Das „Grätzl“ an der Hirschstettner Straße wurde nach einem Brandanschlag wieder aufgebaut. 

© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Wien
01/15/2022

Lokalaugenschein im Lobau-Camp: „Ein Sinnbild für alles, was schiefläuft“

Stadtstraße und Lobautunnel – seit Monaten leisten junge Klima-Aktivisten Widerstand gegen ein umstrittenes Bauprojekt. Ihr Durchhaltevermögen spricht dafür, sie ernst zu nehmen.

von Bernhard Hanisch

Das Bedürfnis, an diesem Ort länger zu bleiben oder gar zu übernachten, hält sich in Grenzen. Die trübe Aussicht prallt gegen die graue Unterseite der Südosttangente. Vor der Ampel bilden rote Rücklichter eine Schlange auf der Hirschstettner Straße. Als fast logische Begleiterscheinung kriecht die Temperatur dem ersten winterlichen Kälterekord entgegen.

„Ich ziehe mir eine Thermohose drüber, ein paar Wärmflaschen und ein g’scheiter Schlafsack werden reichen“, sagt Anna. Im Bretterverschlag am Straßenrand wird sie in Dreieinhalb-Stunden-Schichten mit anderen Klimaaktivistinnen die Nacht verbringen.

Es gilt, wachsam zu bleiben nach dem Brandanschlag vom 31. Dezember, der nur mit viel Glück kein tödlich-tragisches Ende fand. 

Auf politischer Ebene brauchte es bis zum vergangenen Donnerstag, um im Wiener Gemeinderat den Beschluss zu fassen, den „mutmaßlichen Brandanschlag auf ein Holzhaus im Camp an der Hirschstettnerstraße 44“ zu verurteilen.

Unverständnis

Unter einem Schild hängt ein Schaukasten mit verkohlten Relikten. Weniger als Zeichen der Anklage, eher ein Statement, sich keinesfalls einschüchtern zu lassen – „Häuser brennen, Träume nicht“. Begonnen hat der Wiederaufbau, gespendet wurden Material, Fenster und Holz.

Gelegentlich dringen Beschimpfungen, oder ragen gestreckte Mittelfinger aus offenen Autofenstern. Ob auf grundsätzlicher Verständnislosigkeit oder ewig gültigem Generationskonflikt beruhend – auch im Netz türmen sich unter medialen Berichten die geposteten Forderungen nach Bestrafung der „Berufsdemonstrierer“, „Spinner“, die sich endlich eine „gescheite Arbeit suchen sollten“. Unvereinbar scheinen die Gegensätze.

Sie könne solche Reaktionen durchaus verstehen, „aber es gibt sehr viele, die uns aufmuntern, weiter zu machen“. Nein, Angst habe sie nicht, versichert Anna.

Sie ist 26, wird demnächst ihr Lehramtsstudium abschließen. Warum sie jetzt hier steht? Schon als Schülerin sei sie von einem Biologieprofessor auf das Klimaproblem aufmerksam gemacht worden.

Irgendwann hat sie sich für die „gewaltfreie und unpolitische“ Auflehnung und ein Engagement bei „Fridays for Future“ entschieden. „Warum sollte ich also erst einer Partei beitreten? Dann ist vielleicht ja alles schon zu spät.“

Störungsfreier Ruheort

Am 30. August des vergangenen Jahres haben mehrere Klimaschutzbewegungen ein gemeinsames Basiscamp errichtet. Einige Gehminuten davon entfernt wurden zwei Baustellen widerrechtlich besetzt, um der Schnellstraße samt Lobautunnel, um dem Bau der Wiener Stadtstraße entgegenzutreten.

Besagtes „Grätzl“ neben der Hirschstettner Straße ist eines davon. Vorgangsweisen, die Wiens Bürgermeister auf die Palme trieben. Fast täglich ist mit der behördlichen Räumung des „Grätzels“ und der nahe gelegenen „Wüste“ zu rechnen, es gibt Klagsdrohungen gegen mehrere Aktivisten.

Genau aus diesem Grund erklärt der junge Mann im größten, zum „Wohnzimmer“ gewordenen Zelt des Basiscamps, warum man es dabei belassen sollte, ihn schlicht „Omid“ zu nennen. „Das ist mein Aktivistenname.“

Er entschuldigt sich, man könne sich leider nicht gegenüber in der Jurte unterhalten. Dort sei es zwar einigermaßen warm, gelte aber als störungsfreier Ruheort. Für die „Aktivisti“ und „Besetzi“, wie es fachspezifisch gendergerecht heißt.

