Der Theodor-Körner-Hof wurde in den 50ern als städtisches Prestige-Objekt errichtet

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
06/08/2021

Matzleinsdorfer Platz: Vom Tanzcafé zur Tristesse

Wer in den 50er-Jahren jung war, erlebte den heutigen Verkehrsknoten als Ort des Fortschritts – mit einem berüchtigten Lokal.

von Agnes Preusser

"Wie i als klans Buaberl die Welt hab erblickt, war Matzleinsdorf no a klans Ort. Die Häuser war’n klan und mit Garten umgeb’n und G’schäften san gangen sehr guat."

Wer heutzutage am Matzleinsdorfer Platz vorbeikommt, der kann nicht mehr viel von dem entdecken, was Komponist Josef Obermayer (1866–1951) in seinem Wienerlied „Matzleinsdorf, mein Heimatsort“ beschreibt.

Bei Grün herrscht jedenfalls Fehlanzeige. Stattdessen steht man, umgeben von Beton, wahrscheinlich im Stau. 

Dabei schaut man entweder auf die Baustelle für die künftige Endstation der verlängerten U2 – die den Platz derzeit wieder ins kollektive Bewusstsein rückt.

Oder auf (meist wenig kunstvolle Graffiti) mit Schriftzügen wie „Tonic“ oder gleich gänzlich unlesbares Gekrakel.

Jemand, der sich trotz oder gerade wegen dieser Tristesse in diesen Ort verliebt hat, ist Tomash Shoiswohl. Der Künstler, und nach Eigendefinition Stadtforscher, beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Matzleinsdorfer Platz.

Auf der Uni habe er ihm jedes Referat, jede Präsentation und jede Arbeit gewidmet, sagt er.

Ehemaliger Vorort
Matzleinsdorf wurde 1136 erstmals erwähnt und ist eine der ältesten Vorstädte Wiens

Namenspatron
Der Name Mazilinestorf soll auf Mazilo, den Siedlungsgründer, zurückgehen

1850 Eingemeindung
Matzleinsdorf wurde mit mehreren Vorstädten zu einem Bezirk zusammengefasst, damals noch Wieden

Trennung
Seit 1874 gehört Matzleinsdorf zu Margareten, Teile werden aber Favoriten zugerechnet

Der eigentliche Matzleinsdorfer Platz liegt in Margareten, aber für die meisten zählt auch alles auf der Favoritner Seite rund um den Öffi-Knoten dazu.

In memoriam Passage

Die Fußgänger-Passage, die einst von der S-Bahn-Station zur Triester Straße führte, ist aufgrund der derzeitigen Umbauten übrigens Geschichte.

Der dunkle, lange Schlauch, bei dem man jederzeit befürchtete, angefallen zu werden, wird wohl kaum jemandem abgehen. „Man fragt sich, was sich die Archäologen der Zukunft denken, wenn sie so einen Weg entdecken“, sagt Shoiswohl.

Dass der Platz aussieht, wie er aussieht, liegt schon im 18. Jahrhundert begründet. 1703 wurde nämlich der Linienwall rund um Wien errichtet – ursprünglich als Schutz gegen die Kuruzzen, also ungarische Aufständische.

Schon bald wurde der Wall aber zur Steuergrenze, mit Mauthäuschen beim Linientor am heutigen Matzleinsdorfer Platz.

„200 Jahre lang wurde hier eine riesige Grenzstation betrieben“, erzählt der Stadtforscher. Dass es Schmuggel gegeben hätte und Menschen mit Leitern versucht hätten, die Mauer zu überwinden, gehe aus damaligen Verordnungen hervor.

Die Torfunktion sei jedenfalls heute noch sichtbar, sagt Shoiswohl, „die Grenze zwischen dem armen Favoriten und dem leicht bessergestellten Margareten ist deutlich sichtbar“.

Prestigeträchtiger Wolkenkratzer

Der Matzleinsdorfer Platz war aber nicht immer ein so verschriener Ort wie heute. Zwischen 1954 und 1957 wurde hier zum Beispiel das erste Hochhaus der Stadt Wien errichtet, der Theodor-Körner-Hof.

Mit Zentralheizung und WCs in jeder Wohnung ein absolutes Prestigeprojekt. Die Arbeiter-Zeitung titelte beim Spatenstich gar „Ein Turm des neuen Wien“.

In den 50ern war es etwas Besonderes, in diesem ersten städtischen Wolkenkratzer zu wohnen. Das lockte auch prominente Bewohner an – etwa den späteren Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ).

Wichtiger für die Umgebung als die Promis war aber das Tanzcafé im Dachgeschoß. „Von der Jukebox, die dort gestanden ist, reden die Leute, die damals jung waren, immer noch“, sagt Shoiswohl. Etwas, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann.

Der Künstler spricht nach wie vor gerne mit den Matzleinsdorfern. Jeden ersten Sonntag im Monat veranstaltet er darum „Zufällig Herumsitzen“ am Platz. Jeder kann vorbeikommen und sich mit ihm unterhalten.

Manchmal überlegt er sich auch etwas Spezielles, so wie vergangenen Sonntag. Für das verwahrloste Feuerwerksgeschäft, das im Zuge des U-Bahn-Baus abgerissen wurde, baute er eine Trauer-Kunstinstallation auf. Shoiswohl hatte in dem Laden jahrelang Events und Ausstellungen organisiert.

Für einen Tag saß nun eine schwarze Figur, genannt das „Matzi-Monster“, an der Stelle des Gebäudes inmitten des sich laufend verändernden Verkehrsknotens. Der dunkle Kreis darunter symbolisierte das tiefe Loch der Trauer.

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