Chronik | Wien
11.10.2017

Mitarbeiter nach Kritik versetzt: Spannungen bei Wiener Netzen

Christian S. fühlt sich gemobbt und zieht vor Gericht. Wiener Netze weisen Vorwürfe zurück.

Christian S. ist seit mehr als 20 Jahren Starkstrommonteur. "Mit Leib und Seele", wie er selbst sagt. Doch seit einigen Monaten darf er nur noch Zählerstandsmessungen durchführen. Die Versetzung in eine andere Abteilung folgte, nachdem er einen Zettel am schwarzen Brett ausgehängte. In seinem Schreiben wies er auf interne Missstände hin. Unterm Strich bedeutet das seither für ihn: finanzielle Einbußen von 500 bis 700 Euro monatlich, weil durch seine Versetzung Zulagen wegfallen.

"Das ist Mobbing", ist er überzeugt – und geht nun vor Gericht. Er will seine ursprüngliche Position wieder zurück. Am Donnerstag beginnt der Prozess.

Postenbesetzungen

Christian S. hat seine Vorgesetzten schon immer auf Probleme hingewiesen. Unter anderem machte er auf Postennachbesetzungen aufmerksam, die ihm eigenartig erschienen. Kritik übte er etwa daran, dass auf zehn Monteure sieben Vorgesetzte kommen.

Und plötzlich wurde er zu einem Termin gebeten. "Alle Vorgesetzten saßen da, mir wurde die Kündigung nahe gelegt", erzählt er. Man warf ihm vor, dass er Kunden mit obszönen Gesten beleidigt und ein Passanten rassistisch beschimpft haben soll. Zudem soll er einem seiner Chefs nachspioniert haben soll. "Völliger Blödsinn!", empört er sich. "In meinem Personalakt findet sich auch keine einzige Beanstandung."

Was ihn ebenso wundert: Obwohl er angeblich Menschen beschimpft haben soll, hat er in seiner neuen Funktion noch mehr Kundenkontakt. "Das macht doch alles keinen Sinn."

Fragen klären

Die Wiener Netze wollen zum konkreten Fall aufgrund des nahenden Prozesses keine Auskünfte geben. Allgemein erklärt eine Sprecherin: "Die Wiener Netze treffen Entscheidungen verantwortungsvoll und gut überlegt, so auch personelle Maßnahmen. Im laufenden Verfahren werden alle Fragen und Unklarheiten aufgeklärt."

Für Christian S. ist klar: "Ich will meinen alten Job zurück. Auf einen Vergleich werde ich nicht eingehen."

Kurz vor Weihnachten machten zwei Mitarbeiter der MA 48 in einem KURIER-Artikel auf ein „System von Einschüchterung und Angstmache“ aufmerksam. Weil ein Mitarbeiter im Arbeitsprozess eines Kollegen aussagte, soll dieser versetzt worden sein – an einen Posten, bei dem er um seine Gehaltszulagen umfällt.


Der aktuell Fall eines Mitarbeiters der Wiener Netze (Bericht oben) klingt ähnlich. „Das ist ein Disziplinierungsmittel, das die Stadt, die SPÖ, gegen ihre Mitarbeiter hat. Entweder man arrangiert sich und darf in Frühpension gehen, oder man wird versetzt und fällt um Zulagen um“, sagt ÖVP-Gemeinderat Wolfgang Ulm.


Das Problem sieht Ulm im System: Während es für Mitarbeiter des Bundes ein Recht auf Pauschalentgelt gibt, setzt sich das Gehalt für Mitarbeiter der Stadt Wien vor allem aus vielen Zulagen zusammen. „Die machen oft bis zu einem Drittel des Gehalts aus“, sagt Ulm. Wer nicht „gehorsam“ ist, setze sich dem Risiko aus, versetzt zu werden – auf einen Posten, für den es keine Zulagen mehr gibt.


Und einen Rechtsanspruch auf Zulagen zum Gehalt gibt es nur für das laufende Jahr. Denn der Nebengebührenkatalog für Beamte und Vertragsbedienstete der Stadt wird jedes Jahr zwischen Dienstgeber und Gewerkschaft aufs Neue ausgearbeitet. Das heißt, selbst wer am gleichen Arbeitsplatz bleibt, kann seine Zulage jedes Jahr verlieren. Ulm fordert daher für Mitarbeiter der Stadt Wien ein Pauschalentgelt wie für jene des Bundes.