weiter zu- statt abnehmen. Erst vor kurzem soll es etwa eine weitere Einbremsung auf der U4 gegeben haben. Als eine der Ursachen wird auch genannt, dass heutige Garnituren wie ULF und Flexity über 40 Tonnen und damit fast das Doppelte ihrer Vorgängermodelle wiegen.
Februar 2026: Beschleunigungsoffensive mit vier Jahre alten Erkenntnissen der TU Wien
Erst Mitte Februar gab es eine große Präsentation der Wiener Linien gemeinsam mit Stadträtin Ulli Sima (SPÖ), wie man die Öffis künftig beschleunigen kann. Dabei wurde erklärt: „Geplant sind unter anderem weitere Ampelbevorrangungen und grüne Wellen für Bus und Bim, die Beseitigung neuralgischer Öffi-Blockierer-Hotspots, die Anpassung von Abbiegerelationen des motorisierten Individualverkehrs sowie die Schaffung von zusätzlichen eigenständigen Bus- und Straßenbahnspuren.“
Geheimstudie der Technischen Universität Wien als neues Konzept
Was dabei kein Thema war: All dies ist den Wiener Linien seit mindestens vier Jahren aus einer Studie bekannt, die in der Schublade liegt. Die TU Wien soll dabei herausgefunden haben, wie man die Fahrzeiten von verschiedenen Straßenbahnlinien mit den nunmehrigen „Neuerungen“ um bis zu 50 Prozent beschleunigen könnte. Doch die Studie liegt seit 2022 unter Verschluss.
Alle Anfragen dazu - politischer, medialer Natur und nach dem Informationsfreiheitsgesetz - wurden abgeschmettert. Warum diese „Geheimstudie“ mit Verspätung nun doch umgesetzt wird, ist unklar.
„Mehr Tempo für Bim und Bus hat die Rot-Pinke Stadtregierung heuer großmundig verkündet“, kritisiert die Grüne Mobilitätssprecherin Heidi Sequenz. „Wie das bei 188 Langsamfahrstellen umgesetzt werden soll, bleibt allerdings fraglich. Auf rund fünf Prozent des gesamten Schienennetzes sind die Schienen so kaputt, dass die Straßenbahn dort oft nur 15 km/h fahren kann. Wenn es nicht endlich einen klaren Plan und vor allem Budget für die Sanierung der Schienen gibt, wird das Schneckentempo der Bim bleiben“.
Klarheit: Die wichtigsten Begriffe
Die Wiener Linien betreiben das sechstgrößte Straßenbahnnetz der Welt. Dazu gibt es 109 U-Bahn-Stationen und rund 880 Kilometer Buslinien. Zu Spitzenzeiten sind rund 1.000 Fahrzeuge unterwegs. Sie können gleichzeitig mehr als 260.000 Menschen transportieren. Allein in einer der 160 U-Bahn-Garnituren haben 900 Menschen Platz.
2023 besaßen rund 1,2 Millionen Menschen eine Jahreskarte oder ein anderes Dauer-Ticket. Mit rund 8.700 Mitarbeitern sind die Wiener Linien einer der größten Arbeitgeber der Stadt Wien.
Der Schwedenplatz ist einer der wichtigsten Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs in Wien. Schwedenbrücke und Schwedenplatz erhielten ihre heutigen Namen im November 1919 durch einen Beschluss des Stadtrates zum Dank für die Hilfe Schwedens nach dem Ersten Weltkrieg, die insbesondere den Kindern in Wien zugutekam. Der Schwedenplatz bzw. dessen nähere Umgebung wurde am 2. November 2020 auch Schauplatz eines terroristischen Anschlags, der vier Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte.
Ulli Sima(Jahrgang 1968) ist Stadträtin für Innovation, Stadtplanung und Mobilität. Seit 2004 ist sie für die SPÖ in der Wiener Landesregierung. Davor war sie Nationalratsabgeordnete sowie Mitarbeiterin bei Global 2000.
ÖVP steht für Österreichische Volkspartei. Gegründet wurde sie 1945 in Wien als Nachfolgepartei der Christlichsozialen Partei. Die Parteifarbe der ÖVP ist Türkis (das frühere Schwarz wird aber auch noch verwendet). Sie vertritt das bürgerliche, konservative Spektrum und gilt traditionell als der Wirtschaft, den Bauern und der römisch-katholischen Kirche nahestehend – sie wird daher als Mitte-rechts-Partei eingeordnet. Von 1996 bis 2001 war die Wiener ÖVP Teil der Stadtregierung, stellte bisher aber nie den Bürgermeister. Parteichef in Wien ist aktuell Karl Mahrer.
SPÖ steht für Sozialdemokratische Partei Österreichs. Gegründet wurde sie 1889 in Hainfeld (NÖ) als Sozialdemokratische Arbeiterpartei, ihre Wurzeln liegen in der Arbeiterbewegung. Die Parteifarbe ist Rot.
In Österreich zählt die SPÖ zu den sogenannten linken Parteien; im Grundsatzprogramm von 1998 bekennt sie sich zu den Werten Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Vollbeschäftigung. Säulen der Partei sind auch die Vertreter aus Arbeiterkammer (AK) und Gewerkschaftsbund (ÖGB). Seit 1945 stellt die Wiener SPÖ durchgehend den Bürgermeister – aktuell ist das Michael Ludwig.
Der Karlsplatz wurde im 19. Jahrhundert angelegt und nach dem Heiligen Karl Borromäus benannt. Das Zentrum bildet die Karlskirche, eine der bedeutendsten Barockkirchen in Wien, die von Johann Bernhard Fischer von Erlach erbaut wurde. Sie wurde zwischen 1716 und 1737 errichtet und ist für ihre Kuppel bekannt. Der Karlsplatz ist heute neben seiner historischen Bedeutung ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Wien, mit U-Bahn-Stationen (U1, U2, U4) und mehreren Straßenbahnlinien, die hier halten.
Die Grünen stehen für die Grüne Alternative. Gegründet wurde die Partei 1986 als Zusammenschluss der konservativen Vereinten Grünen Österreichs (VGÖ) und der progressiveren Alternativen Liste Österreichs (ALÖ). Parteifarbe ist Grün. Ihre Wurzeln hat die Partei in der Widerstandsbewegung der 1980er-Jahre gegen das Kraftwerk in Hainburg und das Atomkraftwerk in Zwentendorf. Politisch stehen die Grünen links außen. Sie treten für Ökologie, den Schutz von Minderheiten und für Migration ein. In Wien waren die Grünen von 2010 bis 2020 Koalitionspartner der SPÖ, Spitzenkandidatin bei der Wahl ist Judith Pühringer.
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