Dusche und frische Wäsche

Wer mit verstaubten Klischeebildern vor Augen hier ankommt, um grüne bis linke Extremausleger zu treffen oder mit revolutionären Realitätsverirrungen konfrontiert zu werden, erlebt eine Enttäuschung.

Es ist ruhig, sachlich unaufgeregt die Bestrebung, aufzuklären, und verstanden zu werden. Omid kennt die Vorurteile: „Natürlich bin ich privilegiert, habe die Sicherheit, jederzeit bei den Eltern wohnen zu dürfen. Das kann’s aber nicht sein“.

Eine Straße trennt das Camp von den Häusern der Anrainer. Deren Stimmungslagen schwanken zwischen Ablehnung und Sympathie mit unterstützender Wirkung.

Eine Bewohnerin bietet warme Duschen an, wäscht Kleidung. Ein Nachbar sorgt für den Stromanschluss, von der Pfarre kommt das Wasser.

Über den Lobautunnel diskutiert man seit mehr als zwei Jahrzehnten. Dass es daneben auch so etwas wie eine „Stadtstraße“ geben soll, hat sich  hingegen erst vor Kurzem herumgesprochen. 

Wobei, so monierten Kritiker, ja schon der Ausdruck „Stadtstraße“ ein Euphemismus sei, manche sagen auch Framing dazu, also ein (diesfalls politisches) Erzählmuster. 

Die  Stadt Wien  weist  darauf hin, dass es sich bei der  „Stadtstraße“ um eine   normale Gemeindestraße handle. Die allerdings, wie auf den  offiziellen Visualisierungen zu sehen, vier Spuren, zwei in jede Richtung hat, was in den Augen mancher an eine  Autobahn erinnert.

Dafür müsste die Zuständigkeit allerdings bei der Asfinag liegen. Für die  „Stadtstraße“ ist die Stadtverwaltung verantwortlich.

Außerdem ist ein Tempolimit von 50 km/h vorgesehen.  Die unumstrittenen Fakten: Sie soll 3,2 Kilometer  lang, zur Hälfte untertunnelt, an anderer Stelle  mit Lärmschutzwänden ausgestattet werden und ab 2025 die Seestadt mit der Tangente verbinden.

Wohngebiete sollen, und das ist schon weniger unumstritten,  vom Verkehrslärm entlastet werden. Projektkritiker und manche Anrainer glauben, die Straße würde nur noch mehr Verkehr anziehen. Ohne sie, behaupten Befürworter, könnten Wohnungen für 60.000 Menschen nicht gebaut werden.

Im Wiener Gemeinderat wurde am Donnerstag  heftig  über die  sogenannte Stadtstraße debattiert. Man solle sie, so die Grünen,  auch  einem „Klimacheck“  unterziehen.  

von Barbara Beer

„Ich bin nicht sicher, ob alle so genau wissen, was hier auf sie zukommen könnte.“ Im „Wohnzimmer“ hängen Pläne des mehrspurigen Straßenbaus. Festgehalten aus einem „werbewirksamen Aufklärungsvideo“, das nur kurz im Netz zu sehen gewesen sein soll.

Hinterfragt

Omid, der Niederösterreicher, ist 27 Jahre alt, nächste Woche will er das Studium der Elektrotechnik zu Ende zu bringen. Mitglied von „Friday for Future“ ist er nicht mehr. Zu groß wurde der organisatorische Aufwand.

Seine eigene Ausbildung an der Uni betrachtet er kritisch: „Technische Innovationen stehen im Vordergrund, aber es fehlt an Nachhaltigkeit und der Bezug zur Klimakrise. Vieles dreht sich meist um Gewinn und Profit mit grünem Anstrich“.

Das Ringen um die Lobau ist längst zum Politikum geworden. Omid klammert sich an einen von vielen „lokalen Versuchen, globales Umdenken zu bewirken. Das hier ist ein Sinnbild für alles, was momentan schiefläuft“.

Statt gemeinsam das angerichtete Chaos aufzuräumen, nach Alternativen zu suchen, werde man beschimpft. Und sogar angezündet.

Anna packt ihre Sachen. Es ist Zeit, um sich auf den Weg zum „Grätzl“ zu machen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.