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Chronik Wien
08/26/2021

Mädchen gedrillt bis zur Verletzung: Trainerin verurteilt

Als achtjährige Sportgymnastin über Schmerzen klagte, bekam sie zur Antwort: "Ich glaube dir nicht". Geldstrafe nicht rechtskräftig.

von Michaela Reibenwein

Es geht am Donnerstag im Landesgericht für Strafsachen in Wien nicht um einen Einzelfall. Es geht um ein System. Kinder im Spitzensport. Und wohin zu großer Ehrgeiz von Eltern und Trainern führen kann.

Konkret ist es die Geschichte eines jetzt 10-jährigen Mädchens. Die Eltern stammen aus Russland, genauso wie die angeklagte Trainerin. Das Mädchen hatte Chancen, in der rhythmischen Gymnastik ganz vorne mitzumischen. National und international. Vielleicht durch sportliche Erfolge auch die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten...

Die Ziele waren groß. Auch bei der Trainerin. "Sie ist sicher von ihrem Herkunftsland geprägt. Sie ist sehr resolut und bestimmend", sagt ihr Anwalt Klaus Ainedter. "Aber auch ehrlich."

Acht Stunden tägliches Training

Unter der Aufsicht der Frau fuhr das Mädchen, damals acht Jahre alt, ins dreiwöchige Trainingslager. Vormittags vier Stunden Training. Mittagspause. Nachmittags noch einmal vier Stunden Training. In der zweiten Woche waren bei einem Fuß plötzlich blaue Flecken sichtbar. Das Mädchen klagte über Schmerzen. Das Kind wandte sich an ihre Trainerinnen. Zur Antwort bekam es: "Geh weg." Oder: "Ich glaube dir nicht." Oder: "Ist mir egal."

Das Mädchen trainierte weiter. Die Schmerzen behielt es für den Rest des Trainingslagers für sich. "Weil mir ja sowieso keiner geglaubt hat." Zudem habe es befürchtet, dass es noch härter trainieren müsse oder mit Essensentzug bestraft werde. Warum es die Eltern nicht angerufen habe? "Ich musste das Handy abgeben und habe nur noch einmal mit dem Handy der Trainerin meine Mutter anrufen dürfen. Aber ich habe nichts gesagt. Die Trainerin stand daneben."

Zwei Tage nach dem Trainingslager wurde bei dem Kind ein schmerzhaftes Knochenmarksödem festgestellt. Das Training fiel daraufhin für mehrere Monate aus.

Verletzung fiel nicht auf

"Es ist mir nicht aufgefallen", gibt die angeklagte Trainerin zu. "Sie konnte ganz normal gehen." Doch von Schmerzen habe ihr das Kind nie berichtet. Die Trainerin wiederum lenkt die Aufmerksamkeit auf die Eltern des Kindes. "Die wollten unbedingt, dass das Kind Profisportlerin wird. Und das Mädchen hat sicher keine Angst vor mir. Es hat Angst vor seiner Mutter."

Auch eine spätere Trainerin (eines anderen Vereins) berichtet über seltsames Verhalten der Eltern. Sie habe mehrmals die Unterlagen zur Krankengeschichte des Kindes eingefordert - und wurde immer wieder vertröstet. "Die Eltern waren sehr ambitioniert", beschreibt sie.

Dennoch: Dass das Kind trotz Verletzung weitertrainieren musste, das geht auf das Konto der Trainerin, befindet Richter Gerald Wagner. "Sie stellt zu hohe Anforderungen an Kinder." Die Frau habe das Kind im Lager zwar nicht selbst trainiert, hatte aber die Aufsichtspflicht und hätte die Verletzung nicht übersehen dürfen. "Spitzensport für Kinder ist in Österreich erlaubt. Wir dürfen nicht jede Verletzung anklagen. Sonst wäre zum Beispiel Skisport in Österreich gar nicht möglich, wenn ich Kinder auf vereisten Pisten fahren lasse." Er spricht die Trainerin wegen fahrlässiger Körperverletzung schuldig und verurteilt sie zu 720 Euro Geldstrafe. Zusätzlich wird dem Mädchen 3.000 Euro Schmerzengeld zugesprochen; nicht rechtskräftig.

Aber auch die (nicht angeklagte) Mutter erwähnt der Richter in seinen Abschlussworten: "Die Mutter dürfte tatsächlich sehr ehrgeizig sein. Da herrscht hoher Druck. Ich möchte nicht an der Stelle des Mädchens sein."

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