© Birgit Seiser

Chronik Wien
08/08/2019

Letzte Zuflucht Rathaus: Obdachlos vor Wiens Machtzentrum

Immer mehr Obdachlose verbringen die Nacht aus Angst vor dem Rathaus. Der KURIER hat mit einem gesprochen.

von Birgit Seiser, Konstantin Auer

Wien feiert die lauen Sommernächte im ersten Bezirk. Am Rathausplatz lockt das Filmfestival, die Schanigärten sind voll.  Auf dem Weg ins nächste Lokal irritiert jedoch ein Anblick, der nicht so recht in die Szenerie passen will: Unter den Rathaus-Arkaden schlafen mehrere Menschen auf den Bänken und am Boden.

Sie sind in Schlafsäcke gehüllt, haben ihr Hab und Gut notdürftig verstaut.

Es waren zirka zehn Obdachlose, die die vergangene Freitagnacht direkt vor dem Wiener Rathaus verbrachten. Einer von ihnen ist Meliani Yacine Rudhil. Der Franzose erzählt den KURIER-Reportern, warum er hergekommen ist. „Es ist für mich eine Komfortzone. In den Parks gibt es viele Junkies und Ratten. Hier fühlen wir uns sicher."

Illegal gestrandet in Österreich

Der Obdachlose erzählt, warum er sich gezwungen sieht, dort zu schlafen. Er ist im Jänner illegal in Österreich gestrandet.

Der Franzose ist im Jänner 2019 nach Österreich gekommen. Er ist gelernter Maler und Elektriker. Auf sein Schicksal möchte er nicht im Detail eingehen. Er erzählt aber von Problemen mit der Justiz. Rudhil ist gut gekleidet, spricht seine Muttersprache Französich und Englisch. Er legt Wert auf Sauberkeit und möchte tagsüber nicht als Obdachloser erkannt werden. Er schreibt gerade an einem Buch und hofft in Wien einen Verleger zu finden.

Laut Rudhil sind es zirka 15 bis 20 Menschen, die regelmäßig unter den Rathaus-Arkaden schlafen. Größtenteils kommen sie aus Bulgarien, Ungarn oder der Slowakei und haben keine Papiere.  „Wir sind die Untersten der Gesellschaft“, sagt der Obdachlose. Der ehemalige Maler und Elektriker denkt, dass er kein Nachtasyl bekommt, weil er sich illegal in Österreich aufhält und keine Dokumente besitzt. Deswegen sei er im Jänner in Österreich gestrandet.

Unterkünfte für Anspruchslose

Tatsächlich ist der Franzose aber lediglich  schlecht informiert. Die Stadt Wien betreibt derzeit drei  sogenannte Chancenhäuser, die sind auch für  „Anspruchslose“, also Menschen, die in Österreich keine Sozialleistungen bekommen, zugänglich sind.  „Wir versuchen die Menschen, über mögliche Unterkünfte aufzuklären, es gelingt uns aber nicht immer, dass die Angebote auch angenommen werden“, sagt Katharina Ebhart-Kubicek, Sprecherin vom Fonds Soziales Wien (FSW).

Die Chancenhäuser gibt es seit 2018, derzeit können dort 450 Menschen unterkommen. Die Auslastung liegt zwischen 85 und 99 Prozent. Das Konzept werde aber in nächster Zeit erweitert, sagt Ebhart-Kubicek. Laut Caritas seien solche neuen Konzepte auch dringend notwendig:  Heuer sei es  vor allem im verregneten, kühlen Mai zu schwierigen Situationen in Sachen Unterkünfte gekommen. „Obdachlosigkeit gibt es 365 Tage im Jahr. Wir glauben, dass es auch im Sommer  neue Angebote bräuchte“, sagt Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner.  Hier sei die Politik gefordert.

Wir glauben, dass es auch im Sommer neue Angebote bräuchte.

Klaus Schwertner | Generalsektretär Caritas

Wie viele Obdachlose  es in Wien gibt, darüber gibt es keine seriösen Zahlen. Vor allem Frauen würden sich, um nicht auf der Straße übernachten zu müssen, in Zweckpartnerschaften und andere Abhängigkeitsverhältnisse begeben. Daher wird ihre Wohnungslosigkeit erst sichtbar, wenn sie sich an ein Unterstützungsangebot wenden. Das mache  es für die Caritas und den FSW schwierig, Angaben über die Zahl betroffener Menschen zu machen.

Rathauswache sieht Situation entspannt

Die Rathauswache weiß übrigens, dass Menschen vor diesem Wiener Wahrzeichen schlafen. Vor allem wenn am Rathausplatz  Events stattfinden, würden sie vom Park unter die Arkaden verdrängt werden. Die Sicherheitsbeauftragten kontrollieren die Szene regelmäßig. „Wir sehen das aber entspannt. Das Rathaus ist ein öffentliches Gebäude, da kann jeder hin“, sagt die Sprecherin der Magistratsdirektion. Bisher hätte es auch keine Beschwerden über  Müll oder Lärm gegeben.

Auf Sauberkeit und Benehmen, legt auch  Meliani Yacine Rudhil wert. Wie er  persönlich auf der Straße gelandet ist, will  er nicht genau erzählen. „Wir sind alle unterschiedlich und haben andere Geschichten“, sagt er über die Obdachlosen unter den Rathaus-Arkaden.  Manche hätten eine Scheidung hinter sich, andere seien arbeitslos oder hätten Suchtprobleme.
 „Ich trinke nicht, weil ich hoffe, so schneller wieder ins Leben zu finden“, sagt Rudhil. Schlafen könne er unter den Arkaden nicht so gut, wie früher in seiner Wohnung, „Ich bin  aber froh, bei diesem schönen Gebäude Zuflucht zu finden“, sagt er.

FSW will schnell handeln

Nach der KURIER-Recherche versicherte der FSW, schnell handeln zu wollen und noch in den Abendstunden  des Mittwochs  Sozialarbeiter zum Rathaus zu schicken. Sie sollen die Obdachlosen über ihre Optionen  aufklären. Der KURIER wird berichten.

2018 gab es in Wien 11.730 Menschen, die bei der Wiener Wohnungslosenhilfe Unterstützung suchten.

Der Fond Soziales Wien hat für diese Zielgruppe 90 Mio. Euro aufgewendet.

Mit dem Geld werden rund 6.700 Wohn- und Schlafplätze finanziert, aber auch Tageszentren wie die JOSI, Beratungseinrichtungen und Straßensozialarbeit. Insgesamt fördert die Stadt Wien über den Fonds Soziales Wien über 100 Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe.

Im Wiener 2018/2019 haben 2.946 verschiedenen Personen, darunter 577 Frauen, die Notquartiere der Stadt genutzt.

20 Prozent der Wohnungslosen kommen aus Österreich. 12 Prozent aus der slowakei, gefolgt von Rumänien mit 11 Prozent und Polen mit 7 Prozent.